Keiner kennt Weisenseel

GASTBEITRAG

Harald Müller

Vielleicht geht es nur mir so, aber seit dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit blicke ich zurück und frage mich, ob ich eigentlich als Leichtathlet etwas in der deutschen Leichtathletik bewirkt habe.

Auslöser für diese Gedanken war eine kurze E-Mail, die ich während der diesjährigen Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham von einem langjährigen Freund erhielt: „Grüße aus dem Sommerurlaub. Keiner kennt hier Karlheinz Weisenseel. Heute 200-m-Finale!“

Diese Nachricht hat mich aufgewühlt. Wenn bereits 2026 kaum noch jemand Karlheinz Weisenseel kennt, einen Athleten, der mich als Kind über viele Jahre beeindruckt hat, was bleibt dann eigentlich von dem, was wir geleistet und bewirkt haben?

Es ist das Thema der „Biographie“ oder, vielleicht treffender, der „Lebensgeschichte“, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Je mehr Menschen es gibt, desto mehr unterschiedliche Lebensgeschichten gibt es. Mehr Menschen bedeuten also mehr individuelle Lebensläufe, mehr Interaktionen und mehr soziale Wirkungen. Doch von wie vielen Lebensgeschichten sprechen wir hier eigentlich?

Der Unterschied zwischen Lebensgeschichten und Biographien besteht darin, dass eine Biographie in der Regel voraussetzt, dass das Leben einer Person als biographisch relevant oder interessant bewertet und anschließend dokumentiert und veröffentlicht wird. Eine Lebensgeschichte hingegen kann grundsätzlich von jeder Person erzählt werden, unabhängig davon, ob sie als biographisch relevant angesehen wird.

Und zusätzlich drängte sich der Begriff der „Lebensleistung“ auf, besonders wenn ich mich an die unzähligen begeisterten Leichtathleten erinnere, denen ich auf der ganzen Welt begegnet bin und deren Beitrag zur Leichtathletik weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Ich meine damit keine (Ex-)Weltmeister oder (Ex-)Weltrekordler, sondern die „gewöhnlichen“ Athleten, Trainer, Kampfrichter und Funktionäre.

Langhamer hat analysiert, was gemeint ist, wenn Historiker von „gewöhnlichen“ Menschen sprechen. Interessant ist ihre These, dass „gewöhnlich“ keine objektive Eigenschaft ist. Was als gewöhnlich oder außergewöhnlich bewertet wird, hängt ab von der Zeit, der Gesellschaft und der Perspektive desjenigen der bewertet und basiert auf den über diesen Menschen zur Verfügung stehenden Dokumentation (Langhamer 2018, S.185f )

Wie viel kennen wir eigentlich von dem Leben „gewöhnlicher“ Menschen?

Lyons untersucht, wie „gewöhnliche“ Menschen durch unterschiedliche Formen des Schreibens Spuren ihres Lebens hinterließen. Dabei betrachtet er unter anderem Briefe, Tagebücher, Notizbücher und sogenannte „memory books“. Besonders deutlich wird, dass sich im 19. Jahrhundert die schriftliche Selbst- und Lebensdokumentation zunehmend auch in weniger privilegierten sozialen Schichten verbreitete (Lyons 2012, S.222-223).

Wood untersucht, wie Vorstellungen von der Vergangenheit aus den Erfahrungen und Praktiken gewöhnlicher Menschen entstehen konnten. Seine Perspektive ist besonders interessant, weil Geschichte nicht allein durch die Handlungen berühmter Persönlichkeiten entsteht. Vielmehr können lokale Erfahrungen, Traditionen, und Bräuche über Generationen hinweg zur Bildung einer gemeinschaftlichen Erinnerung beitragen (Wood 2013, S. 257, 284).  Die Summe von Millionen scheinbar kleiner Lebensleistungen machen einen wesentlichen Teil der Geschichte einer Gesellschaft aus.

Geschichte wird von Menschen geschrieben und ist damit immer auch durch bestimmte Perspektiven und Auswahlprozesse geprägt. Light untersucht anhand von Oral-History-Interviews mit ehemaligen Rugby-League-Spielern das Verhältnis zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis. Dabei geht er insbesondere der Frage nach, inwieweit persönliche Erfahrungen von etablierten gesellschaftlichen Deutungsmustern abweichen und dadurch alternative Perspektiven auf die Geschichte des Sports eröffnen können (Light 2013, S. 65–82). Für den hier vorliegenden Essay erscheint dieser Ansatz besonders interessant, da auch die Lebensgeschichten von nicht prominenten Personen, die Leichtathletik betrieben, eine andere Perspektive auf die Geschichte der Leichtathletik eröffnen könnten.

Hierzu analysiert Violette die Erinnerungskultur des Sports und fragt danach, wie sportbezogene Erinnerung entsteht und welche gesellschaftlichen Mechanismen an ihrer Konstruktion beteiligt sind. Dabei unterscheidet er verschiedene Verwendungsweisen sportlicher Erinnerung, insbesondere zwischen ihrer Funktion als historische Legitimation und Prozessen der Patrimonialisierung des Sports (Violette 2018, S. 59–75).

