Tokyo 2021 – eine Standortbestimmung oder: Teilnehmen ist wichtiger als siegen

Folgt man den Plänen des japanischen Organisationskomitees und des IOC, so sollen die 32. Olympischen Spiele am 23. Juli 2021 in Tokio eröffnet werden. Soll dieses Ziel erreicht werden, so bedarf dies der Unterstützung all jener internationaler und nationaler Institutionen, die am Erhalt dieses außergewöhnlichen weltkulturellen Ereignisses interessiert sind. Die Teilnahme von Zuschauern wäre dabei wünschenswert, doch sie ist eher als ein nachgeordnetes Problem zu betrachten. Will man die besondere Bedeutung der modernen Olympischen Spiele zum Ausdruck und zur Darstellung bringen, so muss es vor allem darum gehen, dass allen Olympischen Athleten und Athletinnen aus mehr als 200 Nationalen Olympischen Komitees eine Teilnahme an den Spielen ermöglicht wird und dass bei den Spielen selbst faire Wettkämpfe durchgeführt werden können. Die Anstrengungen durch die japanische Regierung und die komplexen Vorkehrungen, die das Organisationskomitee dieser Spiele gemeinsam mit dem IOC bereits entwickelt haben, können dabei durchaus als ermutigend bezeichnet werden. Gleiches gilt für die hohe Qualität des japanischen Gesundheitssystems und für die äußerst erfolgreiche Bekämpfung der Corona – Pandemie. Auch die Unterstützung durch die WHO, durch die Vereinten Nationen und der G-20 und G-7-Staaten sind hilfreiche Meilensteine auf dem Weg nach Tokio. Ebenso scheint eine alle Olympischen Athleten und Athletinnen umfassende Impfstrategie zu Gunsten ihrer Teilnahme bei diesen Spielen wahrscheinlich zu sein.

Diese ermutigenden Zeichen erlauben aus nationaler Sicht die Frage zu stellen, in welcher Ausgangslage die deutschen Olympischen Athletinnen und Athleten sich wenige Monate vor Beginn der geplanten Olympischen Spiele befinden und was möglicherweise noch getan werden muss, um möglichst vielen Athletinnen und Athleten aus Deutschland wichtige Erlebnisse zu ermöglichen, die nur bei Olympischen Spielen gemacht werden können.

Wer ein Bild von der aktuellen Verfasstheit des Olympischen Sports in Deutschland zeichnen möchte, dem bieten sich äußerst viele Blickwinkel an. Da sind zunächst und vor allem die Athletinnen und Athleten, die Trainer und Trainerinnen sowie die Verbände. Des Weiteren sollte man auch die Rolle der Wissenschaft, der Massenmedien, der Wirtschaft und der Politik beachten. Besonders wichtig scheint auch die Frage zu sein, was das „Olympische“ in und bei den Olympischen Sportarten ausmacht. Um eine auch nur annähernd fundierte Situationsanalyse zu erbringen, muss also eine Vielfalt von Merkmalen betrachtet werden. Im Folgenden versuche ich einige ausgewählte Aspekte etwas genauer zu beleuchten.

Erfolge bleiben immer häufiger aus

Stellt man die Frage nach den möglichen Erfolgen deutscher Athleten und Athletinnen bei den nächsten Olympischen Spielen in Tokio, so kann eine Antwort auf die Frage hilfreich sein wie sich in den vergangenen 25 Jahren der Olympische Sport in Deutschland bei Olympischen Spielen bewährt hat. Ein Blick auf die Statistik der sportlichen Erfolge zeigt, dass seit den Olympischen Spielen von Barcelona 1992 eine erhebliche Einbuße in den angestrebten und erreichten Rängen der Weltbestenlisten der unterschiedlichen Olympischen Sportarten zu beobachten ist.

Vergleicht man z.B. die statistischen Befunde zur Leichtathletik und zum Schwimmen als den olympischen Königsdisziplinen, so zeigt sich, dass diese wichtigen Olympischen Sportarten immer weniger erfolgreich sind. Aber auch die Athletinnen und Athleten weiterer wichtiger Olympischer Sportarten haben erhebliche Probleme, sich mit den Besten der Welt zu beweisen und erfolgreich zu messen.

