Roll den Stein weg

Die Sisyphos-Aufgabe unserer Sporthelden
ED WARNER

Rory McIlroys zwei Masters-Triumphe in Folge haben die unvermeidliche Mythologisierung ausgelöst. Das Schicksal wurde erfüllt, die Dämonen nach früherem Herzschmerz wurden verbannt, eine Reise wurde nicht nur abgeschlossen, sondern auch noch verlängert. Wenn er früher nur der Held von Hollywood war (gemeint ist das Hollywood in County Down, nicht jenes in Los Angeles), dann hat der Golfer für viele nun zusammen mit seinem zweiten „Green Jacket“ den Mantel des „Sporthelden“ übernommen.

Aber kann ein Sieg wirklich einen Athleten wie McIlroy zu einem Helden machen? Oder ist es in seinem Fall lediglich so, dass er zu einem der vollendeten Profis des modernen Golfsports gekrönt wurde – indem sein Talent, seine Disziplin und sein finanzieller Erfolg anerkannt wird, anstatt eines selbstaufopfernden Agenten einer besonderen sportlichen Tugend zu feiern?

Die Frage nach dem Heldentum im Sport wirkt zunehmend altmodisch. Das Heldentum ist ein Relikt einer einfacheren, edleren Zeit, in der Amateure aus Liebe zu ihrem Hobby spielten, als deren Opfer authentisch wirkten und dem Sieg eine moralische Struktur verliehen wurde. Doch die Heldenerzählung hält an. Die Medien jagen weiterhin im Namen der Fans nach Helden. Jeder große sportliche Moment verlangt seine Helden. Das Problem ist dabei, dass in der heutigen professionellen, kommerziell gesättigten Landschaft des Profisports es nicht mehr klar ist, ob die Helden so existieren, wie wir sie uns wünschen.

Wenn Heldentum im Sport noch ein relevantes Konzept ist, muss es auf etwas „Tieferem“ als Medaillen, Geld und Schlagzeilen aufgebaut sein. Es erfordert moralischen Adel – Mut, Demut, Anmut unter Druck, Selbstlosigkeit. Es geht nicht um den Sieg an sich, sondern darum, wie man gewinnt und warum.

McIlroy spielt trotz seines offensichtlichen Charms letztlich für sich selbst (und, wenn man seinen Siegesreden folgt, für seine unmittelbare Familie – was sehr gut nachzuvollziehen ist). Während heute jeder Athlet üblicherweise sagt, „er spiele für seine Fans“, erzeugt er vertragsgemäß auch einen Nutzen für seiner Sponsoren, sammelt für sich selbst Preisgelder und jagt seiner globalen Bekanntheit hinterher. Im modernen Zeitalter sind Fans ebenso viel „Kunde“ wie „Gemeinde“, sie sind die Grundlage für all die anderen greifbaren Vorteile des Professionals. Für wen kann also die Verfolgung dieser Ziele und deren Ergebnis als heldenhaft angesehen werden?

Vergleichen Sie den modernen Sport mit den moralischen Gesten, mit denen er stillschweigend gefeiert wurde: der Cricketspieler, der ‚walkt‘ und zugibt, einen Ball gekantet zu haben, bevor der Schiedsrichter den Finger gehoben hat; der Fußballer, der zugibt, nicht gefoult, sondern im Strafraum gestolpert zu sein; der Golfer, der darauf hinweist, dass er seinen Ball unbeabsichtigt berührt hat, was ihm einen „Stroke“ kostet. Kleine Akte der Integrität. Momente, in denen nichts gewonnen wird, die vielmehr etwas kosten. In solchen „Opfern“ liegen Spuren wahren Heldentums.

