Notwendige Kritik oder fragwürdige Skandalisierung?

Was ist los mit der deutschen Berichterstattung über Sportereignisse? Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking konnte eine Berichterstattung beobachtet werden, deren Chinabild zwischen exotischer Begeisterung und vereinfachender Dämonisierung schwankte. Es mangelte an Differenzierung und solider Recherche. In wissenschaftlichen Studien zu dieser Berichterstattung wurde zu Recht ein fragwürdiges schwarz-weiß-Bild kritisiert. Das Thema der Menschenrechte dominierte die Berichterstattung. Tibet wurde in eine Stellvertreterrolle Chinas gedrängt, wobei es durchaus als erstaunlich zu bezeichnen ist, dass unmittelbar nach Beendigung der Olympischen Spiele 2008 das Thema der chinesischen Menschenrechtsverletzungen von der kritischen deutschen Öffentlichkeit sehr schnell in Vergessenheit geriet. Vom Westen, insbesondere von Deutschland, wird China immer nur als Zerrbild wahrgenommen. Je nach eigener Befindlichkeit mal als interessante Kulturnation, mal als dessen Gegenbild, nie jedoch unvoreingenommen. Für eine weniger vorurteilsgeprägte Berichterstattung gibt es offensichtlich kaum einen Raum.

2014 fanden die Olympischen Spiele in Russland statt und nahezu dasselbe Phänomen war in der deutschen Berichterstattung zu beobachten. Über Wochen und Monate wurden die russischen Winterspiele dämonisiert, Putin war dabei der Dämon in Person und in der Menschenrechtsdiskussion wurde vorwiegend das Problem der Homophobie in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Auch hier war abzusehen, dass unmittelbar nach Beendigung der Spiele die Skandalisierung Russlands und seiner Winterspiele in Sotschi ein schnelles Ende finden wird.

„Vorne bunt, hinten tot“, „Kaum Menschen“, „Keine Stimmung“, „Null Charme“, „Frisierte Landschaften“, „Olympische Festung“ – die Sportanlagen, die Modernisierung einer Region, das Sicherheitskonzept, die ökologische Konzeption der Hotelbauten, die Eröffnungsfeier – sie alle wurden in einer ständig wiederkehrenden Berichterstattung in Frage gestellt. Palmen wurden zum Symbol einer sportpolitischen Fehlentscheidung. Temperaturen über Null wurden zur vernichtenden Messlatte. Absperrungen repräsentierten Totalität, Neubauten bedeuteten Zerstörung von Traditionen. Keiner fragte dabei wie heruntergekommen Sotschi in den letzten 20 Jahren gewesen ist, keiner war an fairen Vergleichen interessiert und orientiert. Wie war es in Albertville? Wie in Salt Lake City? Welche ökologischen Probleme hatte Turin? Wie teuer war Vancouver wirklich? Welche architektonischen Sünden gibt es in den Alpen? Wie warm wäre es gewesen, wenn die Spiele zur selben Zeit in Salzburg stattgefunden hätten? Salzburg war in diesen Tagen ohne Schnee und die täglichen Temperaturen schwankten zwischen acht und 15 Grad Celsius. Auch Vancouver lag am Meer und auch Vancouver ist alles andere als eine Wintersportstadt. Turin ist ein Industriemoloch, also alles andere als eine geeignete Kulisse für Winterspiele. Die Hotelbauten von Sankt Moritz, Davos oder Cortina unterscheiden sich nur wenig von denen in Sotschi. In allen Austragungsorten früherer Olympischer Spiele mussten Pisten gebaut werden, entstanden Steighilfen, wurden Wälder gerodet und Straßen begradigt.

In Russland ist dies alles nur einer einzigen Person zuzuschreiben. Putin stellt eine totalitäre Autorität dar, die es sich nicht nehmen lässt bis in die kleinsten alltäglichen Belange des Sports hinein zu regieren. Angeblich wurde von ihm die Route der Flamme diktiert, die Träger der Fackel wurden von ihm festgelegt und es wurde ihm unterstellt auch Einfluss auf die Dopingkontrollen zu nehmen. Das skandalöse Bild, das von den Olympischen Winterspielen in Sotschi von den deutschen Medien gezeichnet wurde, könnte fortgeführt werden. Täglich wurde es erneuert, täglich wurden dem Bild neue Kapitel zugefügt. Auffällig war dabei, dass je länger die Spiele andauerten, desto offensichtlicher wurde es, dass manches von dem, was im Vorfeld über die Spiele geschrieben wurde ganz offensichtlich mit der Realität nicht übereinstimmte. Athleten waren begeistert, Trainer sprachen von den besten Sportstätten, Funktionäre hielten die Spiele für bestens organisiert, gerade im Vergleich zu früheren Veranstaltungen fiel ihre Bilanz positiv aus. Die Unterbringungen der Athleten waren exzellent und Mängel, insofern sie aufgetreten sind, wurden möglichst schnell bereinigt. Dies war auch bei früheren Spielen der Fall. Noch nie hat es Spiele gegeben bei denen zum Zeitpunkt der Eröffnung alles fertiggestellt war, immer wieder musste nachgebessert und ausgeholfen werden – dies scheint für sportliche Großveranstaltungen etwas Normales zu sein.

Hätten sich die Prognosen der Berichterstattung erfüllt, so wären die Spiele in einem Chaos geendet und die Sicherheit der Athleten wäre nicht gewährleistet gewesen. Doch entgegen aller Prognosen, ähnlich wie es bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika der Fall gewesen ist, gelangen die Spiele aus Sicht der Athletinnen und Athleten nahezu perfekt. Der Widerspruch zwischen Vorberichterstattung und angetroffener Realität war in Sotschi ähnlich groß wie es 2012 bei den Olympischen Sommerspielen in London und 2010 bei der Fußball-WM in Südafrika gewesen war. Sotschi ist nicht zuletzt auch aus der Perspektive des IOC als Erfolg zu bewerten.

