Peter Stehle (in Kooperation mit Helmut Digel)
Die olympischen Winterspiele 2026 sind zu Ende und wie immer nach Olympischen Spielen haben die Verantwortlichen für den deutschen Hochleistungssport Bilanz zu ziehen. In den Massenmedien und der Öffentlichkeit werden kritische Stimmen laut; berechtigt oder nicht. Sie regen zu Diskussionen innerhalb der Sportorganisationen, der Sportpolitik und der Öffentlichkeit an. Es wäre zu wünschen, dass diese Diskussionen transparent geführt werden, dass die beteiligten Disputanten sie nicht zur eigenen Selbstdarstellung nutzen, sondern dass am Ende im Interesse der Athletinnen und Athleten konkrete Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, von denen man erwarten kann, dass dadurch sportliche Erfolge wahrscheinlicher werden, und der von der Sportpolitik geforderte höhere Rang im Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen erreicht werden kann. Das System des Hochleistungssports muss sich an den Leistungen messen lassen, die die Athletinnen und Athleten dieses Systems bei den Olympischen Spielen erbringen. Ganz gleich, ob vorab bestimmte operationale Kriterien(10 Punkte für Platz 1 – 1 Punkt für Platz 10), Finalplätze oder lediglich Gold, Silber und Bronzemedaillen das Bezugssystem darstellen, das staatlich geförderte Hochleistungssportsystem muss im Interesse derjenigen, die es finanziell ermöglichen verantwortungsvoll geführt werden. Die Mittelbewirtschaftung und die Verteilung der staatlichen Mittel unter einer verantwortungsvollen Führung und die Verteilung der staatlichen Mittel zu Gunsten der einzelnen Sportarten und deren Athletinnen und Athleten hat auf den Grundlagen des Leistungsprinzips zu erfolgen. Für das gesamte System des Hochleistungssports ist das bloße „Dabeisein“ ebenso wichtig, wie das „erfolgreiche Dabeisein“. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt werden. Deshalb sind auch erbrachte Leistungen immer in Relationen zur aktuellen Konkurrenz und Gesamtsituation der jeweiligen Disziplin einzuordnen. Ein zehnter Platz kann in einer bestimmten Disziplin wertvoller sein als eine Medaille.
Akzeptieren wir dies als Rahmen für die weitere Entwicklung des Hochleistungssports in Deutschland, so muss eine offene und ehrliche Diskussion das Gebot der Stunde sein. Vor allem im Hinblick auf Nationen, mit denen Deutschland bezüglich seiner Größe und Wirtschaftsstärke konkurriert, muss auch die Frage berechtigt sein, inwiefern der Beitrag der Wissenschaften, wie er bislang und derzeit erbracht wird, zu Gunsten der sportlichen Höchstleistung ausreichend ist oder ob eine Optimierung zwingend notwendig ist.
Inkompetente Medienschelte führt uns nicht weiter
„Olympia: Mit der deutschen Leistungskultur stimmt etwas nicht“
So titelte die Welt ihre Klage über den angeblich in Deutschland zu beobachtenden Verfall der Leistungskultur. Es wird der Verdacht geäußert, dass im deutschen Sport etwas nicht stimmt. Dieser Verdacht besteht schon lange. Bei diesen Winterspielen in Italien erhärtete er sich. Nur die erfolgreichen Auftritte im Eiskanal übertünchen Deutschlands schlechte Bilanz. Zukunftsweisend ist das nicht.“
„Triste Olympia-Bilanz. Auch beim Skisport: Mehr Geld, weniger Medaillen“ lautete eine weitere Überschrift. Und es wird darauf hingewiesen, dass der DOSB und der deutsche Skiverband in Erklärungsnot seien. „Braucht der Sport mehr Geld vom Staat? fragte Werner Schulte bereits am 23.3.2023.
Legt man Wert auf semantische Klarheit, so müsste man als erstes wohl zunächst den deutschen Kritikern in den Medien erklären, dass man begrifflich „olympische Spiele“ und eine „Olympiade“, die einen Zeitraum von vier Jahren zwischen den Spielen definiert, zu unterscheiden hat und dass sich unsere kritische Bilanz differenziert auf die Olympischen Sportarten, die drei Wochen lang das Zentrum der Olympischen Spiele von Milano/Cortina 2026 gebildet haben, beziehen sollte.
