Sportwissenschaft im interdisziplinären Dialog

1. Vorbemerkungen zum Problem

Die Sportmedizin ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich ihrer wissenschaftlichen Heimat, der Medizin, sicher ist. Das wissenschaftstheoretische und praktische Problem von Integration und Differenzierung, von Allgemeinheit und Spezialistentum, wie es sich für viele Wissenschaftler stellt, ist hinreichend gelöst. Die Medizin kann sich anerkannter Methoden bedienen, sich auf beispielhafte berufsethische Standards berufen und auch Persönlichkeiten aufweisen, deren gesellschaftliche Anerkennung beachtlich ist. Die Sportmedizin als Wissenschaftsdisziplin fühlt sich eigenständig und es erscheint deren Angehörigen meist inakzeptabel, als Teildisziplin der Sportwissenschaft betrachtet zu werden, wie dies in der wissenschaftstheoretischen Diskussion der vergangenen Jahre sehr häufig der Fall war. Beispielhaft sei hier an die Diskussionen um das Memorandum zur Entwicklung der Sportwissenschaft in Deutschland erinnert, wobei zum einen die besondere Behandlung der Sportmedizin sich als ein semantisches Problem darstellte und darüber hinaus grundsätzliche wissenschaftspolitische Differenzen, aber auch gravierende wissenschaftstheoretische Gegensätze die Diskussion über dieses Memorandum begleiteten.Ich selbst war in dieser Auseinandersetzung ein Verfechter der Idee von einer Sportwissenschaft, die die Integrationskraft besitzt, verschiedene Teildisziplinen, orientiert an gemeinsamen Problemstellungen, unter einem Dach zu vereinen. Ich selbst war viele Jahre der festen Überzeugung, dass der Streit um den Singular- oder Pluralgebrauch des Wortes Sportwissenschaft nicht bloß ein Streit um Worte war, sondern dass damit die Möglichkeit einer Entwicklungsperspektive zum Ausdruck gebracht wird, der man sich zu verpflichten hatte. Durchaus mit Bedacht wurde von Ommo Grupe, meinem Lehrer, in Tübingen das Institut mit der Singularbezeichnung versehen, und von „ähnlichen Überlegungen sind meine Darmstädter Kollegen ausgegangen, als sie das Darmstädter Institut „Institut für Sportwissenschaft“ benannten. Nicht weniger gut begründet war jedoch auch die Namensgebung des Nachbarinstitutes in Frankfurt, wo sich die Kollegen für die Pluralbezeichnung entschieden haben und an dem ich ebenfalls einige Jahre lehren durfte.

Betrachte ich die vergangenen 50 Jahre sportwissenschaftlicher Lehre und Forschung, so muss ich selbstkritisch feststellen, dass das von mir favorisierte Konzept einer einheitlichen, integrativen Sportwissenschaft, so wie es vor allem von Grupe 1970 als entwicklungsfähig für die wissenschaftliche Disziplin vom Sport vorgegeben war, aus der heutigen Sicht als gescheitert zu bezeichnen ist. Heute wird der Sport mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen und Problemen von einer Vielzahl von Einzelwissenschaften erforscht, die mehr oder weniger stark an ihrer Mutterwissenschaft orientiert sind. Von dort bekommen die Wissenschaftler ihre theoretischen Ideen und meist auch ihre methodischen Instrumentarien, und nicht selten haben sie in diesen Mutterwissenschaften ihren Ausgangspunkt, wenn sie sich auf meist relativ beliebige Weise Einzelthemen des Sports zuwenden und diese mehr oder weniger genau erforschen. Beispielhaft lässt sich dies am aktuellsten Thema aufzeigen, zu dem sich die sportwissenschaftlichen Disziplinen äußern und dem sie sich mehr oder weniger intensiv zugewandt haben. Die Frage nach der Bedeutung des Sports für die Gesundheit und für das Wohlbefinden der sporttreibenden Menschen wird von Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Ökonomen und Medienwissenschaftlern zu erforschen und zu beantworten versucht. Die Sportmedizin nimmt dabei       für sich in Anspruch, jene besondere empirische Wissenschaft zu sein, die bei der Erforschung dieser Problematik über ein besonderes Mandat verfügt. Ein wissenschaftlicher Dialog zwischen den verschiedenen Teildisziplinen war und ist bei der Erforschung dieses Themas ebenso wie bei vielen anderen Problemstellungen, die sich im Sport stellen, bis heute eher die Ausnahme als die Regel. Und wurde und wird der Dialog versucht, so ist er meist nur selten gelungen. Vielmehr ist heute die Gefahr der wissenschaftlichen Scharlatanerie allenthalben sichtbar. Sportwissenschaft, als Showgeschäft betrieben, kann nicht ausgeschlossen werden; Wissenschafts-Sponsoring wird zu einer Marktorientierung von Wissenschaftlern, bei der immer häufiger wichtige Gütestandards vorschnell über Bord geworfen und angeblich neue Forschungserkenntnisse verkauft werden, die sich bereits bei ihrer Verkündung als unseriös erweisen. Der Forschungsprozess wird immer häufiger auf bloßes empirisches Arbeiten verkürzt. Testen, Befragen von Probanden, die Überprüfung singulärer Interventionen, bloße Übernahme oder Abwandlung andernorts benutzter qualitativer und quantitativer Methoden, all das ist symptomatisch für diese Forschungsarbeit. Theoretische Reflexionen finden höchst selten statt und eine wissenschaftsethische Diskussion gilt angesichts des dominanten Pragmatismus als esoterisch.

Von vielen Sportwissenschaftlern wird diese Situation als problematisch empfunden und es werden deshalb vermehrt wissenschaftstheoretische Diskussionen angemahnt. Doch welche Lösungen für die aufgeworfenen Probleme lassen sich finden? Welche Auswege zeichnen sich ab?