Auf die Frage nach den Ursachen dieses Rückgangs lassen sich nur Vermutungen äußern. Wissenschaftlich fundierte Antworten hierzu liegen nicht vor. Es mag gesellschaftliche Ursachen geben, aber auch „hausgemachte“ Fehler in den Sportorganisationen können eine Rolle spielen. Vermutlich tragen auch Massenmedien, Wissenschaft und Wirtschaft ihren Teil dazu bei. Man kann auch annehmen, dass es am Training und an der Wettkampfsteuerung liegt. Zu prüfen wäre, ob in Deutschland mit einer ausreichenden Zielstrebigkeit und Konsequenz trainiert wird und ob die deutschen Athletinnen und Athleten über eine ausreichende Wettkampfhärte verfügen. Manche vermuten gar, dass eine engagierte Anti-Doping-Politik einen Leistungsrückgang bewirkt und damit zu internationaler Chancenungleichheit geführt habe.

Leistungsdichte ist gefährdet

Als erstes muss wohl gefragt werden, ob in Deutschland die „Ressource Athlet“ ausreichend zur Verfügung steht, um sich mit den Besten der Welt messen zu können. Hier scheint sich bei einem ersten Blick zunächst eine positive Situation abzuzeichnen. Nach wie vor gibt es genügend junge Menschen, die bereit sind, sich auf den schwierigen und risikoreichen Weg zu sportlicher Spitzenleistung zu begeben. Trotz der Ausdifferenzierung der Sportarten und der Konkurrenz der Sportverbände um Talente verfügen die meisten Verbände nach wie vor über ausreichend viele Kinder und Jugendliche, die sich dem Wettkampfsport verschrieben haben. Sehr viele der vorhandenen Talente sind auch nach wie vor bereit, sich auf eine riskante Laufbahn im Hochleistungssport einzulassen.

Problematischer sieht es aus, betrachtet man in einem zweiten Blick die Wettkämpfe der unterschiedlichen Olympischen Sportarten auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Die Starterfelder z.B. bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften zeigen, dass es unter quantitativen Gesichtspunkten in den vergangenen zwanzig Jahren zu ganz erheblichen Einbußen gekommen ist. Immer weniger Athletinnen und Athleten betreiben Wettkämpfe auf mittlerem und hohem Niveau, so dass es bei den nationalen Meisterschaften in manchen Einzeldisziplinen nicht einmal mehr gelingt, Vorläufe zu veranstalten. Oft ist man schon zufrieden, wenn ein Endlauf besetzt werden kann. Immer häufiger werden unvollständige Starterfelder zum negativen Merkmal Olympischer Sportarten. Die Klage über Nachwuchsprobleme hat in den vergangenen Jahren nahezu in allen Olympischen Verbänden zugenommen und angesichts des demographischen Wandels unserer Gesellschaft muss angenommen werden, dass sich dieses Problem in den nächsten Jahren noch verschärfen wird.

Schlechte Bedingungen für Trainer und Trainerinnen

Noch kritischer als die Situation der Athleten und Athletinnen ist die Situation der Trainer und Trainerinnen, deren Berufsstand von erheblicher sozialer Ungleichheit geprägt ist. In den meisten Olympischen Sportarten sind die Beschäftigungsverhältnisse von einer akzeptablen Professionalität meilenweit entfernt, die Entlohnung ist meist völlig unzureichend und von einer Arbeitsplatzsicherheit kann nur ganz selten gesprochen werden.

Auf der einen Seite gibt es dabei die hoch dotierten Trainerverträge im Bundesliga-Fußball, auf der anderen Seite stehen die Honorartrainer und -trainerinnen in der Mehrzahl der Olympischen Sportarten, die trotz einer häufig fundierteren Ausbildung meist nur Zeitverträge mit einer Entlohnung von nur etwas mehr als 400 Euro pro Monat aufweisen. Dabei trainieren sie nicht selten Athletinnen und Athleten der olympischen Spitzenklasse. Angesichts dieses Sachverhalts kann es wohl kaum überraschen, dass der Beruf des Trainers und der Trainerin nur selten oder gar nicht zu den Berufswünschen junger Menschen zählt.