Auf der Suche nach den Ursachen des Misserfolgs
Wollen die Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports sich ernsthaft mit ihrer aktuellen Situation auseinandersetzen und sich gewissenhaft der Frage stellen, warum in einzelnen Disziplinen der Anschluss an die internationale Konkurrenz verloren gegangen ist, und in einzelnen Disziplinen Athletinnen und Athleten die in sie gesetzten Erwartungen bei den Spielen in Milano Cortina nicht erbracht haben. So ist es zunächst und vor allem wichtig, dass diese Diskussion nicht in den Massenmedien, bei ARD, beim ZDF oder im Boulevard geführt wird, sondern dass man sich in einer längeren Klausurtagung sich der Expertise von Fachleuten bedient, die zu diesen Fragen und zu diesen Veränderungen ein fundiertes Wissen einbringen können und möglicherweise auch in der Lage sind, den Verantwortlichen beratend Lösungsvorschläge an die Hand zu geben.
Dabei darf sich die Ursachenanalyse nicht nur auf strukturelle Themen des Spitzensports beschränken. Vielmehr sollten alle relevanten Grundlagen, Erkenntnisse, Wissensbestände und neue Forschungsresultate mit einbezogen werden, die sich auf die Entwicklungen der Sport-, Spiel-, und Bewegungskultur in Deutschland beziehen. Zu nennen sind beispielhaft die folgenden Studien:
- MoMo-Studie (Motorik-Modul): Längsschnittstudie des Karlsruher KIT, die seit 2003 motorische Leistungsfähigkeit, körperliche Aktivität und Gesundheitsdaten von Kindern und Jugendlichen (4–17 Jahre) erfasst; sie umfasst Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit.
- KiGGS/MoMo (von RKI): Erweiterung der KiGGS-Studie (seit 2003) mit Fokus auf Kindergesundheit; die KIDA-Variante (2021/22) untersucht Pandemie-Effekte auf Sport und Mobilität bei 3–17-Jährigen.
- HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children): WHO-gestützte Erhebung (2022), größte europäische Umfrage zu Gesundheitsverhalten; zeigt erhebliche Rückgänge bei der Sportaktivität in Deutschland.
- MOVE FOR HEALTH: DSJ-Projekt (2023/24, Unis Münster/Berlin/Dortmund) zu Freizeitsport, mentaler Gesundheit und Vereinsaktivität.
- SOPHYA-Studie (Schweiz): Längsschnitt von Swiss TPH/BASPO (2014–2022, 971 Kinder 5–25 Jahre); misst objektiv Aktivität per Beschleunigungssensoren; zeigt, dass organisierter Sport (z. B. J+S-Programm) Bewegungsverluste verhindert und Elternaktivität fördert
- WHO-Richtlinienstudie (2020): Vergleicht 44 Länder (inkl. D/A/CH); nur 20% der Kinder erreichen 60 Min. moderate Aktivität täglich; zentralasiatische Länder sind in Bezug auf Mobilität aktiver unterwegs als Europa.
- HBSC (europäisch): Inklusive D/A/CH, zeigt Pandemie-bedingte Rückgänge der Mobilität von Kindern und Jugendlichen.
Von anderen lernen
Ein zweiter – möglicherweise noch wichtigerer Schritt – müsste darin gesehen werden, dass die Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports bereit sind, von jenen Hochleistungssportsystemen zu lernen, die ihnen bei den vergangenen Olympischen Spielen in vieler Hinsicht überlegen gewesen sind. Die Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports haben sich auf die Suche nach den „Best Practice Beispielen“ im Weltsport zu begeben. Ein erster Anfang könnte darin gesehen werden, dass das Buch von Anders Indset „Wikinger Kodex – warum Norweger so erfolgreich sind“, zur Pflichtlektüre für jeden deutschen Sportfunktionär und Trainer gemacht wird. Damit könnte möglicherweise bereits eine Basis für eine zielführende Diskussion zur Reformierung des deutschen Hochleistungssports entstehen.