2. Wissenschaftstheoretische Diskussionen – hilfreiche Lösungswege?

Die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen wurde und wird in der Regel begleitet und vorangetrieben von wissenschaftstheoretischen Reflexionen. Solche Reflexionen scheinen vor allem dann wichtig zu sein, wenn sich wissenschaftliche Disziplinen in einem Anfangs- und noch frühen Entwicklungsstadium befinden, wie dies für die Wissenschaften der Fall ist, die sich mit den Themen des Sports beschäftigen. Demzufolge müsste die Sportwissenschaft als Disziplin auf der Metaebene zum Gegenstand der Forschung gemacht werden. Dies war und ist in der deutschen Sportwissenschaft, so wie sie sich bis heute entwickelt hat, durchaus der Fall, wenngleich die Resultate dieser Forschung meist unbeachtet und in gewisser Hinsicht auch folgenlos geblieben sind. Meines Erachtens gilt diese Beurteilung sowohl für die wissenschaftstheoretischen Arbeiten aus dem Bereich der ehemaligen BRD als auch für die Arbeiten aus der ehemaligen DDR. und sie gilt auch für die Forschungsarbeiten, die seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf diesem Gebiet vorgelegt worden sind.

Will man die Frage beantworten, ob wissenschaftstheoretische Reflexion über den Sport uns einen Ausweg aus der aktuell schwierigen Lage eröffnen kann, so bietet es sich an, einen etwas genaueren Blick auf die bislang erfolgte wissenschaftstheoretische Diskussion über den Sport zu werfen. Dabei lassen sich zwei Themen erkennen, die in dieser Diskussion eine zentrale Bedeutung erlangt haben. Zum einen ist man bemüht, die Frage nach der Definition des Gegenstandes der Sportwissenschaft einer endgültigen Klärung zuzuführen. Zum zweiten wird versucht, die Sportwissenschaft im System der Wissenschaften zu klassifizieren (vgl. Fornoff 1995, 146 – 423).

2.1 Versuche zur Definition des Gegenstandes der Sportwissenschaft

Die Frage nach dem Gegenstand der Sportwissenschaft wird seit den Anfängen der Sportwissenschaft gestellt und aus der Sicht von heute kann festgestellt werden, dass eine befriedigende Antwort nach wie vor nicht gefunden wurde (vgl. Fornoff 1995, 146 – 205). Dies gilt für Grupes Beschreibung der Aufgaben der Sportwissenschaft aus dem Jahre 1972 ebenso wie für Guttmanns (1979) sieben Merkmale, um den modernen Sport zu charakterisieren. Es gilt aber auch für die Arbeiten von Hägele (1979, 1990) zu den Konstitutionsprinzipien zu Spiel und Sport, und für die verschiedenen Definitionsversuche von Autoren wie Heinemann (1990), Steinkamp (1983), Volkamer (1984) etc.

Die Sportwissenschaft, angetreten und eingerichtet als wissenschaftliche Disziplin zur Beratung und Hilfe des organisierten Wettkampfsports und des Schulsports, hatte zunächst einen engen Gegenstand aufzuweisen. Die Vorwürfe, dass die Sportwissenschaft in Bezug auf ihre Gegenstandsbestimmung zu eng angelegt war, scheinen aus heutiger Sicht wohl berechtigt zu sein. Betrachtet man jedoch die Anfangsjahre der Sportwissenschaft etwas genauer, so ist eine enge Gegenstandsbestimmung, wie sie z.B. von Grupe 1971 vorgenommen wurde, verständlich. Die Gegenstandsverengung war vorrangig wissenschaftspolitisch begründet, da die Disziplin in ihren Anfängen auf Plausibilität und Evidenz angewiesen war, um überhaupt als Fach anerkannt zu werden. Deshalb beruhte der Gegenstand der Sportwissenschaft zunächst auf einem Commonsense (vgl. Fornoff 1995, 151).

Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass es einen einfachen Gegenstand für eine Sportwissenschaft nicht geben kann. Einfache Gegenstandsbestimmungen des Phänomens Sport – das wurde immer deutlicher – sind für den Erkenntnisgewinnungsprozess in einer Sportwissenschaft eher hemmend als fördernd. Erst wenn man den Sport als ein komplexes Phänomen versteht, werden die differenzierten, heterogenen und vielschichtigen Nuancen des Gegenstandes, genauer die psychologischen, soziologischen, biomechanischen, medizinischen und pädagogischen Aspekte des Sports offenbar und erst dann eröffnet dieser Gegenstand entsprechende Dimensionen sportwissenschaftlicher Forschung (vgl. Fornoff 1995, 156). Die Sportwissenschaft kann deshalb keine Einheit ihres Gegenstandes vorfinden und die Aufsplitterung der Sportwissenschaft in Teildisziplinen ist eine notwendige Konsequenz angesichts eines nicht einheitlichen Gegenstandes. Will man der Vielschichtigkeit des Phänomens des Sports entsprechen bedarf es daher der Untersuchung seiner Einzelaspekte. Angesichts solcher grundsätzlichen Überlegungen sind alle Definitionsbemühungen, wie sie dann in der Folge der Ausweitung des Alltagsbegriffes Sport versucht wurden, als vergeblich zu bewerten. Dies gilt für die Tendenzen zur Einengung des im wissenschaftlichen Kontext verwandten Sportbegriffes ebenso wie für die Expansionsbemühungen, um dem Phänomen des Sports auf theoretischer Ebene zu entsprechen (vgl. Fornoff 1995, 194). Vielmehr kann es kaum überraschen, dass im Hinblick auf die Charakterisierung des Objektbereiches der Sportwissenschaft die Ausweitung des Gegenstandsfeldes nach wie vor stattfindet. Sie zeigt sich sowohl theoretisch-konzeptionell als auch forschungspraktisch. Die Ursache hierfür ist naheliegend. Die in wissenschaftstheoretischer Hinsicht ungelöste Frage nach dem Gegenstand der Sportwissenschaft führt dazu, dass die Praktiker für ihre empirischen Untersuchungen ihren Gegenstandsbereich jeweils spezifisch definieren und ihn lediglich gegenüber anderen Untersuchungen abgrenzen (vgl. Fornoff 1995, 160). Auf diese Weise zeigt sich immer deutlicher, dass alle Versuche zur Gegenstandsbestimmung bereits zu jenem Zeitpunkt, an dem sie publiziert wurden, von der Praxis längst eingeholt worden waren. Jene, die sich selbst Sportwissenschaftler nennen, haben vielmehr wildwüchsig ihr Betätigungsfeld in Lehre und Forschung erweitert. Zum Objekt von Lehre und Forschung kann mittlerweile Beliebiges werden. Es unterliegt dem Belieben des Wissenschaftlers, was er unter Sportwissenschaft versteht. Eine vergleichende Analyse der Lehrverzeichnisse sportwissenschaftlicher Institute bringt dies ebenso zutage wie eine Analyse der öffentlich geförderten sportwissenschaftlichen Forschungsprojekte, wobei allenfalls zu erkennen ist, dass sich einige wissenschaftliche Teildisziplinen mit einer besonderen Nähe zum Hochleistungssport zu einem engen Gegenstand der Sportwissenschaft eher verpflichtet fühlen (vgl. Digel 1995 a, b).