Allerdings zeigen Dokumente allein nicht unbedingt, welche Bedeutung Sport im Leben eines Menschen hatte. Eine mündliche Lebensgeschichte kann Aspekte sichtbar machen, die durch eine rein dokumentarische Analyse nicht zugänglich sind. Dies veranschaulichen Russell et al. (2019) anhand eines Projekts mit vier Menschen mit Demenz. Mithilfe von Oral-History-Interviews wurden deren sport- und bewegungsbezogene Erfahrungen sowie die Bedeutung von Sport und körperlicher Aktivität für ihre Identität und ihr gegenwärtiges Leben erfasst (Russell et al. 2019, S. 1158–1161).

Immerhin vier Jahre vor der Erfindung des iPhones, aber bereits zur Zeit der Entstehung des Web 2.0, untersuchen Harlow et al. somit vergleichsweise früh, wie Computertechnik ältere Menschen dabei unterstützen kann, ihre Lebensgeschichten digital aufzuzeichnen und zu verschriftlichen. Die Autoren zeigen dabei anhand einer Pilotstudie, wie digitale Sprachaufzeichnung und Spracherkennungssoftware zur Erstellung schriftlicher Lebensgeschichten eingesetzt werden können (Harlow et al. 2003, S. 391–406). Dies erscheint insofern interessant, als digitale Technologien die Möglichkeit eröffnen, individuelle Lebensgeschichten in digitaler Form festzuhalten und für die Weitergabe an andere zu bewahren. Daran anknüpfend ließe sich die Frage aufwerfen, ob die Summe solcher individuellen Lebensgeschichten langfristig einen Gegenentwurf zur traditionellen Geschichtsschreibung darstellen könnte.

Ergänzend hierzu hat Mikhaylova  (2026) eine systematische Übersichtsarbeit angefertigt. 56 empirische Studien aus den Jahren 2014-2025 wurden von ihr verglichen, um Erkenntnisse zu gewinnen, ob der Einsatz künstlicher Intelligenz und computergestützter Methoden bei der Analyse biographischer Daten helfen kann. Dazu zählen u. a. biographische Interviews, autobiographische Darstellungen sowie klinische Lebensabschnitte u.a.m. (Mikhaylova 2026).

Amrhein (2005) als Autor von „Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik“ ist zum Thema Lebensläufe und Leichtathletik das wohl bedeutendste Werk, obwohl es keine universitäre Studie im engeren Sinne ist. Er hat erstmals versucht zahlreiche individuelle leichtathletische Biographien zu dokumentieren. Trotz dieses epochalen Werkes bleibt unklar wie viele Leichtathletik-Biographien insgesamt existieren.

 

Aus diesen Studien haben sich für mich einige Fragen ergeben:

1) Wie viele individuelle Lebensgeschichten existieren überhaupt innerhalb einer großen Population wie Deutschland?

2) Betrachtet man die deutsche Leichtathletik als Teil der Gesamtpopulation, stellt sich die Frage wie viele individuelle Leichtathletik-Lebensgeschichten gibt es?

3) Wenn Millionen Menschen (oder Leichtathleten) gelebt haben, warum werden einige als historisch bedeutsam betrachtet und andere nicht?

4) Wird eine individuelle Lebensleistung durch die zunehmende Zahl menschlicher Lebensgeschichten historisch diffuser?

5) Könnte Technologie die Überlieferung der Lebensgeschichten nicht-prominenter Leichtathleten ermöglichen?

 Die Anzahl der Lebensgeschichten in einer Gesellschaft entspricht grundsätzlich der Anzahl der Menschen, die dort jemals gelebt haben, sozusagen als kumulative Personenmenge. Wie viele unterschiedliche Menschen haben z.B. seit 1945 mindestens einmal in Deutschland gelebt? Lässt sich diese Zahl anhand der verfügbaren demografischen Daten für den Zeitraum 1945 bis 2025 rekonstruieren oder zumindest belastbar schätzen?

Es gilt mehrere Schritte nachzuvollziehen, bis man zu einer halbwegs belastbaren Zahl kommt.  Gezählt wird jede Person, die zwischen dem 1. Januar 1945 und dem 31. Dezember 2025 mindestens einmal auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gelebt hat. Für diesen Zeitraum liegen beim Statistischen Bundesamt (Destatis) u.a. Geburtsstatistiken vor.

Die erste große Gruppe sind alle Menschen, die 1945 bereits lebten und das sind 64 Millionen. Die zweite Gruppe sind alle seit 1946 in Deutschland Geborenen. Wenn man die jährlichen Geburten 1945–2025 aufsummiert, kommt man auf eine Größenordnung von rund 70 Millionen in Deutschland geborenen Menschen. Dazu kommen die Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen. Aber „Destatis“ weist selbst darauf hin, dass die Wanderungsdaten methodische Einschränkungen haben. Deshalb werden sie hier nicht berücksichtigt. Daher erscheint die Summe der Zahlen, 64 Millionen (lebende Personen 1945), plus der gesamten Lebendgeburten von 1946 bis 2025, ca. 70 Millionen, also 134 Millionen Personen als ziemlich realistisch.