Steuerungsprobleme der Verbände

Das Bild der Sportverbände, die den Olympischen Sport in Deutschland verantworten, ist schillernd. Betrachtet man ihre Führungs- und Verwaltungsstrukturen, das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamt, die Budgetentwicklung der Verbände in Bezug auf ihren Auftrag und unterwirft man sie einer Kosten-Nutzen-Analyse, so werden in fast allen Olympischen Verbänden erhebliche Mängel sichtbar. Die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt war und ist in den meisten Olympischen Verbänden konfliktträchtig, das Führungshandeln ist häufig problematisch. Die Führungs- und Verwaltungsstrukturen leiden unter dem Dauerkonflikt zwischen den Landesverbänden und den nationalen Spitzenverbänden. Der Wunsch nach Zentralismus steht dem Wunsch nach föderalem Eigenleben entgegen. Einige Spitzenverbände haben im letzten Jahrzehnt bereits erhebliche Mitgliederverluste zu vermelden. Von 29 olympischen Verbänden sind 21 wohl noch (teilweise sehr gering) gewachsen, doch 18 haben hingegen (teilweise sehr gravierende) Mitgliedereinbußen zu verzeichnen.

 2010201120122013201420152016201720182019
Alpenverein831.762875.386918.553965.6151.010.7211.053.4101.095.8891.145.8731.197.0491.251.823
Badminton216.516213.317205.215200.672200.271194.597188.380187.464191.432187.717
Base-/Softball24.39423.15923.58523.70123.36423.36422.84023.17322.57722.310
Basketball190.152191.156192.551192.012192.164191.882195.453203.028208.438212.093
Bob&Schlitten7.0607.2477.3536.2016.3716.7486.5686.9617.1646.680
Boxsport64.80766.27373.13269.75971.73370.80171.07575.92882.27178.897
Curling678654677751727767724754736752
Eishockey28.40828.93227.06827.39128.07124.72224.74025.75720.49020.595
Eislaufen19.54919.80019.73919.13518.29318.29318.65117.64918.89719.781
Eisschnelllauf1.1341.2238841.5611.4571.3961.4051.2371.2392.823
Fechten24.52525.64725.49825.58325.94325.49224.51123.91523.84522.942
Fußball6.756.5626.749.7886.800.1286.822.2336.851.8926.889.1156.969.4647.043.9647.090.1077.131.936
Gewichtheben23.83123.83123.48424.30224.63221.00620.89120.22020.87620.228
Golf599.328610.104624.569635.097637.735639.137640.181643.158644.943642.240
Handball846.359832.297818.640803.373786.748767.326756.987756.907757.593748.889
Hockey74.44375.35877.28077.41281.18981.75082.62784.95185.57585.950
Judo177.145168.664168.966160.555161.164153.803150.279149.606143.781134.392
Kanu115.917116.588117.516118.207119.392119.106118.406119.150120.619122.015
Karate107.037105.50159.757183.882165.859162.072157.426155.524156.649152.755
Leichtathletik885.664872.650860.120853.076834.887822.646819.960815.627809.007799.205
Mod. Fünfkampf93.45591.92497.094103.931109.825106.138115.110122.545127.059128.979
Radsport134.816136.008136.171137.424138.181136.962137.884139.350140.977143.216
Reiten737.103727.866718.965708.890697.067690.200690.995687.036686.747682.348
Ringen66.60565.80365.56365.03264.27063.97863.63163.15664.31264.058
Rollsport33.37933.88934.67834.06334.19634.80934.62836.02337.15237.865
Rudern81.65481.39180.70583.31082.59783.79283.83085.02085.81986.762
Rugby11.65612.17512.93613.85213.98513.54214.30415.31115.90616.234
Schützen1.439.1111.415.5871.394.0601.372.4181.373.8901.356.9001.342.9151.352.3561.354.8701.349.851
Schwimmen575.509572.992571.803570.672565.702562.273559.958563.134562.987573.367
Segeln185.264186.157186.493186.300186.808184.700187.610187.867188.243187.966
Ski580.082574.683572.575566.713564.686560.516554.443547.173540.250539.084
Snowboard40.42140.01640.17039.48037.83937.68138.01538.01537.91837.449
Taekwondo55.37657.02055.47955.66254.87156.51255.00956.26055.07655.792
Tennis1.559.4121.531.5801.504.1121.472.1971.445.1171.413.9951.400.9401.391.9861.383.8931.370.801
Tischtennis614.179606.075601.240598.714588.547570.655560.644553.443550.045542.351
Triathlon35.64042.28450.23652.09253.78854.84855.27057.92658.73358.644
Turnen4.972.0434.959.2364.967.4015.008.9665.018.8194.970.1044.963.2524.939.1254.980.4244.996.077
Volleyball481.442467.362454.820451.717446.177430.093430.098411.579416.417405.461
Wellenreitenn.n.n.n.n.n.n.n.n.n.n.n.n.n.1.1181.2821.387

Abb. 1: Entwicklung der Mitgliederzahlen der olympischen Sportverbände seit 2010 (Stand: 2019).