„Die Norweger sind Outdoor -Menschen. Auch Kleinkinder-Betreuerinnen sind verpflichtet, ihre Schützlinge täglich in die Natur zu bringen – ungeachtet des Wetters. Die Diskussion über die tägliche Sportstunde ist in Norwegen niemanden begreiflich zu machen – sich täglich zu bewegen, ist in Norwegen eine Normalität. Die Messung von erbrachten Leistungen bei schulischen Wettkämpfen wird von niemand infrage gestellt. Das überall in der norwegischen Gesellschaft zu beobachtendes Leistungsprinzip ist die Grundlage des norwegischen Wohlstands. Dem Sport wird dabei ein besonderer Stellenwert zugemessen.“
Das Buch „Wikinger-Kodex – Warum Norweger so erfolgreich sind“ von Anders Indset (2024) erklärt Norwegens sportliche Erfolge – etwa von Erling Haaland, Karsten Warholm, Casper Ruud oder Victor Hovland – als Ausdruck einer tief verwurzelten Leistungskultur, die weit über den Sport hinausgeht. Indset beschreibt den „Kodex“ als eine wertebasierte Methodik, die individuelle Spitzenleistung mit kollektiver Stärke verbindet. Erfolge entstehen durch kumulierten Fortschritt (Zinseszinseffekt mikroambitionierter Anstrengungen), bei dem Leistung Spaß macht und Sinn stiftet.
Die Norweger haben dabei ihr egalitäres „Jante-Gesetz“ abgewandelt. Es handelt sich dabei um literarische „Zehn Gebote der Bescheidenheit“. Ein Gebot lautet u. a.: „Du sollst dich nicht über andere erheben“. Sie sehen in der persönlichen Stärkung das zentrale Medium zur Teamstärkung. Dies fördert Eigenverantwortung statt Neid. Das „Jante-Gesetz „wurde durch das traditionsreiche „Dugnad“ ergänzt und erweitert. Zentral ist dabei freiwilliges, gemeinschaftliches Engagement ohne Egoismus – so wie früher Wikinger in Fjorden zusammenarbeiteten. „Dugnad“ schafft bessere Lernumgebungen, in denen es erlaubt ist, dass Individuen herausstechen dürfen und können.
Der sportliche Erfolg Norwegens muss jedoch auch durch den nationalen Reichtum (Ölfonds, hohes BIP pro Kopf) und die hohe Dichte freiwilliger Sportvereine (ca. 11.500 Vereine mit 2 Mio. Mitgliedern bei 5,4 Mio. Einwohnern, also ~50% Beteiligung) erklärt werden.
Der Reichtum des Landes ist dabei der „Enabler“. Norwegens Wirtschaftskraft (BIP pro Kopf ~87.000 USD, Ölfonds >1 Bio. USD) finanziert „Olympiatoppen“, sportwissenschaftliche Forschung und eine professionelle Sportinfrastruktur. Der Schlüssel liegt in der gezielten Umleitung von Öleinnahmen in eine langfristige Spitzensportförderung. Die extrem hohe Vereinsmitgliederquote (80% der Kinder, 50% aller Erwachsenen) schafft eine breite Talentbasis und vorbildliche ehrenamtliche Strukturen. Doch ohne eine zentrale Koordination („Olympiatoppen“), ohne eine einheitliche Trainingsphilosophie und eine gezielte Talentbetreuung bliebe sie ineffizient. Der norwegische Erfolg resultiert aus mehreren Synergien: Datengetriebene LIT-Methode, kulturelle Leistungsbereitschaft, Dugnad-Kollektivismus und hohe Alltagsmobilität. Materieller Reichtum und Vereine sind “harte Faktoren”, aber die norwegische Spiel-, Sport- und Körperkultur und die erprobten methodischen Verfahren sind die wirksamen Multiplikatoren des norwegischen Hochleistungssports.
Norwegens sportliche Erfolge, insbesondere in Ausdauersportarten wie Skilanglauf, Biathlon und Leichtathletik, werden in der wissenschaftlichen Literatur durch ein ganzheitliches System erklärt. Studien heben vor allem von Forschungsdaten getriebene Trainingsmethoden, eine starke Nachwuchsförderung und die gesellschaftliche Sportkultur Norwegens als Schlüsselfaktoren hervor.
