Stranger Things Mensch gegen Maschine: Die nächste Grenze des Clickbait-Sports?

 ED WARNER

Wenn du verstehen willst, wohin sich der Sport entwickelt, schaue nicht auf das olympische Programm oder den Spielplan der Premier League. Schau dir stattdessen die seltsame, laute, algorithmusfreundliche Welt  an, die gerade außerhalb des Mainstreams wächst. Eine Welt, in der Promi-Boxen Arenen ausverkauft, in der Tennis-Showkämpfe wie Rockauftritte vermarktet werden und in der die Grenze zwischen sportlichem Wettkampf und Unterhaltung nicht nur verschwimmt, sondern freudig ausgelöscht wird.

Nick Kyrgios gegen Aryna Sabalenka als eine „made for social Tennis“ Konfektion; Jake Paul, der das Boxen zu einer Mischung aus WWE[1] und legitimem Kampfsport macht (mit gebrochenem Kiefer und allem); der Aufstieg von Influencer-Football, Darts, Padel. Das sind nicht einfach nur einfache Shows am Rande der sportlichen Hauptbühne. Sie sind vielmehr Teil eines schnell wachsenden Ökosystems von Spin-off-Events, die nicht auf sportliche Reinheit ausgelegt sind, sondern auf Klicks, Clips und kulturelle Erhitzung.

Das viel diskutierte Match „Kyrgios gegen Sabalenka“ ist ein perfektes Beispiel für die Peinlichkeit dieses neuen Genres. Kritiker[2] stellten es schnell als existenzielle Bedrohung für den Frauensport dar, aber das erscheint mir eine Übertreibung zu sein. Ein leicht konstruiertes „Tennis giggle“ im Dezember wird jahrzehntelangen Fortschritt dieser Sportart nicht zunichtemachen. Das eigentliche Problem der Veranstaltung war einfacher: Sie war weder „scharf“ genug, um fesselnder Sport zu sein, noch chaotisch genug, um komödiantische Unterhaltung zu sein. Wären sie selbstbewusster gewesen, hätten die Organisatoren und Spieler vielleicht die Absurdität ihrer Show bewusst thematisiert. So wie es war, landete das Spiel in einer Todeszone zwischen Sport und Spektakel – war billiger TV-Füllstoff für die Tennis-Offseason. Es war nur ein harmloser Spaß, wenn du selbst Spaß daran hast, wenn dir Sport aus „unterster Schublade“ geboten wird.

Solche Vaudeville-Shows[3] stellen keine Bedrohung für den ‚echten‘ Sport dar. Es ist nicht klar, ob das Gleiche über den kühnsten Neuzugang in diesem Bereich gesagt werden kann: die Enhanced Games. Die Spiele behaupten, das menschliche Potenzial in „Übermenschlichkeit“, in „Superhumanity“ zu verwandeln, und präsentieren Athleten, die offen und frei jeglicher Kontrolle und Verbote leistungssteigernde Drogen einsetzen dürfen.

Das ist eine Provokation, ein wissenschaftliches Experiment, ein Marketingstunt, eine philosophische Herausforderung und – je nach Sichtweise – ein dystopischer Albtraum oder ein aufregender Blick in die Zukunft.

Die Enhanced Games sind kein Gedankenexperiment mehr. Die Website präsentiert 14 Athleten eines angeblich wachsenden Kaders von Athletinnen und Athleten vor der ersten Austragung im Mai in Las Vegas.

Die eigentliche Frage ist, ob die Veranstalter genug Athleten von ausreichendem „Kaliber“ anziehen können – die bereit sind, um sich auf eine Weise   ‚vorzubereiten‘, wie das Format implizit es  fordert –, um das Spektakel glaubwürdig zu machen. Eine Handvoll Schwimmer zu verpflichten ist das eine; ein Starterfeld aufzubauen, das groß genug ist, um Weltklasse-Rennen hervorzubringen, ist das andere. Selbst mit siebenstelligen Boni für das Brechen von Weltrekorden stellt sich die Frage: Werden Spitzenathleten die langfristigen Konsequenzen eines sog. Enhancementprogramms (die sowohl körperlich als auch reputationsbezogen sein werden) für einen einmaligen Zahltag riskieren?

Wenn die Organisatoren Recht haben, könnten die Enhanced Games „Schock und Ehrfurcht“‑Leistungen liefern, die die Sportwelt zwingen, sich unangenehme Fragen zu stellen. Wenn sie falsch liegen, läuft das Ganze Gefahr, wie eine Kuriosität zu wirken – mehr Hype als Hyperperformance.

Man kann damit rechnen, dass die sportinteressierte Öffentlichkeit ihr TV- gerät bzw. ihr Smartphone einschaltet, um es herauszufinden, selbst wenn sie von ihren Sofas aus mit der Zunge missbilligend schnalzen. Wenn wir uns bereits mit Promi-Box-Missmatches und chemisch verstärkter Leichtathletik wohlfühlen, was kommt dann als Nächstes? Die nächste Grenze – eine, auf die der Sport seit Jahrzehnten hinarbeitet – ist Mensch gegen Maschine.