Was ist dann mit einem aufstrebenden Star wie Gout Gout, der noch nicht heldenhaft ist, für den aber von den Medien diese „Auszeichnung“ vielleicht schon wieder Aus deren Wort Archiv hervorgeholt wird? Der australische Athlet brach am Wochenende den Weltrekord über 200 m in seiner Altersgruppe. Er ist erst 18 und lief seine 19,67 Sekunden als würde er nur aus Spaß an der Freude laufen. Die Versuchung ist unmittelbar: ‚der nächste Bolt‘, ‚ein neuer Held befindet sich in der Entstehung‘. Aber bevor wir Gout mit Erwartungen belasten, könnten wir fragen, was er im Laufe seiner Karriere tun müsste, um sich diesen Status zu verdienen. Rekorde überbieten? Klar. Aber würde ihn das allein schon heldenhaft oder einfach außergewöhnlich machen?

Vielleicht ist das, was Helden von den „nur“ großen Athletinnen und Athleten unterscheidet, der Faktor der „Kosten“. Heldentum bedeutet oft, für etwas Edles einzustehen. In der Welt von Gout Gout – umgeben von Agenten, Medien, Schuhfirmen und Sponsoren – wird es nahezu unmöglich sein, der Kommerzialisierung zu widerstehen. Und das sollten wir auch nicht erwarten.

Bösewichte im Sport sind leicht zu erkennen. Sie leben von Täuschung, Übermaß und ihrem krankhaften Ego. Dopingbetrüger wie Lance Armstrong oder Ben Johnson haben die „Heiligkeit“ des Fair Play Ideals verraten. Der Harlequins-‚Bloodgate‘-Skanda¹, bei dem durch eine vorgetäuschte Verletzung die Spielregeln untergraben wurden. Sogar Vinny Jones, der Paul Gascoignes „Kronjuwelen“ auspresst – eine Tat, die für die Bad-Boy-Persönlichkeit des Täters steht (die selbst Goldstaub vermarktet). Das ist unverkennbares Unrecht, das in seiner Klarheit seltsam beruhigend wirkt.

Heldentum hingegen ist schwer fassbar, verunreinigt durch Kommerz, „PR-Puff“ und einem Kaleidoskop von Fans.

Die Unschärfe des „Heldentums“ zeigt sich am deutlichsten in der Werbemaschine des Sports. Eddie Hearns neuestes Matchroom-Projekt – Henry Pollock zu einer englischen Rugby-Ikone zu machen und ihn entsprechend zu monetarisieren – ist ein Beispiel dafür. Die zukünftige Erzählung ist offensichtlich: rohes Talent und eine kantige sportliche Person, verpackt für soziale Medien. Hearns Marketing-Genie ist unbestreitbar. Aber kann er einen Helden erschaffen, oder muss es ein Element oder einen Moment geben, der über Whiteboards und Tabellen hinausgeht?

Auch wenn es verlockend sein mag zu glauben, dass Heldentum „gebrandet“ und verkauft werden kann, geht jedes Mal etwas Wichtiges verloren. Der eigentliche Begriff von Selbstlosigkeit oder Reinheit, der dem Heldenhaften zugrunde liegt, wird durch den Handel zerstört. Je sichtbarer ein Sportler von seinem Image profitiert, desto schwerer fällt es, an seine moralische Integrität zu glauben, so unfair das auch sein mag.

Wahrer Heldenmut muss vielleicht über Stammesloyalitäten hinausgehen. Es ist leicht, ein Held in einer Echokammer zu sein, von den eigenen Fans vergöttert, von anderen verachtet. Kann ein Fußballer wirklich auf der einen Seite einer Stadt als heldenhaft angesehen werden, während er auf der anderen verachtet wird? Vielleicht erfordert echtes Heldentum Taten, die über die Anzeigetafel hinausgehen und die Loyalität zu den eigenen Fans überschreiten. Denken Sie zum Beispiel an Marcus Rashfords Kampagne für kostenlose Schulmahlzeiten. Obwohl selbst das einem politischen Gegenwind ausgesetzt war. In der modernen Zeit wird Heldentum selten unangefochten bleiben.