Angesichts dieser Entwicklung gilt für die Sportwissenschaft nach wie vor, dass die Gegenstandsbestimmung als ein ungelöstes Problem zu bezeichnen ist. Dies gilt sowohl für die bislang vorgelegten Definitionsversuche zum Sport als auch für die wissenschaftstheoretische Reflexion zu dieser Thematik. Da jedoch gleichzeitig sportwissenschaftliche Lehre und Forschung stattfindet, muss von einem Auseinanderklaffen von sportwissenschaftlicher Wissenschaftstheorie einerseits und sportwissenschaftlicher Praxis andererseits gesprochen werden. Dabei wird deutlich, dass die sportwissenschaftliche Praxis sowohl in der Lehre als auch in der Forschung ganz offensichtlich nicht von den Ergebnissen der wissenschaftstheoretischen Diskussion über den Gegenstand ihrer Forschung abhängig ist. Vermutlich kann sie auch nicht abhängig davon gemacht werden. Sie bezieht sich vielmehr in der praktischen Arbeit ganz offensichtlich auf andere Kriterien als jene, die Wissenschaftstheoretiker vorgeben (vgl. Fornoff 1995, 239 – 240).

2.2 Versuche zur Klassifikation der Sportwissenschaft

Ist man in der wissenschaftstheoretischen Diskussion über die Sportwissenschaft um eine Charakterisierung als wissenschaftliche Disziplin bemüht, so lassen sich viele Begriffe zur Kennzeichnung dieser Disziplinen finden. Von Aggregatwissenschaft, von multidisziplinärer Wissenschaft, von integrativer Wissenschaft, von integrierter Sportwissenschaft, von additiver Sportwissenschaft, von einer Querschnittswissenschaft, von einer synergetischen Sportwissenschaft etc. ist dabei die Rede (vgl. Fornoff 1995, 253 – 276). So wenig erfolgreich die Diskussion über die Gegenstandsbestimmung der Sportwissenschaft bis heute gewesen ist, so wenig ergiebig scheint die Diskussion zur Charakterisierung der Sportwissenschaft zu sein. Auf diesen Sachverhalt weist Fornoff in seiner Dissertation Die Entwicklung der Sportwissenschaft in beiden deutschen Staaten im Spiegel metatheoretischer Publikationen (1995) eindrucksvoll hin. Nach nahezu unendlichen Diskussionen, ob die Sportwissenschaft eine Naturwissenschaft, eine Gesellschaftswissenschaft, eine Humanwissenschaft, eine Kulturwissenschaft, eine Verhaltenswissenschaft oder eine Handlungswissenschaft sein soll, sei hier festgestellt, dass jede dieser Festlegungen in der Praxis widerlegt wurde und wird. Stattdessen macht es sehr viel mehr Sinn, dass man für einen Pluralismus in Bezug auf die Zuordnung plädiert und die Sportwissenschaft im Schnittpunkt von Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften verortet (vgl. Fornoff 1995, 286). Dabei geht es nicht um Prioritäten, sondern es geht um Konsens und um Kooperation, und es ist zu klären, wie man zwischen den durchaus anerkennenswerten Prozessen der Differenzierung und Integration innerhalb der Entwicklung einer Wissenschaft vermitteln kann. Aus der bislang geführten Diskussion über die Klassifikation, Charakterisierung und Einordnung der Sportwissenschaft ist ein größerer Erkenntnisgewinn nicht zu erwarten und – das sei hinzugefügt – auch nicht notwendig. Vielmehr müssen die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit der Wissenschaftler an der konkreten Arbeit gemessen werden, und es wird sich dabei herausstellen, dass in allen möglichen Varianten sportwissenschaftliche Lehr- und Forschungsleistungen in unterschiedlichster Qualität erbracht werden und diese Leistungen in erster Linie vom Personal selbst abhängen. Es wird sich ferner zeigen, dass die Uneinheitlichkeit und Vielfalt der wissenschaftstheoretischen Positionen im Hinblick auf die Stellung der Sportwissenschaft innerhalb der Wissenschaftssystematik für die Qualität der Arbeit der Sportwissenschaftler keineswegs ein Nachteil sein muss. Meines Erachtens kann auch die These, dass eine uneinheitliche Entwicklung der Sportwissenschaft in der Bundesrepublik auf deren uneinheitliche Konzeption zurückzuführen ist, die ihre Ursache in mangelnder wissenschaftstheoretischer Systematik hat (vgl. Fornoff 1995, 90 – 91), nicht bestätigt werden. Zumindest scheint fragwürdig zu sein, dass – sollte es tatsächlich ein einheitliches Konzept geben – dieses tragfähig genug ist, eine höhere Qualität herbeizuführen als eine uneinheitliche Konzeption. Für mich macht es angesichts der 25-jährigen Debatte über die Gegenstandsbestimmung und die Klassifikation der Sportwissenschaft keinen Sinn, dass man die Diskussionen fortführt, wenn ein für alle Male festgestellt wird, dass die Sportwissenschaft keinem der großen Wissenschaftsbereiche eindeutig zugeordnet werden kann. Sie steht – und damit hat man sich abzufinden – im Schnittpunkt verschiedener Wissenschaftsbereiche, sie stellt somit einen Komplex aus verschiedenen Teilbereichen dar, die jeweils unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten zuzuordnen sind. Die Klassifikationsfrage ist somit auf das Engste mit der Gegenstandsfrage verknüpft. Der Gegenstand selbst weist die unterschiedlichsten Teilaspekte auf und legt die unterschiedlichsten Methoden und Betrachtungsweisen nahe. Deshalb ist es völlig nachgeordnet, ob man Sportwissenschaft als ein einheitliches wissenschaftliches System versteht, oder ob der Sportwissenschaft lediglich die Funktion eines Informationssystems zukommt, wie dies Seiffert (1989) für jene Wissenschaftskomplexe vorsieht, die mehreren Wissenschaften angehören (vgl. Fornoff 1995, 254). Nachgeordnet ist auch die Frage, ob man die Sportwissenschaft eine multidisziplinäre oder eine Aggregatwissenschaft nennt. Vielmehr ist heute zu erkennen, dass das, was Ries/Kriesi bereits 1974 als erste Stufe der Sportwissenschaft bezeichnet haben, nach wie vor die erste Stufe geblieben ist, und die zweite und dritte Stufe einer angeblichen Entwicklung zugunsten einer einheitlichen Sportwissenschaft nicht stattgefunden haben.