 

Kampf- und Schiedsrichter/innen

Die ehrenamtlich tätigen Kampfrichter bzw. Schiedsrichter/innen derlympischen Sportarten befinden sich ebenfalls in einer schwierigen Situation. Zwar nehmen sie eine unverzichtbare Rolle ein, werden in der Öffentlichkeit und auch in den Sportfachverbänden selbst jedoch kaum wahrgenommen. Die Kommerzialisierung hat sie so gut wie nicht erreicht. Angesichts der umfassenden Ökonomisierung des Sports wird die Rolle der Kampf- und Schiedsrichter/innen marginalisiert. Ihr Nachwuchsproblem ist eklatant und die Überalterung der Kampf- und Schiedsrichter/innen in den meisten Olympischen Sportarten offensichtlich.

Die Ideen des modernen Olympismus sind nur sehr selten bekannt

Schon die Debatten über den Tibet-Konflikt aus Anlass der Olympischen Spiele in Peking 2008 und die Diskussionen darüber, welche Rolle die Olympischen Spiele in Bezug auf die Menschenrechte spielen können und sollen, haben gezeigt, dass die Ideen des Olympismus, wie sie von Pierre de Coubertin entwickelt und gedacht wurden, für die Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Was die Olympischen Spiele auszeichnet, was sie von sonstigen sportlichen Großereignissen unterscheidet, scheint einer großen Zahl von Funktionären nicht mehr bewusst zu sein. Daher überrascht es nicht, dass auch die Mehrzahl der Athleten und Athletinnen die Olympischen Spiele lediglich als einen Wettkampf unter vielen betrachtet. Das Konzept einer Olympischen Erziehung, wie es das Nationale Olympische Komitee für Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat, muss als gescheitert bezeichnet werden. Die Symbolik, die besonderen Werte, das besondere ökonomische Modell und die Regeln der Charta der Olympischen Spiele sind der Mehrzahl der Beteiligten offensichtlich nicht bekannt. Daher ist zumindest in Deutschland die Charta des IOC unter kommunikativen Gesichtspunkten ein gescheitertes Dokument.

Massenmedien berichten selektiv

Die Rolle der Massenmedien für die Entwicklung des Hochleistungssports ist ebenso unerfreulich. Die Massenmedien nehmen den lympischen Sport äußerst selektiv wahr. Insbesondere das Fernsehen hat eine Schwerpunktsetzung bei der Programmgestaltung vorgenommen, die für viele Olympische Sportarten zu einer Bestandsgefährdung geworden ist. Darüber hinaus begleitet die Presse die Olympischen Sportarten in der Regel eher aus kritisch-distanzierter Sicht und beschränkt sich in hohem Maße auf eine Ergebnisberichterstattung. Von einer massenmedialen Verstärkung der Olympischen Bewegung in Deutschland kann daher nicht gesprochen werden. Von einem massenmedialen Interesse sind in Deutschland lediglich die Wochen während der Olympischen Spiele selbst, während die vier Jahre zwischen den Spielen (Olympiad) für die Massenmedien keine oder nur eine nachgeordnete Bedeutung haben. Für viele Olympische Sportarten bedeutet dies, dass sie massenmedial nur alle vier Jahre eine „Existenz und Präsenz“ aufweisen. Gleiches gilt für deren Athleten und Athletinnen.

Zu wenig Unterstützung durch die Wirtschaft

Das Sponsoringvolumen zugunsten des Sports ist in den vergangenen Jahrzehnten ständig gewachsen. Davon hat auch der Olympische Sport profitiert. Diese finanzielle Unterstützung kommt jedoch meist nur wenigen attraktiven Sportarten zugute. In Bezug auf die finanzielle Unterstützung

von erwünschten Doppelkarrieren der Olympischen Athleten und Athletinnen spielt der Beitrag der Wirtschaft nahezu keine Rolle. Wirtschaftsunternehmen, insbesondere die großen DAX-Unternehmen, werden ihrem gesellschaftspolitischen Auftrag in Bezug auf eine kulturelle Förderung des Hochleistungssports bislang nur sehr selten gerecht. Lediglich die Bundeswehr. die Bundespolizei und der Zoll sind als tragfähige Arbeitgeber relevant.