Die “Norwegische Methode” basiert auf 80–90% Low-Intensity-Training (LIT) für Volumenaufbau, kombiniert mit gezielten, progressiven Intervallen und einem strikten „Hard-Easy-Rhythmus“ zur Belastungsregeneration. Trainer optimieren Einheiten systematisch via Datenfeedback, nutzen Wettkämpfe gleichzeitig als Training und bemühen sich um hohe Qualität statt Quantität. Sportartspezifische Anpassungen berücksichtigen unterschiedliche Volumen und Intensitäten.
Die zentrale Institution „Olympiatoppen“ koordiniert Forschung, Praxis und Wissenstransfer. 11.500 polysportive Vereine erreichen mit einheitlicher Trainerphilosophie und Elternintegration mehr als 50% der Bevölkerung; bei der Nachwuchsförderung wird auf eine verzögerte Spezialisierung (bis 12 Jahre spielerisch) geachtet. Besonders betont wird die Eigenverantwortung und die Einsicht, dass für sportliche Spitzenleistungen langfristige Entwicklungen notwendig sind (“10 Jahre für Erfolg”).
Das Teilsystem „Sportwissenschaft“ muss auf den Prüfstand gestellt werden
Auch die deutsche Sportwissenschaft muss bei der Ursachenanalyse auf den Prüfstand gestellt werden. Auch in ihr lassen sich schon seit längerer Zeit Fehlentwicklungen beobachten. Die sportwissenschaftliche Grundlagenforschung befindet sich in einer armseligen Situation. In der angewandten sportwissenschaftlichen Forschung werden eine Vielzahl von Einzelthemen ohne die notwendige finanzielle Ausstattung und ohne eine Einbindung in ein ganzheitliches wissenschaftliches Konzept bearbeitet. Einer großen Mehrheit der Fragestellungen mangelt es an Relevanz in Bezug auf die Probleme des Hochleistungssports. Bei vielen Einzelprojekten hat man den Eindruck, dass sie ausschließlich auf ein „Peer Review-Verfahren“ ausgerichtet sind, um den Forschenden eine bessere Reputation in ihrer Konkurrenz um Stellen und Drittmitteln zu ermöglichen. Prüft man den Erkenntnisgewinn der vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten wissenschaftlichen Projekte, wird die Reichweite der angeblich neuen Erkenntnisse genauer befragt, ermittelt man eine Hierarchie dieser Projekte in ihrer Relevanz für die konkreten Problemstellungen der sportlichen Höchstleistungen in Deutschland, so fällt die Bilanz sehr bescheiden aus.
Die dringend notwendige Bilanzdebatte nach Milano/ Cortina 2026 könnte dabei auch ein geeigneter Zeitpunkt sein, um eine grundlegende Reform der Forschung und der Forschungsförderung zu Gunsten der olympischen Sportarten einzuleiten. Hierzu wäre jedoch erforderlich, dass die Diskutanten über ein neues „Sportfördergesetz“ und die Befürworter einer neu einzurichtenden unabhängigen „Sportagentur des deutschen Spitzensports“ endlich auch erkennen, dass die Institution der Sportwissenschaft sowohl in dem neuen „Sportfördergesetz“ als auch in der neuen „Sportagentur“ eine ganz andere Position einzunehmen hat, als dies bislang in den vorliegenden Entwürfen erkennbar ist.
Dafür ist allerdings notwendig, dass die Verantwortlichen für die deutsche Sportwissenschaft und die Verantwortlichen für den deutschen Sport sich gegenseitig klarmachen, was Sportwissenschaft zu Gunsten der Leistungsentwicklung leisten kann und soll und was umgekehrt der Sport von der Sportwissenschaft erwarten darf und muss. Es müssen vor allem auch die Qualitätskriterien für die Forschung definiert werden, damit herausragende Forschung auf dem Gebiet des Sports jedem einzelnen Athleten – wenn dies von Trainer und Athlet erwünscht ist – einen Mehrwert bieten kann.