Die Hoffnung auf die Entwicklung einer Sportwissenschaft mit einem eigenen Paradigma scheint mir verfehlt zu sein. Deshalb ist auch die Hoffnung auf eine integrative Sportwissenschaft heute kaum mehr zu begründen. Von einer wirklichen integrativen Sportwissenschaft könnte nur dann gesprochen werden, wenn jeder Teilnehmer an einer multidisziplinären Kooperation und Kommunikation die problemrelevanten theoretischen Konzepte der übrigen beteiligten Disziplinen versteht und in der Lage ist, sie in seine eigenen Vorstellungen zu integrieren. Am Ende würde eine gemeinsame sportwissenschaftlich integrierte Theorie entwickelt werden. Eine Hoffnung auf solch eine Theorie scheint mir verfehlt zu sein. Weder kann heute davon ausgegangen werden, dass man bei unterschiedlichen methodischen Standards in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu einem allgemeingültigen Standard kommen kann, noch scheint dabei das Problem des Fremdverstehens hinreichend beachtet zu sein, angesichts der Prozesse der Ausdifferenzierung in den einzelnen Wissenschaften. Heute muss vielmehr nüchtern bilanziert werden, dass alle Forderungen bezogen auf eine integrative Sportwissenschaft nicht erfüllt wurden. So findet weder eine theoretische und methodologische Integration der verschiedenen theoretischen Ansätze in der sportwissenschaftlichen Lehre statt, noch kann eine entsprechende Integration in der Forschungsarbeit beobachtet werden. Vielmehr ist eine weitere Verzweigung der Sportwissenschaft zu erwarten. Es wird weitere spezifische Problematiken geben, die von eigens dafür eingerichteten wissenschaftlichen Sonderbereichen erarbeitet werden. Neue Disziplinen werden noch hinzukommen, so wie sie sich heute bereits abzeichnen im Bereich der Sportökonomie, der Sportpublizistik, des Sportrechts und in einer Sportökologie.

Grupes Bilanz, die er 1986 aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums der DVS gezogen hat, ist somit auch heute noch gültig. Es ist nicht gelungen, eine Sportwissenschaft als einheitliche, in sich geschlossene Disziplin zu schaffen. Der Name Sportwissenschaft ist vielmehr lediglich eine Sammelbezeichnung für unterschiedlich leistungsfähige, unterschiedlich weit entwickelte, unterschiedlich am Gesamten interessierte und unterschiedlich mit dem Sport verbundene Teildisziplinen und den in ihnen tätigen Wissenschaftlern geblieben. Einige von diesen isolieren sich mehr als die Kooperation zu suchen, andere orientieren sich mehr an sogenannten Mutterdisziplinen. Bei manchen taucht die Beziehung zum Sport als Thema gar nicht mehr auf (vgl. Grupe 1987, 46). Diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen. Es kann nur noch festgehalten werden, dass sich auch heute diesbezüglich nur wenig verändert hat. Die Forschung ereignet sich wildwüchsig und einzeldisziplinär. In der sportwissenschaftlichen Lehre findet die Lehre in den sportwissenschaftlichen Teildisziplinen in der Regel separat statt und es gibt eine Schwellenangst, komplexere Theoriefelder so abzuhandeln, dass mehrere Teildisziplinen mit ihren Erkenntnissen zu Wort kommen (vgl. Willimczik 1991, 74).

3. Zwischenbilanz

Die Diskussionen, die in der ehemaligen Bundesrepublik über den Gegenstand der Sportwissenschaft und deren Klassifikation geführt wurden, scheinen in vielerlei Hinsicht nicht geeignet zu sein, einen Ausweg aus den ohne Zweifel bestehenden Problemen der Sportwissenschaft zu eröffnen. Die Vielfalt der wissenschaftstheoretischen Diskussionen in der ehemaligen Bundesrepublik ist nicht notwendigerweise ein Indiz für eine besondere Qualität dieser Diskussion. Folgt man Fornoff, so scheint es ein besonderes Bemühen um wissenschaftliche Originalität zu geben, das dazu führt, dass über mehr oder weniger identische Sachverhalte unterschiedliche Terminologien eingeführt werden bzw. bereits eingeführten Termini unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Auf diese Weise kommt es zu einer Vielfalt von Begriffen, die jedoch die Diskussion nicht wesentlich voranbringen (vgl. Fornoff 1995, 342).