Folglich stellt sich als Nächstes die Frage: Wie viele Lebensgeschichten gibt es in der deutschen Leichtathletik? Im Folgenden beschränke ich mich dabei ebenfalls auf die Nachkriegszeit, also auf die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) unter Ausschluss der DDR, und auf den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Für die Zielsetzung dieses Aufsatzes ist dieser beispielhaft gewählte Zeitraum ausreichend. Belegt sind die Mitgliederzahlen des DLV von 1949 bis 2025 (DLV 2006; Flatau/Pitsch/Emrich 2007).

Wie definiert man „Leichtathletik-Lebensgeschichte“?

Option 1:
eine Person, die irgendwann in ihrem Leben Mitglied in einem deutschen Leichtathletikverein war.

Option 2:
eine Person, die Leichtathletik betrieben oder an Leichtathletik-Wettkämpfen teilgenommen hat (das würde z.B. Schüler bei Bundesjugendspielen oder Volksläufe einschließen).

Option 3:
eine Person, die mindestens einmal als Mitglied einer organisierten Leichtathletik-Struktur erfasst wurden (das würde z.B. auch Kampfrichter einschließen).

Die Option 3 erscheint mir zielführend, weil sie sowohl die strukturgebundenen Athleten als auch die „Nicht-Athleten“ (Kampfrichter, Trainer etc.) einschließt.

Gemeinsame Schwäche aller drei Definitions-Optionen ist der Ausschluss aller passiven Teilnehmer in der Leichtathletik wie Eltern, Verwandte, Freunde sowie Zuschauer, Fans und Helfer.

Die Frage nach der Gesamtzahl der Leichtathletik-Lebensgeschichten erweist sich also als nicht ganz einfach zu beantworten. Wenn jemand beispielsweise von 1975 bis 1985 Mitglied in einem Leichtathletikverein war, würde diese Person in zehn Jahresstatistiken auftauchen, aber nur eine Lebensgeschichte repräsentieren.

Also muss man von den jährlichen Mitgliederzahlen auf die Zahl der verschiedenen Personen schließen. Für die Zielsetzung dieses Aufsatzes reicht eine oberflächliche Analyse aus. Eine tiefer gehende Analyse wäre allerdings hoch interessant und steht aus.

Der DLV hat heute ca. 800.000 Mitglieder in mehr als 7.000 Vereinen. Eine auszugsweise Darstellung der Mitgliedszahlen des DLV zeigt die folgende Aufstellung:

Jahr     Mitgliedszahlen

1959    456.989
1969    635.786
1974    641.633
1980    753.964
1985    814.415
1990    919.048
2000    856.693
2010    885.667
2020    798.819
2025    804.129

Eine Möglichkeit ist, die Summe aller jährlichen Mitgliedschaften in Mitgliedsjahre umzuwandeln.

            Beispiel:

            Anna:              1975–1980 entspricht 6  Mitgliedsjahren

            Bernd:             1980–1982 entspricht 3  Mitgliedsjahren

            Claudia:          1980–1990 entspricht 11 Mitgliedsjahren

Zusammen besitzen diese drei Personen 20 Mitgliedsjahre, es sind aber nur drei Personen bzw. drei leichtathletische Lebensgeschichten.

Logischerweise wäre der nächste Schritt festzulegen wie viele Jahre eine Person im Durchschnitt DLV Mitglied war. Ein Beispiel: nehmen wir an, der DLV hatte jedes Jahr seiner Existenz (=75 Jahre) 800.000 Mitglieder. Daraus ergibt sich die folgende Modellrechnung:

Durchschnittliche Mitgliedsdauer Bestand / Jahr Neue Personen/Jahr verschiedene Personen innerhalb von 75 Jahren
4 Jahre 800.000 200.000 15,0 Mio.
6 Jahre 800.000 133.333 10,0 Mio.
8 Jahre 800.000 100.000 7,5 Mio.

Man kann über die sogenannte Umschlagsrate individuelle Personen schätzen. Bei einer durchschnittlichen Mitgliedsdauer von z.B. 6 Jahren würde jedes Jahr ungefähr 1/6 = 16.7 % des Mitgliederbestands durch neue Mitglieder ersetzt. Bei 800.000 Mitgliedern wären das rund 133.000 neue Personen pro Jahr.

Das bedeutet aber nicht, dass tatsächlich jedes einzelne Mitglied exakt 6 Jahre dabei ist. Die 6 Jahre sind ein Durchschnitt. In Wirklichkeit könnte beispielsweise ein Teil nach einem Jahr ausscheiden, andere bleiben 15 Jahre.

Daher ist diese Rechnung nur eine Orientierung, weil der DLV-Mitgliederbestand 1949 natürlich nicht bei 800.000 lag, die Mitgliedszahlen über 75 Jahre fluktuierten und die DDR zusätzlich berücksichtigt werden muss.