Es muss auch die Frage gestellt werden, ob die bestehenden Institutionen personell, materiell und von der spitzensportfachlichen Kompetenz her betrachtet überhaupt in der Lage sind, die wünschenswerten wissenschaftlichen Beiträge und Hilfen zu erbringen. Möglicherweise wird es dringend notwendig sein, neue Forschungspartnerschaften einzugehen, sowohl national als auch international, um die höchste Qualität von Sportwissenschaft unseren Nationalmannschaften zugutekommen zu lassen.
Dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft könnte und sollte dabei auch zukünftig eine wichtige Rolle als übergeordnete Steuerungsinstanz zukommen. Möglicherweise wäre eine Integration in die neu zu schaffende „Sportagentur“ sinnvoll.
Allerdings wäre hierzu erforderlich, dass die Fehlentwicklungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten waren, möglichst sofort gestoppt werden.
Daraus lässt sich die Erwartung und Notwendigkeit ableiten, dass dieses Stoppsignal auch eine Herausforderung darstellt, die wissenschaftliche Landschaft im deutschen Spitzensport einer kritischen Evaluation zu unterziehen, um rasch entsprechende Korrekturen und neue Perspektiven abzuleiten.
Wesentliche Fehlentwicklungen der letzten Jahre waren u.a.:
- Stetige Zunahme des administrativen Aufwandes zur Durchführung von Forschungsprojekten, sodass für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit sowohl bei den Projektnehmern wie auch bei dem wissenschaftlichen Personal des BISP immer weniger Zeit zur Verfügung stand. Dies ist sicherlich ein wesentlicher Grund für die zu beobachtende Resignation der Akteure im wissenschaftlichen Verbundsystem des Spitzensports. Es bedingte einen stetigen Verlust von Vertrauen zwischen Projektförderer und Projektnehmer.
- Zunehmende Abkehr von übergeordneten Forschungsaufträgen- und-Schwerpunkten hin zu zahllosen Kleinstprojekten im Bereich der Antragsforschung.
- Im Fokus stand das Bemühen, die Antragsteller zufriedenzustellen, indem ihre Projekte mit einer finanziell gekürzten Bewilligung gefördert wurden und leider noch immer werden. Diese Konzeption ging zulasten der eigentlich notwendigen Spitzensportforschung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dadurch grundlegende neue Erkenntnisse und neues Wissen für den Spitzensport genieren lassen, nahm stetig ab.
Daraus leiten sich u.a. folgende elementare Forderungen ab:
- Deutliche Rückführung des administrativen Aufwandes (hier sind auch die Verwaltungen der wissenschaftlichen Institutionen gefordert) bei der Projektförderung sowie Aufbau eines neuen Vertrauensverhältnisses zwischen der Sportpraxis, der dem Sport dienenden Wissenschaft und den Förderinstitutionen.
- Abkehr von „kleinzelligen Forschungsprojekten“ hin zu „komplexen
Forschungsinitiativen“ zur Generierung neuer Erkenntnisse für den Spitzensport.
- Gezielter Aufbau von Forschungspartnerschaften mit industrieller und privater Forschung, Max Planck Instituten und ausgewählten „Exzellenz Clustern“ deutscher Universitäten.
- Aufbau von Forschungspartnerschaften mit relevanten internationalen
- Konsequente Kooperation mit den jeweiligen Mutter-Wissenschaften der einzelnen sportwissenschaftlichen Disziplinen.
Strukturelle Voraussetzungen für eine neue Qualität der Spitzensportforschung
Zur Schaffung der strukturellen Voraussetzungen für eine neue Qualität der Spitzensportforschungmüssten dabei u.a. folgende Vorleistungen erbracht werden:
- Aufbau und ständige Wartung einer nationalen Datenbank für den Spitzensport mit Unterdatenbanken für jede olympische Disziplin. Hierzu müssen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Zu nennen ist an erster Stelle die Harmonisierung der Datenerhebung in den einzelnen sportwissenschaftlichen und sportmedizinischen Zentren. Dabei kann u.a. auf Erfahrungen des multizentrischen Forschungsprojektes „Plötzlicher Herztod im Spitzensport“ unter der Leitung von Prof. Bernd Wohlfarth zurückgegriffen werden.
- Aufbau einer übergeordneten „Spitzensport KI Landschaft“ in Deutschland und der gezielten Förderung einer Qualifizierungsoffensive für KI im Spitzensport. Wertvolle Anregungen könnte die Stellungnahme “Künstliche Intelligenz in der Medizin“ der Bundesärztekammer liefern (Deutsches Ärzteblatt 2025; 122(4)).