4. Sportwissenschaft zwischen Differenzierung und Integration

Der bislang erfolgte Differenzierungsprozess der Sportwissenschaft steht in direkter Verbindung mit der Komplexität ihres Gegenstandes. Es ist jedoch zu beachten, dass Differenzierungsprozesse, wie sie in der Sportwissenschaft zu beobachten sind, nicht nur ein Indiz für einen höheren Entwicklungsstand der Sportwissenschaft darstellen. Gewiss ist der Differenzierungsgrad eines Erkenntnissystems und somit einer Wissenschaftsdisziplin Ausdruck dafür, in welchem Maße der behandelte Gegenstand erforscht und erkannt ist. Differenzierungsprozesse werden aber nicht ausschließlich durch vertiefte Erkenntnisse des Wesens des Wissenschaftsobjektes ausgelöst. Gerade die Entwicklung der bundesdeutschen Sportwissenschaft zeigt uns, dass Differenzierungsprozesse, die immer auch Spezialisierungsprozesse darstellen, auch deshalb stattfinden, weil institutionelle und personelle Interessen vorliegen. Die Entwicklung der Sportwissenschaft als Disziplin wurde im Wesentlichen durch außerwissenschaftliche Faktoren beeinflusst. Die Personalstrukturen der ehemaligen Institute für Leibesübungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die verbandspolitischen Vorgaben des Deutschen Sportbundes.
Schließlich kann Differenzierung auch als Flucht interpretiert werden, die immer dann zu beobachten ist, wenn einzelne Wissenschaftler sich spezialisieren, sich damit aber der Kontrolle der Scientific Community entziehen. Hinzu kommt, dass gerade bei der deutschen Entwicklung der Sportwissenschaft die Konkurrenz zwischen der DDR und der BRD für die Differenzierung eine ganz wesentliche Rolle gespielt hat. Angesichts solcher Differenzierungsmerkmale ist Integration ein besonderes Erfordernis. Das Verhältnis von Integration und Differenzierung sollte dabei als dialektische Einheit interpretiert werden und die Leistungsfähigkeit der Sportwissenschaft würde somit davon abhängen, wie leistungsfähig die einzelnen Disziplinen in einer ausdifferenzierten Sportwissenschaft sind. Sie hängt aber auch von der Qualität der Beziehungen und Verbindungen zwischen den einzelnen sportwissenschaftlichen Disziplinen und zu den Wissenschaften außerhalb des Systems der Sportwissenschaft ab (vgl. Fornoff 1995, 339). Das Gebot zur Interdisziplinarität ist heute dringender denn je. Es ist unverzichtbar geworden angesichts der Probleme, mit denen die Lehre und Forschung in der Sportwissenschaft konfrontiert sind. Das Gebot der Interdisziplinarität stellt sich vor dem unverzichtbaren Systemzusammenhang zwischen Differenzierung und Integration.

5. Empfehlungen zur interdisziplinären Zusammenarbeit

Für die Sportwissenschaft gibt es angesichts der hier nur skizzenhaft beschriebenen Probleme keine andere Maxime als jene der Interdisziplinarität, wobei damit nur so viel gemeint sein kann, als dass die Sportwissenschaftler problemorientiert Zusammenarbeiten unter Verwendung sowohl der Erkenntnisse als auch der Theorien und Forschungsmethoden der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Mit dem Begriff der Interdisziplinarität ist somit das Programm für die Arbeit der Sportwissenschaftler vorgegeben, will man dieses Programm abarbeiten, so kommt es vor allem auf die Forscher selbst an.

5.1 Erste Empfehlung

Für das ungelöste Problem der Integration könnte eine Hilfe und somit eine Lösung dort gesucht werden, wo vergleichbare Prozesse der Spezialisierung anzutreffen sind und wo die Integration dennoch stattfindet. Die Medizin scheint mir dabei ein interessantes Beispiel zu sein. Für die weitere Entwicklung der Sportwissenschaft wäre es wünschenswert, wenn es eine „allgemeine Sportwissenschaft“ vergleichbar einer „allgemeinen Medizin“ geben könnte, deren Aufgabe es wäre, im System der Disziplinen teildisziplinübergreifende Fragestellungen aufzugreifen, Querschnittsprobleme zu bearbeiten und übergreifende Kenntnisse aus den Teildisziplinen für die übrigen Bereiche aufzubereiten (vgl. Fornoff 1995, 445 – 446). Ihr käme dabei eine besondere Funktion in der sportwissenschaftlichen Lehre zu. In der DDR hatte eine „allgemeine Sportwissenschaft“ den Charakter einer philosophisch orientierten Theorie der Körperkultur. Ob dies für die aktuelle Diskussion noch tragfähig ist, kann bezweifelt werden. Eine „allgemeine Sportwissenschaft“ kann dessen ungeachtet jedoch auch heute unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit der Integration eine interessante Herausforderung für die weitere Entwicklung der Sportwissenschaft sein.

5.2 Zweite Empfehlung

Zu einer zweiten Empfehlung kommen wir dann, wenn wir uns der Rolle des Sportwissenschaftlers in seinem Beruf noch einmal vergewissern. Für den Beruf des Sportwissenschaftlers gilt, dass sein Tätigkeitsfeld und seine Verantwortlichkeit vor allem dadurch gekennzeichnet sind, dass er eine Beziehung zur Sportwissenschaft aufweist und zugleich über eine Beziehung zu einer allgemeinen Einzelwissenschaft verfügt. Aus der allgemeinen Einzelwissenschaft bezieht er seine fachwissenschaftliche Kompetenz, seine Methoden und seine theoretischen Impulse, aus der Sportwissenschaft erhält er seine Fragestellungen und seine praxisbezogenen Integrationsfragen. Allein diese Beschreibung legt nahe, dass eine Diskussion über den Führungsanspruch einer Teildisziplin innerhalb der Sportwissenschaft überflüssig ist. Alle Sportwissenschaftler sind vielmehr aufgerufen, Prozesse der Desintegration zu vermeiden und praktische Ansätze zur Re-Integration zu eröffnen. Hierzu ist Teamwork und die Fähigkeit zu kooperativer Arbeit notwendig. Diese Merkmale für den Beruf des Sportwissenschaftlers sind zu ergänzen mit den Begriffen Respekt, Toleranz, Ein- und Unterordnung.

