Gastbeitrag
Gert Eichler
Wenn eine Person des öffentlichen Lebens, die bewirkt hat, dass die Universität Hamburg den Exzellenztitel erringen konnte, Befürwortern und Gegnern der Olympischen Spiele in Hamburg bescheinigt, an der eigentlichen Sache vorbei argumentiert zu haben, hat das Gewicht. Dieter Lenzen, ehemaliger Präsident der FU Berlin und der Universität Hamburg gibt zu Protokoll, dass der Gedanke der Völkerverständigung in der ökonomisch bestimmten Auseinandersetzung vor dem Referendum nicht angemessen gewürdigt wurde. Er schlägt vor, die Bedeutung des Wortes ‚Verstand‘ ernst zu nehmen und zu intellektuellen Alternativspielen in Hamburg einzuladen. Hier habe Hamburg viel zu bieten, wie z.B. das Harbour-Literaturfestival, wissenschaftliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte, das Kulturleben in Theatern, Museen, Opern, Galerien. Gesucht seien die besten Ideen für unsere Zukunft.
Es sei gestattet, den Lenzen-Beitrag um einen Aspekt zu ergänzen: Um die Frage nach der kulturellen Qualität der Olympischen Spiele selbst. Sie werden ‚Spiele‘ genannt, Spiel ist eine Kulturleistung, sind die Olympischen Spiele eine kulturell relevante Veranstaltung? Spätestens seit Johan Huizinga, dem Holländischen Philosophen des ‘Homo Ludens‘ (deutscher Untertitel des weltweit wirksamen Buches: ‚Vom Ursprung der Kultur im Spiel‘), ist bekannt, dass das soziale und kulturelle Leben sich in vielfältigen Formen des Erkundens, Experimentierens, kämpferischen Vergleichens entwickelt hat. In offenen, gestaltbaren Spielen entfalten sich kulturelle Strukturen. Dieser Prozess ist immer aktuell. Die heute in vielfacher Hinsicht nötige gesellschaftliche Transformation braucht das Spielelement, den Gemeinsinn, der insbesondere auch dem Sport zugeschrieben wird. Huizinga beklagte, dass der Sport die Spielsphäre deutlichverlassen habe. Für den Breitensport kann man dieser Einschätzung wohl nur sehr eingeschränkt folgen, aber wie sieht es aus mit den Olympischen ‚Spielen‘?
Sind sie nicht eine höchst arbeitsintensive, in aller Mühsal und auch Entbehrung vorbereitete,medial herausgehobene Veranstaltung? Fehlt ihnen nicht die spontane, gesellschaftliche und kulturelle Vernetzung? In der Geschichte der Kulturen und Völker hatten öffentliche Wettkämpfe immer allergrößte Bedeutung für das Gemeinwesen. Sie wurden von den Beteiligten organisiert, gemeinsam erlebt und galten als Höhepunkte des Gemeinschaftslebens. Die Wettkämpfe waren und sind mit der Lebensgemeinschaft verbunden. Die Geschichte der Menschheit ist wesentlichauch eine Geschichte von Festen und Wettkämpfen. Diese waren und sind Kultur!
Die modernen Olympischen Spiele als weltweit größte Veranstaltung haben hier offensichtlich ein deutliches Defizit. Sie haben diese Gemeinschaftsqualität nie erreicht. Schon Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, scheiterte mit seinem Anliegen der künstlerisch-kulturellen Wettbewerbe. Auch mit der Kritik des ausufernden Funktionärswesens. Die Olympischen Spiele brauchen endlich eine lebendige Verbindung mit den Kulturen der Welt. Das heißt konkret: Siebrauchen eine Besinnung auf ihre kulturellen Wurzeln und sollten eine erlebbare Präsentationdes globalen Spiel- und Sporterbes neben den Wettkämpfen organisieren. Dann stellt sich Völkerverbindung nachhaltig, nicht nur in der persönlichen Begegnung der Athleten ein, wie wichtig auch immer. Die Olympischen Spiele müssen vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Die Olympische Bewegung braucht einen sozial-kulturellen Neubeginn, eine tiefgehendeReform!
Ein weiter Weg, wenn er denn überhaupt beschritten wird… Darum ein konkreter Vorschlag, der sofort umgesetzt werden kann: Hamburg entwickelt nach dem Scheitern des Referendums die PLAYLYMPICS, ein Festival der Spiel-und Sportkulturen der Welt. In eigener Regie. Dieses Festival präsentiert das globale Spiel und Sporterbe, verbunden mit konkreten Mitmach-Angeboten für alle. Hamburg greift damit die UNESCO-Initiative zur Dokumentation des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit eindrucksvoll auf und gestaltet sie aus. Die Vorteile sind offenbar: Es sind keine separaten Bauten nötig. Die Spiel-und Sportmotive stehen für Umweltverträglichkeit und senden diese Botschaft. Inklusion ist optimiert, alle machen mit, jenach persönlicher Voraussetzung. Die Kosten sind extrem gering oder ausgeglichen – die Völker der Welt gestalten und finanzieren mit, Spenden und kleine Eintrittsgelder helfen, Kleingeräte können verkauft werden. Kinder und Jugendliche bekommen verlorenes Erlebnis, elementare Spiel- und Sportmotive zurück. Sie brauchen das dringend für ihre Entwicklung. Sportverbände und Vereine bekommen wertvolle Anregungen für ein niedrig schwelliges, attraktives (Familien-)Angebot sowie ihre Schulbetreuung. Erwachsene begegnen sich offen spielerisch, entdecken und verstehen andere Kulturen, entwickeln Gemeinsinn, heute nötiger denn je. Oberstufen-Schulen können sich engagieren – Motive im Web recherchieren, auswählen, aufbereiten und in weltweiten Schulkontakt treten. Schulklassen können im Festival anleiten, was auch Demokratie-Erfahrungen vermittelt. Wissenschaft und Kultureinrichtungen können einbezogen werden, perspektivisch, gestaltend, auswertend.
Für die Realisierung hat Hamburg alle Zeit der Welt. Bis 2032 oder auch früher kann alles entwickelt sein. Die Olympische Bewegung darf sich dann positionieren. Denkbar ist eine Übernahme in das Kulturprogramm der Sommerspiele. Denkbar ist auch, dass die PLAYLYMPICS als eigenständiges Festival in Hamburger bzw. internationaler Regie verbleiben. Hamburg hat die große Chance, hier innovativ zu sein, Welthauptstadt des Spiel-und Sporterbes zu werden!
Die Entwicklung der PLAYLYMPICS ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Die Stadtgesellschaft kann sichengagieren. Ein Beginn ist jederzeit möglich. Der Autor hat ein erstes Konzept entwickelt. Nach Fertigstellung soll dieses Konzept ebenfalls im Sport nachgedacht.de publiziert werden.
Prof. Dr. Gert Eichler (pens.) Bibliothek HOMOLUDENS Kritenbarg 21, 22391 Hamburg Tel. 60658 66
Mail: gert.eichler@uni-hamburg.de