Wenn wir z.B. unterstellen, dass eine Person im Durchschnitt ungefähr 6 Jahre als Leichtathletikmitglied erfasst wird, ergibt sich für die Nachkriegszeit ein geschätzter Mittelwert von etwa 10 Millionen Menschen.

Das ist nur eine Modellrechnung. Der DLV hat zwar sehr gute jährliche Bestandszahlen und Altersstrukturen veröffentlicht aber meiner Kenntnis nach keine anonymisierte Längsschnittstatistik, aus der hervorgeht, ob beispielsweise der 12-Jährige von 2010 dieselbe Person ist wie der 13-Jährige von 2011.

Darüber hinaus erfasst man mit diesen Daten nicht:

– Menschen, die nur in der Schule Leichtathletik betrieben haben,

– nicht organisierte Freizeitathleten,

– Menschen, die zwar in leichtathletischen Disziplinen trainierten, aber nicht als DLV-Mitglied erfasst wurden.

Die tatsächliche Zahl der Menschen, die irgendwann mal Leichtathletik betrieben haben, dürfte daher wesentlich höher liegen.

Im Folgenden kann man nun mit einem Schätzwert von 10 Millionen leichtathletischen  Lebensgeschichten seit 1949 weiter arbeiten. Das hilft uns weiter.

Denn die Eingangsfrage, was ich eigentlich in der deutschen Leichtathletik bewirkt habe, ist beantwortet. Meine leichtathletische Lebensleistung liegt exakt bei 0,00001 %. Einer von 10 Millionen Leichtathleten.

Damit kann man einen interessanten Gegensatz ausmachen: es gibt Millionen von Leichtathletik-Lebensgeschichten, von denen vergleichsweise wenige ausführlich dokumentiert sind. Und wenn deren Zahl in der Zukunft zunimmt, dann wird jede im Verhältnis zur Gesamtheit immer kleiner, d.h. auch jede einzelne Lebensgeschichte wird statistisch immer weniger repräsentativ für die Gesamtheit.

Gerade diese nüchterne und rein statistische Betrachtungsweise erfordert die ergänzende Berücksichtigung qualitativer Bewertungskriterien.

Aber um qualitative Kriterien zu entwickeln, müsste man biographische Daten in der Leichtathletik systematisch erfassen und auswerten. Danach könnte man möglicherweise Kriterien entwickeln, die eine fundierte Aussage über den qualitativen Beitrag oder Bedeutung einer Person für die Leichtathletik treffen könnte.

Es ist an dieser Stelle wichtig zwischen  „Bedeutung“ und „Überlieferung“ zu unterscheiden. Ein Olympiasieger kann vielleicht tausende Dokumente über sein Leben zusammenstellen. Über ein Vereinsmitglied, das 20 Jahre lang dreimal pro Woche eine Jugendgruppe trainiert hat, seine Kinder immer zum Leichtathletiktraining begleitet hat, an Wochenenden bei Wettkämpfen als Kampfrichter tätig war und den Verein mit aufgebaut hat, wird vielleicht nur überliefert :

„Mustermann, Max (1948-2017), Vereinsmitglied von 1962 bis 1987.“

Wenn Max Mustermann einen Beitrag von 0,00001 % geleistet hat, so folgt daraus natürlich nicht, dass seine Lebensleistung bedeutungslos ist. Aber die Frage „Wie viel Prozent der deutschen Leichtathletikgeschichte hat Max Mustermann mitgeschrieben?“ lässt sich nicht beantworten. Wenn Max Mustermann 1000 Kindern geholfen hat, Freude an der Leichtathletik zu entwickeln, wird sein Beitrag nicht dadurch kleiner, dass es gleichzeitig 10.000 andere Trainer und Athleten gab.

Aber im Jahr 2026 besteht die Geschichte der Leichtathletik wahrscheinlich zu einem sehr großen Teil aus Lebensgeschichten, die statistisch existiert haben, aber erinnerungsgeschichtlich verschwunden sind.

Von wie vielen Menschen existiert heute überhaupt noch eine Spur ihrer Leichtathletik-Lebensgeschichte?

Selbst wenn man den Begriff „Spur“ sehr weit fasst, findet man über eine Person wahrscheinlich nur begrenzt Informationen. Hier einige Beispiele:

  • Es gibt kaum noch eine Spur von einer Person. Beispiel: Die Person war Mitglied in einem Verein, doch heute lässt sich keine Information mehr über seine sportliche Tätigkeit finden.
  • Es gibt eine institutionelle Spur. Beispiel: Name und Mitgliedschaft sind in Vereinsunterlagen, Jahrbüchern, Briefen oder Protokollen dokumentiert.
  • Es gibt eine sportliche Dokumentation. Beispiel: Es existieren Ergebnisse, Urkunden, Bestenlisten oder Zeitungsberichte.
  • Es gibt biographische Informationen. Beispiel: Es finden sich mehrere Quellen über die Person, etwa Fernsehsendungen, Interviews oder Zeitungsartikel.
  • Es gibt eine schriftliche Biographie. Beispiel: Die Person hat einen Eintrag in einem biographischen Werk oder auf Wikipedia, ist in einem Archiv dokumentiert oder Gegenstand einer ausführlichen Publikation.