Wie lässt sich solch ein grundlegender Widerspruch zwischen der anzutreffenden Realität und der Berichterstattung über diese Realität erklären? Ein Grund ist vermutlich in der eigenartigen Arbeitsteilung zu sehen, die zwischen politischer und Sportberichterstattung besteht. Im Vorfeld dominierte der politisch orientierte Journalismus die Berichterstattung, während mit Beginn der Spiele die Experten des Sportjournalismus gefragt waren. Ein zweiter Aspekt soll dabei besonders beachtet werden. Viele der politisch orientierten Journalisten urteilten über Russland, ohne selbst über die Sachverhalte, über die sie ihr Urteil sprechen persönlich recherchiert zu haben. Sie sind auf Beobachtungen Dritter angewiesen und diese haben ganz offensichtlich eine außergewöhnliche Deutungsmacht über das was wichtig und unwichtig ist und über das was angeblich die Wirklichkeit darstellt. Dabei ist offensichtlich, dass Massenmedien ihre eigene Wirklichkeit konstruieren. Die konstruierte Wirklichkeit hat dabei nur wenig, oft auch gar nichts mit der Realität zu tun.

Als dritter bedeutsamer Aspekt müssen die Selektionsregeln der Massenmedien selbst gesehen werden. Bereits 1975 wies Luhmann darauf hin, dass bei der öffentlichen Kommunikation bestimmte Selektionsregeln eine besondere Beachtung finden: Aufmerksamkeit erhalten allgemein anerkannte Werte dann, wenn sie bedroht scheinen und bestimmte Vorgänge werden dann bedeutsam, wenn sie eine Bedrohung darstellen. Deswegen sind Krisen ein besonders begehrtes Kommunikationsthema. Ferner werden Personen in das Zentrum der Berichterstattung gerückt, wenn sie bekannt sind und in der Öffentlichkeit eine wichtige Funktion ausüben. Prozesse, die immer wiederkehren, können hingegen nur eine geringe Aufmerksamkeit in den Massenmedien finden. Alles was neu und überraschend ist kann mit einer entsprechenden Resonanz rechnen. Katastrophen, Verbrechen, Unfälle, die eine Bedrohung des normalen Lebens darstellen, werden als besonders vordringlich betrachtet.

Russland und die Olympischen Spiele in Sotschi waren dabei ein äußerst geeignetes Objekt für eine Berichterstattung, die sich an diesen Selektionsregeln ausrichtet. Die IOC-Entscheidung zugunsten von Sotschi hatte den Charakter eines Skandals. Die politische Entscheidung zur Modernisierung einer Region wurde auf eine einzige Person bezogen und zu einem Umweltzerstörungsskandal erhoben. Das Präventionsgesetz der Duma zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor einer Propaganda zugunsten der Homosexualität wurde zum Ausgangspunkt einer umfassenden Menschenrechtsdebatte. Mit der Hinwendung zu ökologischen Fragen wurde eine Wertethematik ins Zentrum gerückt, der in allen westlichen Demokratien höchste Priorität zukommt.

Die Berichte über Sotschi, die diesen Selektionsregeln folgen, ließen sich nahezu in allen deutschen Medien finden. Die BILD-Zeitung gehörte hierzu ebenso wie die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung. Die Zeit und der Spiegel unterschieden sich von sonstigen Magazinen in diesen Fragen so gut wie nicht. Ausgangspunkt für diese Art von Berichterstattung waren dabei meist einige wenige Journalisten und journalistische Leitmedien, die prägend für die weitere Rezeption und Entwicklung der Berichterstattung sind. Viele nachgeordnete Zeitungen orientierten sich an diesen Leitmedien der deutschen Presse und übernahmen deren Bewertungen. Auf diese Weise kam es zu einem Prozess der Vervielfältigung weniger Meinungen, wie er typisch für moderne Massenmedien ist. Bei der Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Peking und London war dies der Fall, kaum anders hat es sich in Bezug auf die Fußball-WM in Südafrika dargestellt und in Sotschi wiederholte sich nun dasselbe Phänomen erneut.

Die Wirkung dieser Art von Berichterstattung ist ganz offensichtlich. Die öffentliche Meinung unserer Gesellschaft über die Großereignisse des Sports wird dadurch ganz wesentlich beeinflusst. Urteile der Politiker sind von dieser Berichterstattung ebenso abhängig wie die Meinungen von Wissenschaftlern und sonstigen Experten, wenn sie aus den unterschiedlichsten Perspektiven über Vorgänge in der Welt des Sports urteilen. Von einer fairen und dem Phänomen des Sports und seiner Umwelt gerecht werdenden Berichterstattung kann dabei allerdings kaum die Rede sein. Vielmehr entsteht auf diese Weise ein Zerrbild des Sports, das mit der Realität kaum noch übereinstimmt. Es entsteht aber auch ein fragwürdiges Bild von Deutschland, das aus einer internationalen Perspektive und von vielen internationalen Partnern zu Recht in Frage gestellt wird. Deutschland erhebt sich zum moralischen Lehrmeister, ohne dabei selbst den eigenen Ansprüchen genügen zu können.

Verfasst:11.02.2014

Erstveröffentlichung: Notwendige Kritik oder fragwürdige Skandalisierung? In: DOSB Presse Nr. 9-10 vom 25.02.2014. S.19-22.