Gewiss hat die Forderung nach Interdisziplinarität angesichts der tatsächlichen Situation in den sportwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen eher utopischen als realistischen Charakter. Die aktuelle Sportwissenschaft hat erhebliche Schwierigkeiten, dem Programm der Interdisziplinarität zu entsprechen. Nur wenige Forschungsprojekte zeichnen sich durch Interdisziplinarität aus. Meist kommt es nur zu einer Kooperation der Naturwissenschaften untereinander, oder der Geisteswissenschaften, aber selten zu einer gruppenübergreifenden Kooperation. In meiner Analyse der Zeitschrift ‚Sportwissenschaft‘ wurde deutlich, dass es so gut wie kaum eine integrative Kooperation von Sportwissenschaftlern in Forschungsprojekten in den vergangenen 20 Jahren gegeben hat. Der Anteil strenger interdisziplinärer Konzepte geht in den 20 Jahrgängen gegen Null. Noch sehr viel seltener ist eine interdisziplinäre Diskussion zwischen den Teildisziplinen der Sportwissenschaft und nicht sportwissenschaftlichen Wissenschaftsdisziplinen (vgl. Digel 1992). Kurz kann deshalb zugestimmt werden, dass bis heute die Sportwissenschaft keine Diskussionsgemeinschaft ist und man angesichts verschiedener Egoismen befürchten muss, dass dies auch in der weiteren Zukunft so bleiben wird (vgl. Kurz 1990). Angesichts solcher Befunde ist es naheliegend, dass man prinzipiell auch die Zielsetzung der Interdisziplinarität in Frage stellt. Es wird die Frage aufgeworfen, ob es grundsätzliche Argumente für die Annahme gibt, dass die Interdisziplinarität für die Sportwissenschaft ebenfalls nicht erreichbar ist.

Will man diese Frage beantworten, so muss der Begriff der Interdisziplinarität etwas präziser gefasst werden. Willimczik unterscheidet drei Zielsetzungen von Interdisziplinarität. Die institutionelle und organisatorische Zusammenführung einer Wissenschaft, die methodologische Begründung einer problemorientierten, auf die Komplexität der Wirklichkeit hin                      ausgerichteten Forschung sowie die Zusammenfassung von Erkenntnissen für eine problemorientierte Lehre (vgl. Willimczik 1995). Meines Erachtens ist die letztere Zielsetzung von besonderer Bedeutung. Demgegenüber ist die institutionelle und organisatorische Zusammenführung wenig realistisch. Eine methodologische Begründung einer problemorientierten auf die Komplexität der Wirklichkeit hin ausgerichteten Forschung muss die Zielsetzung jener sein, die sich zum interdisziplinären Forschungsdialog treffen.

Die wichtigste Forderung ist jedoch jene, dass die Wissenschaftler bereit sind, in einen gemeinsamen Dialog einzutreten bezogen auf die zu erforschenden Problemstellungen. In diesem Dialog sollte man sich keiner Illusion hingeben. Das Prinzip der Interdisziplinarität sollte nicht als Prinzip der Einheit von Wissenschaft missverstanden werden und echte interdisziplinäre Theorien sollten nicht angestrebt werden, weil sie nicht möglich sind (vgl. Willimczik 1991, 91). Gäbe es jedoch einen rechtmäßigen Dialog der Teildisziplinen, so wäre der Weg zu einer „allgemeinen Sportwissenschaft“ sehr viel leichter zu gehen als dies heute der Fall ist. Mit dem Begriff der „allgemeinen Sportwissenschaft“ wäre dabei jener Bezugspunkt angegeben, wo im System der Sportwissenschaft Integration und Interdisziplinarität geleistet werden können (vgl. Fornoff 1995, 446) Für die Lösung der gravierenden Probleme in der Lehre, wie sie an allen sportwissenschaftlichen Ausbildungseinrichtungen zu beobachten sind, wäre es ein bedeutsamer Schritt, wenn es zu einer institutionalisierten Form einer „allgemeinen Sportwissenschaft“ kommen würde.

Eine „allgemeine Sportwissenschaft“, orientiert am Modell der allgemeinen Medizin, wäre dabei auf die Kooperation mit den Einzelwissenschaften auf Arbeits- und Aufgabenteilung angewiesen. Sie müsste sich aber auch personell etablieren und somit eine eigenständige Professionalität aufweisen. Es wäre deshalb wünschenswert, dass es zu einer Professionalisierung sogenannter Allgemein-Sportwissenschaftler kommt (vgl. Fornoff 1995, 325).