Sehr wahrscheinlich wird die statistische Verteilung dieser fünf „Spurtypen“ extrem asymmetrisch ausfallen. Die Sichtbarkeit von Personen steht dabei in einem starken Gegensatz zu ihrer zahlenmäßigen Verteilung: Vergleichsweise wenige prominente Personen sind sehr sichtbar, während die große Zahl der nicht prominenten Personen weitgehend unsichtbar bleibt. Mit der Zunahme der Menschheit gibt es zudem einen Konkurrenzkampf um die Sichtbarkeit für dieselbe Leistung. Daraus entsteht eine falsche aber häufig gemachte Schlussfolgerung: die unsichtbare Leistung ist bedeutungslos.

Nimmt man als Beispiel einen Trainer mit dessen Athleten auf Kreis- oder Landesniveau und analysiert den leichtathletischen „Beitrag“ aus drei Perspektiven, ergeben sich folgende Erkenntnisse:

Existenz

„Der Trainer: Ich habe 20 Athleten über 10 Jahre trainiert.“ Diese Handlung hat definitiv stattgefunden und ist unabhängig davon, ob sie dokumentiert wurde.

Wirkung

„Die Athleten: Unser Trainer hat uns unsere größten Erfolgserlebnisse ermöglicht“. Diese Aussage ist unabhängig vom sportlichen Niveau, aber wird wohl kaum in einem Geschichtsbuch Erwähnung finden. Dennoch lässt sich damit eine bedeutende Wirkung belegen, auf einer persönlichen Ebene.

Überlieferung

„Der Vereinsvorsitzende: In 50 Jahren wird man sich hoffentlich noch an diesen Trainer erinnern“. Und hier wirkt die Tatsache, dass die schiere Masse an Menschen und Informationen eine solche Trainertätigkeit unsichtbar werden lässt. Eine Überlieferung ist immer eine Art Filter. Dieser Filter orientiert sich an Kriterien wie z.B. außergewöhnliche Leistungen, Skandale, Popularität oder Geld.

Das bringt uns zurück zum „gewöhnlichen“ Leichtathleten. Für die weitere Betrachtung bietet Hannah Arendts Verständnis menschlichen Handelns einen aufschlussreichen theoretischen Bezugspunkt. Handeln bedeutet für Arendt, etwas in der Welt in Gang zu setzen, dessen weiterer Verlauf und dessen Folgen sich der vollständigen Kontrolle des Handelnden entziehen. Aus menschlichem Handeln entstehen Geschichten, deren Entwicklung nicht vollständig vorhersehbar ist (vgl. Arendt 1981, S. 174, 184). Überträgt man diesen Gedanken auf den Leichtathleten, wird deutlich, dass auch sein Handeln Folgen hervorbringen kann, die über die ursprüngliche Absicht hinausgehen. Dies gilt unabhängig davon, ob er als Athlet, Trainer oder Funktionär handelt.

Interessant wird diese Überlegung, wenn man berücksichtigt, dass täglich unzählige Handlungen stattfinden und sich dadurch ein kollektives Wirkungsgefüge entwickelt. An diesem Punkt kommt der Begriff der „Bedeutung“ ins Spiel. Die einzelnen und oftmals nur schwach sichtbaren Auswirkungen mögen für sich genommen wenig bedeutsam erscheinen; in ihrer Gesamtheit existieren sie jedoch und können eine erhebliche Bedeutung für das soziale Gefüge der Leichtathletik darstellen.

Nehmen wir an, nach 50 Jahren ist niemand mehr da, der diesen Trainer kennt. Ist seine Lebensleistung dann „verschwunden“? Diese Frage lässt sich unterschiedlich beantworten. Aus einer historischen Perspektive könnte man argumentieren, dass seine Leistung verschwunden ist, wenn keine Belege für seine Tätigkeit überliefert sind. Aus einer kollektiv orientierten Perspektive stellt sich die Frage jedoch anders: Was wäre, wenn zehn seiner 20 ehemaligen Athleten später selbst als Trainer tätig geworden wären und jeder von ihnen wiederum 300 Kinder trainiert hätte?

In diesem Fall entsteht eine interessante Wirkungskette. Die vergangenen Handlungen des Trainers hätte sich über die von ihm ausgebildeten Athleten in nachfolgende Generationen fortgesetzt und damit zur Entwicklung des Gesamtkollektivs „Leichtathletik“ beigetragen. Seine Leistung wäre somit zwar möglicherweise nicht mehr historisch dokumentiert, hätte aber dennoch Spuren im Kollektiv hinterlassen.