Ein humanoider Roboter, der in sieben Sekunden 100 Meter laufen kann, wäre ein Spektakel. Einer, der 9,5 Sekunden laufen kann, ist keine Gefahr für den Sport. Es ist ein Geschäftsmodell.

Solche Roboter können bereits sprinten, springen und Hindernisse überwinden. Gib ihnen ein paar Jahre und einen Firmensponsor mit tiefen Taschen, und du könntest dir leicht ein Rennen zwischen dem schnellsten Sprinter der Welt und einem Roboter vorstellen, der die menschliche Biomechanik nachahmt, aber perfekte Schritteffizienz und keinerlei Ermüdung aufweist.

Wäre das fair? Nein. Würden Millionen zuschauen? Ganz sicher.

Im Sport ging es schon immer darum, Grenzen zu testen. Aber was passiert, wenn die Grenzen des menschlichen Körpers nicht mehr die faszinierendsten sind, wenn der Einfallsreichtum der Gehirne hinter der Herstellung von Maschinen von größerem Interesse und eine wichtigere Bedeutung haben wir als der Mensch selbst?

Cricket hat bereits mit der Automatisierung geflirtet. Bowlingmaschinen können die Aktionen einzelner Bowler mit erstaunlicher Genauigkeit und Konstanz nachahmen. Stellen Sie sich also ein neues Spielformat vor, bei dem die Bowler Maschinen sind, die darauf programmiert sind, die Aktionen, Geschwindigkeiten und Variationen berühmter Bowler der Geschichte nachzuahmen. Willst du sehen, wie die heutigen Star-Schlagmänner gegen Wasim Akram treffen? Shane Warnes Gatting Ball? Harold Larwood mit voller Bodyline-Bedrohung? Führe die Daten ein und gebe der Maschine freien Lauf.

Nostalgie ist eine der am meisten monetarisierten Emotionen im Sport. Maschinen könnten sich auf diesem Gebiet als Vermittler erweisen. Denken Sie an ABBA Voyage in Cricket-Weiß, Baseballuniformen oder Sprint Tops.

Wir haben bereits eine Version von „Mensch gegen Maschine“ als Mainstream akzeptiert. Schachmaschinen übertrafen die menschlichen Großmeister vor Jahren, und der Sport brach nicht zusammen. Stattdessen entwickelte es sich. Menschen konkurrieren nun sowohl gegen Computer als auch mit deren Unterstützung. Der E Sport geht noch weiter. Jedes Spiel ist im Kern „Mensch gegen Programmierer“. Dein direkter Gegner mag ein Mensch sein, aber der „Code ist der König“.

Vielleicht ist der Sprung zum physischen „Mensch-gegen-Maschinen-Sport“ also nicht so radikal, wie er zunächst scheint. Mit der Zeit könnte sich auch der „Graswurzelsport“ verändern.Sobald neue Technologien in irgendeinem Bereich billig genug sind, setzen sie sich unweigerlich durch und erreichen die große Masse.

Stellen Sie sich einen lokalen Leichtathletikclub vor, der Zugang zu einem Roboter-Pacer hat, der jede Geschwindigkeit, jede Distanz und jedes Gelände halten kann. Ein Dorf-Cricketteam, das gegen eine Maschine trainiert, die den exakten Abwurfpunkt eines County-Profis nachahmen kann. Jugendfußballer üben Elfmeter gegen einen Roboter-Torwart, der ihre Tendenzen lernt und sich in Echtzeit anpasst. Wenn Maschinen Teil des Werkzeugkastens eines Sports werden, werden sie zwangsläufig auf allen Ebenen Teil seiner Kultur.

Ein Purist könnte das alles für einen zu weiten Schritt halten, er wird vielleicht lieber sich wünschen, dass der Sport menschlich bleibt und daher auch fehlerhaft und unvorhersehbar sein sollte, dass die Einführung von Maschinen das Risiko birgt, Sport in eine Tech-Demo zu verwandeln. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt jedoch seit Jahrzehnten. Denken Sie nur an Carbonfaser-Fahrräder, Graphit-Tennisschläger, Hawk-Eye, VAR, Höhenzelte, smarte Mundschützer und GPS-Tracking.

Die Frage ist nicht, ob Mensch gegen Maschinensport stattfinden wird. Es geht darum, was wir wollen was daraus wird? 2026 wird uns zwingen, uns dieser Frage zu stellen.

 

Letzte Bearbeitung: 1. 1.2026

[1] „World Wrestling Entertainment“

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird gelegentlich auf „gendergerechte“ Sprachformen – männlich weiblich, divers – verzichtet. Bei allen Bezeichnungen, die personenbezogen sind, meint die gewählte Formulierung i.d.R. alle Geschlechter, auch wenn überwiegend die männliche Form steht.

[3] Frühere Varieté-Unterhaltung in den USA, Kanada und Teilen Europas