5.3 Dritte Empfehlung

Im Zentrum des zukünftigen interdisziplinären Dialoges hat die Diskussion über ein optimales Verhältnis zwischen Theorie und Empirie zu stehen. Das Problem der aktuellen sportwissenschaftlichen Entwicklung ist national und international nahezu gleichermaßen zu bewerten. Es liegt vorrangig darin, dass über empirische Ergebnisse zu wenig reflektiert wird. Empirische Forschungsarbeiten werden ohne tiefgreifende Diskussion an Auftraggeber weitergegeben oder an eine wie immer geartete Öffentlichkeit gerichtet. Eine Diskussion über den theoretischen Zusammenhang, in dem die empirischen Ergebnisse stehen, findet selten statt und allenfalls wird im Sinne einer rhetorischen Alibiformel darauf hingewiesen, dass die Theoriebildung noch zu erfolgen habe. Geradezu monoton wird heute von der Mehrheit der Wissenschaftler die Notwendigkeit theoretischer Diskussion unterstrichen, in der Realität findet sie jedoch nicht statt. Dabei muss konstatiert werden, dass es ganz offensichtlich möglich ist, dass Probleme der Praxis allein dadurch gelöst werden können, dass es zur Anwendung empirisch gefundener Zusammenhänge und statistischer Erkenntnisse kommt und die Anwendung ohne genauere Kenntnisse über die Natur der wirkenden Erscheinungen erfolgt, also ohne eine theoretische Klärung über ihre Entstehung und Wechselwirkung. Vor diesem Hintergrund ist es immer wahrscheinlicher und naheliegender geworden, dass die Sportpraxis vorrangig nur an konkreten Ergebnissen und Lösungen interessiert ist. Die Folge einer derartigen Haltung ist die zwangsläufige Vernachlässigung der Theoriebildung. Gerade deshalb bleibt die Forschung nicht selten in der Empirie stecken. Diese einseitige Ausrichtung an empiristischen Untersuchungen erschwert die weitere Entwicklung der Sportwissenschaft, denn mit ihr wird auch der Prozess der Spezialisierung im Sinne von Sub-Spezialisierung begünstigt. Eine einseitige Ausrichtung an empirischen Untersuchungen begünstigt die Tendenz zur Differenzierung und auf diese Weise wird wiederum der Bedarf an Integration erhöht. Doch Integration in der Sportwissenschaft heißt interdisziplinärer Dialog und interdisziplinärer Dialog heißt Diskussion über theoretische Konstrukte. In diesem interdisziplinären Dialog muss deutlich werden, dass die Theoriebildung und die Ansprüche der Praxis sich nicht notwendigerweise in einem Widerspruch zu befinden haben. Im Sinne einer dialektischen Verschränkung zwischen Differenzierung und Spezialisierung auf der einen Seite und Integration und Theoriebildung auf der anderen Seite muss die Einsicht in der zukünftigen Sportwissenschaft akzeptiert werden, dass ohne die Erkenntnis der Erscheinungen, ihrer Ursachen und Zusammenhänge, ohne eine theoretische Erklärung also, weder die Folge- und Nebenwirkungen überschau- und steuerbar, noch die Optimierung bestimmter Wirkungen möglich ist (vgl. Fornoff 1995, 326).

5.4 Vierte Empfehlung

Eine Sportwissenschaft, die dem interdisziplinären Dialog verpflichtet ist, muss auch Konsequenzen in der Lehre der Studierenden suchen. Es ist notwendig, dass man den Studierenden ebenso wie den Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit zur Einsicht in Prinzipien und in die Besonderheiten schöpferischer wissenschaftlicher Prozesse gibt. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn die Lehre nicht unter Zeitdruck stattfindet, und wenn der Zeitmangel als ein Hindernis erkannt wird, das die Theoriebildung gefährdet. Es muss erkannt werden, dass es in den Studiengängen Räume im doppelten Sinne geben muss, in denen die theoretische Reflexion über die empirischen Ergebnisse sowie das ständige Verfolgen der neuesten Literatur begünstigt wird. In den sportwissenschaftlichen Instituten, in den Doktoranden-Kolloquien von Hochschullehrern und bei Fortbildungsveranstaltungen der wissenschaftlichen Dachorganisationen müssen organisatorische Bedingungen geschaffen werden, die den beteiligten Personen in bestimmten Phasen Zeiträume für die theoretische Arbeit einräumen und es müssen Orte gefunden werden, in denen gründliche Diskussionen von Forschungsansätzen über Thesen, Forschungsmethoden und Ergebnisse im Kreise der Sportwissenschaftler und kompetenter anderer Wissenschaftsbereiche möglich wird. Die Sommer-Akademie der DVS ist dabei ein ebenso sinnvolles Beispiel für den richtigen Weg wie die Graduierten-Kollegs in anderen Wissenschaften.

5.5 Fünfte Empfehlung

Eine Sportwissenschaft, die dem interdisziplinären Dialog verpflichtet ist, hat auch die Studiengänge in ihrer Gesamtheit zu überdenken. Praxisorientierte Studiengänge – so wie sie die Sportwissenschaft anzubieten hat – wären gut beraten, wenn sie die Wissenschaftssystematik nicht zum Credo ihres Curriculums machen. Die Fixierung der Studienpläne in den Instituten für Sportwissenschaft auf eine oft vermeintliche Wissenschaftssystematik führt zu Spiegelstrich-Curricula, die keine der zahllosen Wortschöpfungen auslassen, die sich mit dem Sport bilden lassen. Eine wirkliche Praxisorientierung hätte sich demgegenüber dadurch auszuzeichnen, dass der Sport mit seinen Problemlagen Ausgangspunkt der Studiengänge ist und sich die Studiengänge durch die Analyse des Sports, durch die Praxis im Sport, durch Reflexionen über Technik im Sport und durch den wichtigen Themenschwerpunkt Organisation des Sports auszuzeichnen hätten. Dass dabei auch Grundlagen der Sportforschung ein wichtiger Ausbildungsinhalt sein müssen, ist naheliegend. Das Erfolgskriterium für die Studiengänge und die sportwissenschaftlichen Curricula wäre dabei nicht, ob sich die Wissenschaftssystematik in den Ausbildungsinhalten vollständig wiederfindet, sondern ob die Ziele praktischer und wissenschaftlicher Ausbildung mit einem Curriculum in einem gegebenen Umfeld erreichbar sind. Das besondere Problem der sportwissenschaftlichen Studien in Deutschland ist heute ohne Zweifel darin zu sehen, dass im Beziehungsgeflecht Ministerium, Sportorganisationen und Universitäten die Studierenden jenen Faktor darstellen, dem man am wenigsten Beachtung schenkt. Dabei entscheiden die Studierenden zuallererst über den Erfolg oder Misserfolg der Studiengänge. Nehmen sie das Studienangebot an? Werden ihre Erwartungen erfüllt? Profitieren sie von den Ausbildungsinhalten? Stellt man sich diese Fragen, so wird deutlich, wie wenig die Studiengänge der Institute für Sportwissenschaft den Bedingungen eines praxisorientierten Studiums gerecht werden.
Dabei sollte ein Missverständnis von vornherein ausgeräumt werden. Niemand darf ernsthaft erwarten, dass sich ein berufsorientierter Studiengang an dem ausrichtet, was dem Markt gefällt. Eine zentrale Aufgabe besteht vielmehr gerade darin, über die bestehende Praxis hinauszudenken, zu experimentieren und sich kritisch mit den gegebenen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Berufsorientierte Studiengänge setzen Distanz zur Berufspraxis voraus. Gerade deshalb muss ein berufsorientierter Studiengang in der Sportwissenschaft von einer beruflichen Ausbildung grundsätzlich unterschieden werden. Berufliche Ausbildung richtet sich an konkrete Anforderungsprofile. Berufsorientierte Ausbildung strebt nicht diesen Grad der Spezialisierung an und kann ihn auch nicht erreichen. Berufsorientierte Ausbildung sollte ausbildungsfähig machen. Wissenschaftliche Distanz, Orientierung, Grundausbildung, Mehrfachkompetenz und fachbergreifende Qualifikationen sollten somit die zentralen Merkmale einer berufsorientierten Ausbildung im Sport sein. Dabei ist das zentrale Problem jeglicher berufsorientierten Ausbildung, dass sie sich in gewisser Weise durch Unschärfe auszuzeichnen hat, weil es bezogen auf die Berufsbilder einen ständigen Wandel gibt.