Die Bedeutung einer Handlung hat zwei wichtige Dimensionen. Die Bedeutung „für wen?“ und „ob eine Handlung nur dann bedeutsam war, wenn jemand später davon berichten kann“. Wenn man eine traditionelle Kamera nehmen würde und aus Leichtathletik-Biographien heraus zoomt, dann wird jeder von uns statistisch zunehmend kleiner und erscheint unbedeutender:

Person
Familie
Freunde
Verein
Stadt
Bundesland
Deutschland
Europa
Welt
Menschheitsgeschichte

Aber, betrachtet man eine Person als „Teil der Gesamtpopulation“ und versucht deren „Bedeutung“ zu ermitteln, führt das zu einem interessanten Paradoxon:

            eine Lebensgeschichte kann historisch fast unsichtbar aber menschlich außerordentlich bedeutsam sein, z.B. bei Rettungssanitätern, Sozialarbeitern oder Pflegekräften

            und umgekehrt:

            eine Lebensgeschichte kann historisch außerordentlich sichtbar sein, aber für das konkrete         Leben vieler Menschen als relativ bedeutungslos erscheinen, z.B. bei Überreichen,     Adeligen oder Menschen im Showbusiness.

Folglich sind Berühmtheit und Bedeutung nicht dasselbe.

Die eigentliche Tragik ist, dass sich die meisten Beziehungen, Entscheidungen und Leistungen eines Menschen irgendwann nicht mehr rekonstruieren lassen. Ein Mensch kann 80 oder 90 Jahre leben, dabei tausende gute Entscheidungen treffen, hunderte Menschen beeinflussen und unzählige kleine Dinge bewirken. Doch oft bleiben von einem ganzen Leben nur wenige Informationen über diese Person erhalten. Das ist kein Beleg für die fehlende Bedeutung dieses Menschen, sondern vielmehr für das „Versagen“ der Überlieferung seiner Lebensgeschichte.

Wir leben in einem historisch wichtigen Zeitabschnitt mit großen Veränderungen, die durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) geprägt sind. Denn diese Entwicklung könnte den historischen Filter bei Überlieferungen tatsächlich verändern, und zwar in einer Weise, wie es in vergangenen Zeiten nicht möglich war.

Vereinfacht sah früher der Ablauf so aus: eine Person ist im Leichtathletikverein, kommt dadurch in die Zeitung, die Zeitung landet im Archiv, die dann von Historikern ausgewertet wurden. Heutzutage kann jeder Leichtathlet seinen leichtathletischen Lebenslauf digital dokumentieren: wann er mit der Leichtathletik angefangen hat, welche Trainer er hatte, seine Wettkämpfe und Ergebnisse, Verletzungen und Comebacks, Trainingspartner, Vereinsleben, Fotos und Videos, persönliche Gedanken, Begegnungen mit anderen Athleten, oder die Entwicklung seines Vereins.

Das ist eine fundamentale Veränderung.

Dieser Leichtathlet wird vielleicht niemals prominent, aber seine leichtathletische Lebensgeschichte könnte trotzdem wesentlich besser überliefert sein als die eines vergleichbaren Leichtathleten von 1950. Dadurch könnte sich unser zukünftiges Bild der Vergangenheit verändern.

Man stelle sich vor es ist das Jahr 2200.

Soziologen werden sich vielleicht eines Tages fragen: Wie war es eigentlich im Jahr 1980, als Jugendlicher in einem deutschen Leichtathletikverein zu trainieren? Um dieser Frage nachzugehen, stehen ihnen aus dieser Zeit hauptsächlich Vereinschroniken, Statistiken, Zeitungsartikel und einzelne Fotos zur Verfügung. Bei der gleichen Frage über einen Athleten, der 2025 in einem Leichtathletikverein trainiert, könnte ein Soziologe dagegen auf eine große Zahl individueller digitaler Zeugnisse zurückgreifen: Trainingsdaten, Wettkampfergebnisse, Fotos und Videos, Nachrichten, Posts oder andere digitale Spuren des sportlichen Alltags.

Ähnlich wie bei einer Lichtfeldkamera, bei der der Fokus erst nach der Aufnahme festgelegt werden kann, ließe sich eine solche Sammlung digitaler Zeugnisse auch rückblickend aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Man könnte dann nicht nur die Karriere eines Leichtathletik-Olympiasiegers rekonstruieren, sondern den Fokus ebenso auf den sportlichen Lebenslauf einer ganz normalen 15-jährigen Läuferin vor ihrem bislang wichtigsten Wettkampf richten oder auf die Erfahrungen eines 45-jährigen Hobbyathleten, der nach 20 Jahren wieder mit dem Training beginnt.

Wenn künftig nicht mehr nur die großen Wettkämpfe und die erfolgreichen Athleten überliefert werden, sondern auch die digitalen Spuren der gewöhnlichen Leichtathleten, entsteht die Möglichkeit Lebensgeschichten durch die digitale Überlieferung erstmals zu erzählen.

Aber Digitalisierung schafft neue Probleme.

Digital heißt nicht, dass etwas dauerhaft überliefert werden kann. Social-Media-Inhalte können gelöscht werden, Plattformen werden umgestaltet, Dateiformate ändern sich, Accounts werden gelöscht oder Social-Media Unternehmen gehen pleite.

Digitale Sichtbarkeit wirft reflexartig die Frage des Datenschutzes auf. Im Mittelpunkt dieses Aufsatzes stehen persönliche Lebensgeschichten, Entwicklungen und Interessen, die wertvolle Rückschlüsse auf individuelle Biografien und deren Bedeutung ermöglichen können.