Der Anti-Dopingkampf ist unzureichend

Häufig wird angenommen, dass Deutschland im Anti-Doping-Kampf besonders engagiert und erfolgreich ist. Insbesondere die Athleten und Athletinnen sehen sich als die best kontrollierten dieser Welt und empfinden ihre Situation als ungerecht. So ähnlich sehen es allerdings auch die meisten ihrer Konkurrenten und Konkurrentinnen aus den führenden Leistungssportnationen der Welt. Dabei ist keines der nationalen Doping-Kontrollsysteme perfekt. Das deutsche Kontrollsystem zum Beispiel ist nicht dicht genug, die Kontrollhäufigkeit in einigen Olympischer Sportarten ist geringer als mindestens eine unangemeldete Trainingskontrolle pro Jahr. Im Übrigen waren es deutsche Athleten, die neue Betrugsmethoden entwickelt haben, und es waren deutsche Netzwerke, die mit naturwissenschaftlicher Unterstützung die aufgebauten Kontrollsysteme unterlaufen haben. Noch schlechter sieht die deutsche Situation im Anti-Dopingkampf auf dem Gebiet der Prävention aus. Die meisten Spitzensportverbände sind nicht ernsthaft bemüht, Präventionsprogramme zu entwickeln und umzusetzen. Die wenigen Versuche, die es diesbezüglich gibt, sind meist wirkungslos.

Sportstätten und Trainingsbedingungen

Die Sportstätten und die Trainingsbedingungen in Deutschland sind überwiegend positiv zu bewerten. Dem Hochleistungssport stehen nahezu alle sportartspezifischen Trainings- und Wettkampfstätten zur Verfügung. Die Modernisierung der Sportstätten wurde rechtzeitig gesichert, die Sportarenen wurden den modernen Wettkampfbedingungen angepasst. Lediglich die Leichtathletik befindet sich in einer riskanten Entwicklung, da sie in Konkurrenz zum Fußball, der massiv auf reine Fussballarenen ohne 400m-Rundbahnen setzt, zunehmend ihre Austragungsorte für internationale Leichtathletik-Großereignisse verliert. Die Zugangsmöglichkeiten zu den Sportstätten und Trainingsanlagen fürlympische Athletinnen und Athleten ist allerdings nach wie vor verbesserungswürdig. Auch muss bedacht werden, dass insbesondere in den Bundesländern der ehemaligen Bundesrepublik bei vielen Sportstätten ein von Jahr zu Jahr wachsender Modernisierungsbedarf festzustellen ist.

Universitäten und Leistungssport

Bei der Kooperation zwischen dem Sport und den Universitäten gibt es nach wie vor erhebliche Schwierigkeiten. Die wissenschaftliche Erforschung des Hochleistungssports und die daraus resultierende Beratung beschränken sich auf wenige Spezialinstitute. Seit mehr als einem Jahrzehnt stehen dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft für die Erforschung des Hochleistungssports in Deutschland pro Jahr nicht mehr als 8,7 Millionen Euro (2017) zur Verfügung. Im selben Jahr konnten das IAT und das FES 15,5 Millionen € bewirtschaften. Stellt man diese Summen den Aufwendungen für sonstige Forschungssektoren in Deutschland gegenüber, so ist die sportliche Hochleistungsforschung eher als peinlich zu bezeichnen. Dies zeigt sich vor allem bei einem internationalen Vergleich.

Bisweilen sind die Verbände aber auch eher wissenschaftsfeindlich, als dass sie eine Kooperation mit der Wissenschaft suchen. Viele haben noch nicht einmal das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft IAT in Leipzig als Serviceagentur für Leistungsdiagnostik entdeckt. Die deutschen Universitäten sind hingegen schon seit langer Zeit und gerade auch in diesen Tagen gewiss keine Heimstätte deslympischen Leistungssports. Studieren Olympische Kaderathleten und -athletinnen an deutschen Universitäten, so finden sie nur sehr selten jene Unterstützung, die Spitzensportlern in anderen Staaten der Welt gewährt wird. Forschung zugunsten des Hochleistungssports findet an deutschen Universitäten so gut wie nicht statt. An den 67 sportwissenschaftlichen Instituten in Deutschland sind es nicht mehr als fünf Einrichtungen, die sich engagiert um die Belange des Hochleistungssports kümmern.