Macht man in der Sportwissenschaft ernst mit dem interdisziplinären Dialog und versteht man, dass damit auch die Studiengänge auf dem Prüfstand zu stehen haben, so muss erkannt werden, dass praxisorientierte Studiengänge nicht nur andere Studieninhalte bedeuten. Sie setzen auch entsprechende, das heißt meist neue Lehr- und Lernformen voraus. Es muss deshalb die Frage gestellt werden, welche Qualität herkömmliche Seminare mit ihren Referaten, Hausarbeiten, Klausuren, Diskussionen und gelegentlichen Gruppenarbeiten für den Erwerb von Schlüsselqualifikationen bieten, die für einen praxisorientierten Studiengang zentral sein müssen. Teamfähigkeit und Organisationsfähigkeit sind jene Schlüsselqualifikationen, die unverzichtbar in einer praxisorientierten Ausbildung sein müssen. Der Grundsatz für sportwissenschaftliche Studiengänge müsste deshalb lauten, dass in ihm nicht nur über Sport geredet wird, sondern dass besserer Sport versucht, erprobt, organisiert, gemacht wird. Will man dieser Maxime entsprechen, so müssen die sportwissenschaftlichen Studiengänge auch im wahrsten Sinne des Wortes curricular angelegt sein. Das heißt, die Studierenden müssen im Umfang und in der Abfolge der Lehrveranstaltungen an einen festen Plan gebunden werden. Dies ist nicht notwendigerweise eine Infragestellung der so wichtigen Prinzipien der Freiheit von Lehre und Forschung. Eine strenge Organisation des Studiums, das zeigt sich gerade im Vergleich auch zu anderen Ländern, ist unerlässlich. Die didaktischen Vorteile liegen auf der Hand und der hochschulpolitische Effekt einer kürzeren Studiendauer ist dabei gewiss nicht ohne Bedeutung.

6. Zusammenfassung

Meine Ausführungen sollten vor allem eines deutlich machen: vor idealistischen Vorstellungen zur Entwicklung einer Wissenschaft ist zu warnen.
Wissenschaftliche Disziplinen – dies gilt gerade auch für die Teildisziplinen der Sportwissenschaft – entwickeln sich nicht nach einem Konzept mit idealistischen Vorgaben, vielmehr haben die Teilbereiche ihre je spezifische Entwicklung und es kann dabei auch zu erheblichen zeitlichen Verzögerungen kommen. Vor allem sind auch deutliche Differenzen zwischen naturwissenschaftlich orientierten und geistes- und sozialwissenschaftlich orientierten Teildisziplinen anzunehmen.
Doch die Probleme, wie sie im Alltag des Sports anzutreffen sind, sind meist komplexer Natur und bedürfen komplexer wissenschaftlicher Beratung. Gelingt es, im Dialog der Experten die Einzelbefunde auf den Prüfstand zu legen, sie in einer integrierten Zusammenschau gemeinsam zu betrachten, so können die Probleme der Sporttreibenden eher einer Lösung zugeführt werden als dies bislang der Fall ist. Die Kooperation zwischen den Einzelwissenschaften und ihren Wissenschaftlern bedarf einer realistischen Programmatik. Sie bedarf jedoch vor allem der Einsicht in die Notwendigkeit der Kooperation. Am Beispiel der Debatte über den Zusammenhang von Sport und Gesundheit könnte gezeigt werden, dass es sich lohnt, diesen Dialog zu führen. Der Sportmedizin muss dabei ohne Zweifel eine wichtige Rolle zukommen. Sie selbst muss sich dabei aber auch in eine sehr viel komplexere Betrachtung der Gesundheitsfragen einlassen als dies heute üblicherweise der Fall ist. Es ist erfreulich, dass hierzu immer mehr Kollegen aus dem Bereich der Sportmedizin in den vergangenen Jahren bereit waren und aus den verschiedensten Kooperationsprojekten bereits äußerst interessante Befunde vorliegen. Wie für alle an dieser Debatte zu beteiligenden Disziplinen muss allerdings sehr viel deutlicher zu erkennen sein, dass alle wissenschaftliche Forschung dem Verifikationsprinzip bzw. dem Falsifikationsprinzip verpflichtet sein sollte und deshalb die Bescheidenheit des Wissenschaftlers nach wie vor eine notwendige Tugend ist. Hält sich daran die Sportwissenschaft, so werden die Sporttreibenden den beteiligten Wissenschaftlern ihren Dank gewiss nicht versagen.

 

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