- Gemäß Prognosen werden digitales Monitoring und KI-gestützte Verfahren in den kommenden Jahren einen signifikanten Einfluss auf die Leistungs- und Gesundheitsdiagnostik und Trainings- und Wettkampfsteuerung von Erkrankungen bzw. sportlicher Leistungen nehmen.
- Künstliche Intelligenz, „Sport Data Management“ und Digitalisierung sind untrennbar miteinander verbunden und spielen sowohl im operativen Sportbetrieb als auch in der Verwaltung eine zentrale Rolle. In Zentren zur Datenintegration und über Plattformen zur Interoperabilität müssen Daten für die Sportpraxis in einem standardisierten Format bereitgestellt werden.
- Die „elektronische Athletenakte“ muss eine zentrale Plattform für die Speicherung und den Austausch sportbezogener Daten sein.
- Eine kontinuierliche Weiterbildung für die Anwendung von KI- Programmen muss gewährleistet werden. Fortbildungsthemen könnten unter anderem folgende sein: KI in Forschung und Ausbildung, Ethik bei der KI-Anwendung im Spitzensport, Datenschutz und Schweigepflicht, Validierung und Qualitätssicherung, Anwendungsvoraussetzungen und Haftung.
- Aufbau eines Innovationsnetzwerkes zugunsten des deutschen Spitzensports unter der Federführung des BISp mit Partnern aus den Grundlagenwissenschaften, aus angewandter Wissenschaft, aus der Industrie und den olympischen Sportverbänden. Anregungen hierzu bietet u.a. „Bayern Innovativ“. Bayern Innovativ fördert tragfähige Ideen zu Gunsten innovativer neuer Technologien.
- Ziel sollte es sein, gesellschaftliche Veränderungen, neue Trends, neue Technologien aber auch neue praktische Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und für den Spitzensport nutzbar zu machen. Als Basis sollte eine „digitale Innovationsplattform für den Spitzensport“ bereitgestellt werden.
- Das Erkennen von Innovationstrends und neuen Entwicklungen sollte strukturiert angegangen werden. Ein Weg dahin könnte in der Einrichtung von Themennetzwerken unter Einbeziehung von Sportexperten und externen Experten sein. („Über den eigenen Tellerrand hinaussehen, muss zur Maxime werden“).
- Mit der Organisation von Strategie- und Innovationworkshops sollten „Trendkarten“ erstellt und systematisch bewertet werden.
Ausgewählte relevante Forschungsthemen, die in mehrjährigen Forschungsprojekten von spezifisch dafür ausgebildeten Experten bearbeitet werden sollten, könnten u.a. die folgenden sein:
- Werkstoffe und Materialien
Die materiellen und ökologischen Voraussetzungen sportlicher Leistungen in den verschiedenen Sportarten sind von einem schnellen Wandel geprägt. In den Materialwissenschaften werden relevante Erkenntnisse zur Benutzung neuer Materialien und Stoffe hervorgebracht. Eine anwendungsorientiere Werkstoff- und Materialforschung ist zukünftig Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilhabe am Olympischen Sport.
- Textilien
Schuhe und Textilien sind schon seit Jahrzehnten notwendige Voraussetzungen für das Erreichen bestimmter sportlicher Erfolge. Die Erforschung von Textilien hat in der jüngsten Zeit neue Dimensionen erreicht. Die Daraus resultierenden Erkenntnisse sind für die Textilien der Athletinnen und Athleten von hoher Relevanz.
- Sensorik
Neue technologische Entwicklungen im Bereich der Sensorik (kleiner, leistungsfähiger) könnten neue Wege in der Diagnostik und Steuerung im Spitzensport aufzeigen. Zielführend könnte dabei ein Netzwerk „Sensorik“ mit Partnern außerhalb der Spitzensportforschung sein. Zu denken ist dabei an neue Sensoren zur Messung von biochemischen Parametern, elektrophysiologischen Parametern und biomechanischen Parametern.