Genau diese Art privater Daten werden zurzeit z.B. von der US-Regierung in Kooperation mit den U.S. BigTech-Konzernen in skrupelloser Art und Weise für profane Zielsetzungen missbraucht (Werbung, Profit) oder noch schlimmer, zur Einführung einer Massenüberwachung genutzt:

            –  CLOUD ACT (2018): US-Behörden können Daten von US-Unternehmen weltweit      anfordern – auch wenn sie auf Servern in der EU liegen,

            – FISA Amendments Act 2008, § 101: erlaubt Massenüberwachung von Ausländern durch          die NSA, d.h. E-Mails, Chatverläufe, Cloud-Backups können gescannt werden,

            – Executive Order 12333 1981: gestattet der NSA, Daten ohne richterliche Anordnung zu           sammeln,

            – USA PATRIOT Act 2001: erzwingt Zugang zu allen Daten, die US-Unternehmen         speichern.

Alle Nutzer, z.B. von Android, iOS, Windows oder Clouddiensten, sind davon betroffen. Und was diese Gesetzgebung für ins Netz gestellte Biographien bedeutet, kann sich der Leser leicht ausmalen. Und wir erleben hier erst den Anfang.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: die Informationsflut! Wenn im Jahr 2026 eine Milliarde Menschen täglich Fotos und Texte produzieren, macht das die Arbeit eines Historikers im Jahr 2200 nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil: Früher musste ein Historiker beispielsweise 100 Dokumente über einen Leichtathleten analysieren was eine durchaus machbare Aufgabe darstellte. Heute könnte er dagegen mit Millionen digitaler Dokumente und anderer Informationsquellen konfrontiert sein, deren vollständige Analyse schlicht unmöglich wäre.

Und genau hier könnte KI eine entscheidende Rolle spielen. Wenn zukünftige KI-Systeme in der Lage sind, Millionen digitaler Dokumente zu durchsuchen und miteinander in Beziehung zu setzen, könnten sie aus verstreuten Fragmenten wieder individuelle Lebensgeschichten rekonstruieren.

Um das deutlicher zu illustrieren nehmen wir zwei Beispiele: Einen realen prominenten Leichtathleten sowie einen imaginären „gewöhnlichen“ Leichtathleten.

Zu Karlheinz Weisenseel findet man heute[1]:

„Karlheinz Weisenseel (* 23. Januar 1954 in Mannheim) ist ein ehemaliger deutscher Leichtathlet, der in den 1970er Jahren im Sprint erfolgreich war.

Er startete bei den Junioreneuropameisterschaften 1973 über 200 Meter und in der bundesdeutschen 4-mal-100-Meter-Staffel (Karlheinz Weisenseel, Klaus-Günther Lemke, Rüdiger Harksen, Helmut Leibner), mit der er in 40,66 Sekunden die Bronzemedaille gewann. Im Jahr darauf wurde er Deutscher Juniorenmeister über 100 Meter.

Im Erwachsenenbereich war Weisenseel vor allem in der Halle erfolgreich. Von 1975 bis 1978 wurde er viermal in Folge Deutscher Hallenmeister über 200 Meter. 1976 gewann er außerdem den Titel über 60 Meter. Auch im Freien war 1976 Weisenseels bestes Jahr. Bei den Deutschen Meisterschaften 1976 im Frankfurter Waldstadion gewann er über 200 Meter und wurde Vizemeister über 100 Meter. Handgestoppt stellte er am 5. September 1976 in Schwetzingen in 20,4 Sekunden über 200 Meter einen bundesdeutschen Rekord auf.

International nahm Weisenseel an den Halleneuropameisterschaften 1976 in München und 1982 in Mailand teil, ohne den Endlauf zu erreichen. 1980 stand er im fiktiven Aufgebot für die Olympischen Spiele in Moskau, die von der Bundesrepublik boykottiert wurden.

Weisenseel startete für PSV Mannheim, LG coop Kurpfalz, LG Frankfurt, MTG Mannheim und LAC Quelle Fürth.

Persönliche Bestleistungen

  • 100 Meter: 10,36 Sekunden, 19. Juni 1978 in Warschau
  • 200 Meter: 20,69 Sekunden, 14. August 1976 in Frankfurt/Main (handgestoppt: 20,4 Sekunden, 5. September 1976 in Schwetzingen)“

Für den „gewöhnlichen“ Leichtathleten Max Mustermann könnte man vielleicht zukünftig finden:

Geburtsjahr: 1972
Geburtsort: Kassel, Deutschland
Disziplinen: 400 m, 800 m, später Mittelstreckentraining

1983 – Eintritt in den ersten Leichtathletikverein
Im Alter von elf Jahren begann Max Mustermann mit der Leichtathletik beim LAV 1898 Beispielsheim. Besonders schnell entwickelte er sich im Sprint und über die 800 Meter. Seine Trainer bescheinigten ihm bereits früh eine gute Grundschnelligkeit, hohe Trainingsdisziplin und ausgeprägten Ehrgeiz.