Perspektiven des Hochleistungssports

Gerechterweise muss hinzugefügt werden, dass das deutsche Hochleistungssportsystem nach wie vor zu einem der besten der Welt zählt. Olympische Fachverbände nehmen in den Ranglisten der jeweiligen Sportarten noch immer vordere Positionen ein, die deutsche Sportexpertise hat weltweit noch immer einen guten Ruf. Es muss auch gesagt werden, dass der Staat sich äußerst engagiert für den Hochleistungssport einsetzt. Insbesondere ohne die Unterstützung des Zolls, der Bundeswehr, der Polizei und der Bundespolizei könnte die internationale Konkurrenzfähigkeit der olympischen Sportarten heute nicht mehr gesichert werden.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen im deutschen Spitzensport, in den internationalen Gremien des Weltsports und aus meiner Sicht als Wissenschaftler müssen bei der Frage nach einer Bilanz des derzeitigen deutschen Hochleistungssportsystems dennoch die kritischen Aspekte überwiegen. Der deutsche Hochleistungssport befindet sich in einer gefährlichen Abwärtsentwicklung, die schiefe Bahn wird immer steiler, die Klagen werden lauter. Gleichzeitig werden die notwendigen Maßnahmen, mit denen diese Entwicklung gestoppt werden könnte, nicht ergriffen. Dem Vorstand für Fragen des Leistungssports im Deutschen Olympischen Sportbund, mangelt es an Unterstützung und teilweise auch an Durchsetzungsfähigkeit. Bei vielen Olympischen Fachverbänden ist bislang nicht erkennbar, dass die notwendigen Strukturmaßnahmen rechtzeitig ergriffen, neue Führungskonzepte erprobt und die dringend notwendigen Reformen eingeleitet werden. Das sogenannte „Wissenschaftliche Verbundsystem“ zeichnet sich durch vlele ungelöste Kommunikationsprobleme aus, eine anspruchsvolle Problemanalyse und geeignete Problemlösungen sind nur sehr selten zu erkennen. Anlass zur Hoffnung geben vor allem jene Verbände, die in den vergangenen zehn Jahren den Mut zum strukturellen Wandel besaßen. Mut machen auch jene Trainer und Vereine, die beim täglichen Training bereit sind, neue Wege zu gehen und die Herausforderung der wachsenden internationalen Konkurrenz anzunehmen. Heute noch befinden sich diese Trainer/Trainerinnen, Athleten/Athletinnen und Verbände in der Minderheit. Schenken wir ihnen die notwendige Aufmerksamkeit und Unterstützung, so haben sie durchaus eine Chance, die Zukunft des deutschen Hochleistungssports zu sichern.

Der Auftrag einer deutschen Olympiamannschaft

Angesichts der hier skizzierten Situationsanalyse des deutschen Olympischen Sports ist in Bezug auf die in fünf Monaten stattfinden Olympischen Spiele vor überhöhten Erwartungen zu warnen. Vielmehr ist Sorgfalt, Nachdenklichkeit, Bescheidenheit und Demut angebracht. Die höchste Priorität bei diesen Spielen muss der bloßen Teilnahme einer deutschen Olympiamannschaft selbst zugemessen werden. Auch bei diesen Spielen wird es gewiss um sportliche Höchstleistungen gehen und unsere Athleten und Athletinnen werden bemüht sein, olympische Medaillen anzustreben. Bei der Vorbereitung auf die Spiele sollten Sie deshalb die bestmögliche Unterstützung erhalten. Angesichts der schwierigen Trainingsbedingungen während der Corona Pandemie sollten die Qualifikationskriterien sich für all jene Athleten und Athletinnen, die bereits gezeigt haben, dass sie sich mit den besten der Welt messen können, nicht als unüberwindbare Hürden erweisen. Jede und jeder beste Deutsche in einer Olympischen Disziplin hat es verdient, dass er bzw. sie der deutschen Olympia Mannschaft in Tokio angehört. Doch jedem Athleten und jeder Athletin sollte bewusst sein, dass ihre Teilnahme an den Spielen in Tokio einen ganz besonderen Charakter haben wird und sie einen ganz besonderen Auftrag dabei zu erfüllen haben wie es ihn bei allen Spielen zuvor noch nie gab. Angesichts der Corona Pandemie, aber auch angesichts der Krise, in der sich die Olympische Bewegung in den letzten beiden Jahrzehnten befindet, haben die Spiele von Tokio eine besondere Mission zu erfüllen: Während dieser besonderen Spiele muss der Welt die nach wie vor einmalige kulturelle Bedeutung des modernen Olympismus zum Ausdruck und zur Darstellung gebracht werden.

Letzte Überarbeitung: 20.02.2021