- Mentale Leistungsfähigkeit
Nicht nur aus der Sicht von Athleten und Trainern ist die mentale Leistungsfähigkeit eine Grundbedingung für die erfolgreiche Teilnahme in schwierigen Wettkampfsituationen. Methoden zur Steigerung der mentalen Leistungsfähigkeit sind mittlerweile ein prioritäres Forschungsthema der Psychologie. Mögliche Synergieeffekte und Kooperationen sollten geprüft werden.
- Entwicklung neuer Verfahren für Leistungstests zur Optimierung von Training und Wettkampf
Prognosen über die Entwicklung der Leistungsfähigkeit des Menschen sind von allgemeinem Interesse. Den Leistungsstand dabei exakt zu messen, ist eine dringende Notwendigkeit.
Bei der Talentfindung- und-förderung gibt es im Hochleistungssport einen entsprechenden Bedarf, um aus allgemeinen Forschungserkenntnissen spezielle Schlussfolgerungen zu Gunsten einer Optimierung der Talentförderung- und -begleitung im Spitzensport abzuleiten.
Jedes dieser Themen bedarf einer grundlagentheoretischen Forschung ebenso wie einer auf die konkreten Belange der aktiv Sporttreibenden ausgerichtete Anwendungsforschung. Beispielhaft sollen hier zwei aktuelle Projekte außerhalb der Spitzensportforschung aufgeführt werden, die möglicherweise einen Modellcharakter interdisziplinäre Kooperationen für den Spitzensport haben könnten:
- Bidirektionale Steuerung von Handprothesen mit Ultraschallsensoren. Fraunhofer-Forschende arbeiten im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts daran, die Steuerung von Prothesen zu verbessern. Statt herkömmlicher Elektroden, die Nervenimpulse im Muskelgewebe des Arms detektieren, setzen sie auf Ultraschallsensoren. Damit lassen sich Befehle viel genauer und feinfühliger umsetzen und es könnten sich daraus eventuell neue Wege in der Online-Bewegungsanalyse mit Korrekturanweisungen eröffnen.
- Der innovative Magnetfeldsensor von Q.ANT, einem Stuttgarter Unternehmen für Quantentechnologie, eröffnet weitreichende Möglichkeiten für die Prothesensteuerung und Sensorik in der Medizintechnik und darüber hinaus. Im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden, die elektrische Signale messen, ist die Magnetfeldsensorik unempfindlich gegenüber äußeren Einflüssen wie Schweiß oder Hautkontakt. Mit seiner extrem hohen Empfindlichkeit und Präzision ermöglicht der Sensor die Messung kleinster Magnetfelder und damit präziser Muskelsignale, was den Weg für intuitive und natürliche Steuerungsverfahren sowie neue Anwendungsbereiche für den Spitzensport ebnen könnte.
Eine mögliche Leitlinie für die zukünftige deutsche sportwissenschaftliche Forschung
Fragt man abschließend wie die deutsche Sportwissenschaft zu zukunftsweisenden Forschungslinien kommen könnte, so soll hier beispielhaft gezeigt werden, wie schnell man dabei mithilfe von wissenschaftlich fundierten KI Programmen für die bestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen BISp, IAT, FES, die an Hochleistungsforschung interessierten Institute der Sportwissenschaft deutscher Universitäten und für die neu einzurichten Sportagentur einen Forschungsrahmen für das nächste Jahrzehnt erstellen könnte. „Perplexity“schlägt hierzu eine Modellierung in vier priorisierten Clustern vor
Cluster 1: Daten, KI und Modellierung im Spitzensport
Ziel: Aufbau einer wissenschaftlich fundierten Daten‑ und Modellbasis für individuelle Leistungsentwicklung und Verletzungsprävention.
- Entwicklung validierter, interpretierbarer KI‑/ML‑Modelle für kleine Stichproben, Langzeit‑Monitoring und komplexe Belastungs‑Leistungs‑Verläufe.
- Methodenforschung zu Datenqualität, Bias, Unsicherheit, Entscheidungsregeln (z.B. „Go/No‑Go‑Entscheidungen“ im Training).
- Aufbau domänenspezifischer Daten‑Infrastrukturen (Datenbanken, Standards, Schnittstellen) in Anlehnung an BISp‑Rahmenprogramm und IAT/FES‑Strukturen.