1984 – Erster Wettkampf
Mit zwölf Jahren bestritt Mustermann seinen ersten offiziellen Wettkampf bei einem regionalen Schülersportfest. Er startete über 75 Meter und im Weitsprung

1985–1986 – Aufbau im Jugendbereich
Mustermann entwickelte sich zu einem leistungsstarken Nachwuchsläufer. Ab 1986 konzentrierte er sich auf die 400 Meter und begann zusätzlich mit dem Training über 800 Meter.

1987 – Verletzung und längere Trainingspause
Im Alter von 15 Jahren zog sich Mustermann während des Trainings eine hartnäckige Knieverletzung zu. Die Verletzung erforderte mehrere Monate Pause.

1988–1990 – Rückkehr und Übergang in den Männerbereich
Nach der Verletzung fand Mustermann schrittweise zu alter Leistungsfähigkeit zurück. Er startete weiterhin über 400 und 800 Meter und nahm an Landesmeisterschaften sowie regionalen Vergleichswettkämpfen teil.

1991 – Beginn des Studiums
Nach dem Abitur nahm Mustermann 1991 ein Studium der Sportwissenschaften an der Universität Göttingen auf.

1997 – Beruflicher Einstieg
Nach Abschluss des Studiums begann Mustermann 1997 seine berufliche Laufbahn als Sport- und Bewegungspädagoge.

1998 – 2004 Beginn der Trainertätigkeit
1998 begann Mustermann offiziell als Leichtathletiktrainer zu arbeiten. Sein Schwerpunkt lag zunächst auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

2005 – Wahl in den Vereinsvorstand
2005 wurde Mustermann in den Vorstand seines Vereins gewählt. Dort war er unter anderem für den Bereich Sport und Nachwuchsarbeitzuständig.

2006–2013 – Trainer und Funktionär
Mustermann kombinierte seine Tätigkeit als Trainer mit seinen Aufgaben im Vereinsvorstand. Unter seiner Mitwirkung wurde die Nachwuchsarbeit des Vereins ausgebaut.

2014 – Letzter Wettkampf als aktiver Athlet
Nach mehr als drei Jahrzehnten im Wettkampfsport bestritt Mustermann 2014 seinen letzten offiziellen Wettkampf. Im Alter von 42 Jahren

2015–2032 – Schwerpunkt Trainerarbeit
Nach dem Ende seiner aktiven Karriere widmete sich Mustermann verstärkt der Ausbildung von Nachwuchs- und Leistungsläufern.

2032 – Ende der regulären Trainertätigkeit
Nach insgesamt 34 Jahren als Trainer beendete Max Mustermann seine regelmäßige Trainertätigkeit. Dem Verein blieb er anschließend als Berater und Mentor verbunden.

Damit schließt sich der Kreis zu der ursprünglichen Frage: „Wenn Millionen Menschen (oder Leichtathleten) gelebt haben, warum werden einige als historisch bedeutsam betrachtet und andere nicht?“ Diese Frage lässt sich mit dem Versagen der Überlieferung beantworten.

Digitalisierung und KI könnten dieses Versagen teilweise kompensieren, allerdings nicht, indem sie aus jedem Menschen eine berühmte Persönlichkeit machen. Sondern indem sie dafür sorgen, dass „berühmt“ und „überliefert“ nicht länger dasselbe sein müssen. Ein Mensch könnte völlig unbekannt sein und dennoch eine erstaunlich gut rekonstruierbare Lebensgeschichte hinterlassen, durch die seine Bedeutung für die Nachwelt erhalten und überliefert wird.

Für die Leichtathletik wäre das faszinierend. Man könnte irgendwann die kollektive Geschichte von Millionen Menschen rekonstruieren, die die Leichtathletik über Jahrzehnte getragen haben, und damit den historischen Nachweis erbringen, dass die „gewöhnlichen“ Leichtathleten einen elementaren Beitrag zur Existenz und Popularität ihres Sports geleistet haben.

Literaturverzeichnis

Amrhein, Klaus: Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik 1898–2005. 2 Bde. 3. Aufl. Darmstadt: Deutsche Leichtathletik-Promotion- und Projektgesellschaft, 2005.

Arendt, Hannah (1981): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München/Zürich: Piper.

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Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird gelegentlich auf „gendergerechte“ Sprachformen – männlich weiblich, divers – verzichtet. Bei allen Bezeichnungen, die personenbezogen sind, meint die gewählte Formulierung i.d.R. alle Geschlechter, auch wenn überwiegend die männliche Form steht.

Über den Autor

Dr. Harald Müller lehrte Leichtathletik an der Deutschen Sporthochschule Köln und promovierte zum Dr. rer.soc. an der Universität Tübingen bei Prof. H. Digel. Anschließend war er „Senior Manager Education“ beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF), „Director Education and Standards“ bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) sowie „Director Development“ beim Internationalen Leichtathletik-Verband (World Athletics). Heute lebt er im Ruhestand in Frankreich.

[1] Klaus Amrhein: Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik 1898–2005, Darmstadt 2005, zit. nach: „Karlheinz Weisenseel“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Weisenseel (Abruf: 31.08.2026).