Was bleibt sind Performance und Medien, die wiederholt „redemption arcs“ für unsere angeblichen Helden schaffen. Jede Rückstufung wird zu einer tiefen Widrigkeit, und jeder gelingende Rückschlag zu einem gewaltigen Triumph. Übertreibungen werden zum täglichen „Feed“(Futter) für eine launische Öffentlichkeit mit deren unersättlichen Forderungen. Einst als Helden gefeiert, werden unsere Athleten zu Sisyphos-Figuren, dazu verdammt, den Stein unserer Erwartungen immer wieder bergauf zu rollen, um sich unser Lob zu verdienen.

Vielleicht ist Rory McIlroys größte Leistung also nicht das Gewinnen, sondern das Bewahren der Würde, während er endlos an einem unmöglichen Ideal gemessen wird. Vielleicht wird die Prüfung von Gout Gout nicht darin bestehen, den Druck des Ruhms zu überstehen, ohne die Freude zu verlieren, die das schnelle Laufen mit sich bringt.

Aber wenn Heldentum in solcher Widerstandskraft liegt, dann hat es vielleicht immer noch einen Platz im Sport. Es ist einfach nur sehr schwer, es unter dem Lärm des modernen Spiels zu erkennen. Dennoch lohnt es sich, dass es von uns gefeiert wird, wenn wir es entdecken.

Mit ganzer Klarheit gesprochen:

Ich lese gerade Bernard Malamuds The Natural, seinen Roman von 1952 über einen spät aufblühenden Baseballstar. Ein zentraler Charakter ist dabei ein sportlicher Held. Er wird folgendermaßen beschrieben:

„Ohne Helden sind wir alle ganz normale Menschen und wissen nicht, wie weit wir gehen können… Es ist ihre Aufgabe, die Besten zu sein, und für uns ist es unsere Aufgabe, zu verstehen, wofür sie stehen, und wohin sie uns führen.“

So gut dies auch gemeint ist, ich würde sagen, das ist eine Verantwortung, die für viele Athleten zu groß ist, um sie zu tragen – ob heutige Stars oder die der 40er und 50er Jahre, lange vor dem Aufkommen der sozialen Medien und der damit verbundenen Belastungen. Dennoch gehört dieses Buch  auf deine Leseliste.

Großer Gegner – oder ein Schurke?

Während ich diesen Essay schreibe, denke ich über sportliche Bösewichte nach. Mein Bruder berichtete (zum x-ten Mal) von den emotionalen Narben eines zehnjährigen Schuljungens, die er noch immer mit sich trägt, nachdem er 1982 erlebt hatte, wie ein ehemaliger „Crystal Palace Held“ das Spielfeld entlanglief, um ihn zu verspotten. Clive Allen hatte gerade einen FA-Cup-Siegtreffer erzielt.

Ich habe einem QPR-Kumpel das anhaltende Trauma meines Bruders erzählt. Er antwortete:

„Alles hängt davon ab, einen Mann aus ihm zu machen. Wenn es ein Trost ist: Drei Jahre später stand ich im Auswärtsbullpen² in White Hart Lane, als Clive Allen nach dem 5:0-Sieg der Spurs auf und ab tanzte und uns nach dem 5:0-Sieg der Spurs die Vs zeigte.“

Clive Allen erzielte 197 Tore in 407 Spielen für 10 verschiedene Vereine. Ich frage mich, welche Fans ihn als Helden in Erinnerung behalten oder ob wir all seine Tore lebhafter in Erinnerung haben als die Tore, die gegen ihn erzielt wurden?

Allen war am 6. März 1982 erst 21 Jahre alt. Sollte es ein Mindestalter für Heldentum geben, um Unschuldige zu schützen?

Letzte Bearbeitung: 17.4.2026

¹ Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Bloodgate
² Ein Begriff aus dem Baseball. Er bezeichnet den Bereich, in dem sich der Pitcher aufwärmt, bevor er auf das Spielfeld geht.