Antragslogik: Schlüsseltechnologie „KI/Datenwissenschaft“ frühzeitig für Trainings‑ und Wettkampfforschung erschließen, mit Fokus auf methodische Grundlagen und praxistaugliche Entscheidungsunterstützung.
Cluster 2: Sensorik, Mikrosystemtechnik und digitale Messumgebungen
Ziel: Langfristig tragfähige Mess-Ökosysteme als Basis für belastbare Trainings‑ und Wettkampfanalyse.
- Grundlagen zu Mikrosystemtechnik, Wearables, Inertialsensorik, Kamerasystemen und Edge‑Computing für Feldmessungen in verschiedenen Sportarten.
- Validierung, Kalibrierung und Standardisierung (Reliabilität, Vergleich Labor vs. Feld, Referenzprotokolle für BISp‑Projekttyp „Sporttechnologie/Geräteentwicklung“).
- Signalverarbeitung und Sensorfusion (z.B. Kombination IMU, Video, Kraftmessung) zur hochauflösenden Bewegungs- und Belastungsbeschreibung.
Cluster 3: Material- und Sportgerätetechnologie inkl. paralympischer Sport
Ziel: Systematische Erschließung neuer Materialien und Konstruktionen als Leistungs‑, Effizienz‑und Fairnessfaktor.
- Materialwissenschaftliche und strömungs-/strukturdynamische Grundlagen für Sportgeräte (Schuhe, Skier, Boote, Rahmen, Schläger etc.) mit Simulation und experimenteller Validierung.
- Mensch–Gerät‑Interaktion: Kopplung von Biomechanik, Wahrnehmung und Geräteeigenschaften; Entwicklung sportartspezifischer Optimierungskonzepte.
- Paralympische Sporttechnologie (Prothesen, Orthesen, Sitzschalen, individuelle Anpassung) als ausgewiesener Schwerpunkt des BISp‑Forschungsfelds „Sportgeräteentwicklung und paralympischer Sport“.
Cluster 4: Systemische, lern- und ethikorientierte Technologieforschung
Ziel: Verstehen, wie Technologie Training, Lernen, Entscheidungsverhalten und das Gesamtsystem Spitzensport verändert.
- Neuro-, kognitions- und lernpsychologische Grundlagen zur Wirkung von Feedback‑Technologien (AR/VR, Echtzeit‑Biofeedback, Gamification) auf motorisches Lernen und Entscheidungsfindung.
- System- und „Governance“-Forschung zu Technologieeinsatz: Regulierungsmodelle, Fairness, Ressourcenungleichheit, technologische Pfadabhängigkeiten im Fördersystem.
- Transfer- und Implementationsforschung: Wie gelangen technologische Innovationen effizient in die Verbände, in die Trainerfortbildung und in die Kaderstrukturen.
Technologie ist kein isoliertes Werkzeug, sondern verändert Trainingskonzeption, Trainerrolle und Athletenlaufbahn; ohne systemische und ethische Grundlagen ist die beste Technologie nicht nachhaltig nutzbar.
Die hier vorgestellten von einem KI- Programm generierten vier Cluster könnten es wert sein, dass die für die deutsche sportwissenschaftliche Forschung Verantwortlichen sie zur sofortigen Grundlage ihrer zukünftigen Arbeit machen. Vermutlich müssen noch neue Cluster hinzu kommen. Wichtig ist jedoch, dass endlich begonnen wird eine neue und relevante Forschungspraxis zu ermöglichen.
Schlussbemerkung
Wir sind uns bewusst, dass die hier gemachten Empfehlungen zu einem unvoreingenommenen kommunikativen Diskurs aller Beteiligten auf den Prüfstand mit dem Ziel gestellt werden muss, eine zukunftsweisende Vision und Strategie aufzuzeigen.
„Wir sollten weniger Bedenken vor uns hertragen, sondern mit mehr Mut die Dinge nach vorn treiben, Risiken eingehen, ausprobieren, bevor wir etwas regulieren. Ich glaube, dann ist eine Wiederbelebung möglich“
(Nikolas Stihl „Wir müssen unseren Gründergeist wieder beleben, WELT, 7. März 2026)
Letzte Bearbeitung: 25. März 2026