Historische Dokumente 4
Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Boykott Maßnahmen aus Anlass von Olympischen Spielen hat bei den jüngsten Winterspielen Milano/Cortina 2026 einmal mehr eine fragwürdige Hochkonjunktur erlebt. Mit dem sinnlosen Boykott des Einmarsches der Nationen bei den Paralympischen Spielen durch die deutsche Paralympische Nationalmannschaft wurde wiederholt deutlich, wie durch den Boykott unschuldige Athletinnen und Athleten von Politikern und leider auch von Sportpolitikern um ein bedeutsames Erlebnis bei Olympischen Spielen gebracht werden und wie durch politische Beeinflussung die wünschenswerten Fair Play- und Respektrituale unter den Athletinnen und Athleten nicht mehr zum Tragen kommen. Die deutsche Para- Nationalmannschaft wurde genötigt, die Werte der Olympischen Charta zu missachten.
Walter Jens, der unvergessliche politische Mahner und Rhetor hat aus Anlass des Olympiaboykotts im Januar 1980 in einer Rundfunkrede sich mit dem Problem eines Olympiaboykotts auseinandergesetzt. Seine Ausführungen sind nach wie vor von höchster Aktualität. Deshalb sollen sie in der „Reihe Historische Dokumente“ als viertes Dokument veröffentlicht werden. Erschienen sind sie zum ersten Mal in seinem Buch: Walter Jens: Reden zum Sport, Nachdenkliches und Kritisches 1964-1999. Hofmann Verlag, Schorndorf 2009.
Walter Jens
Olympia – Boykott
Sanfte Republik, anno 80? Ach, das Gegenteil! „Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten“: Es ist ebenso Ekel erregend wie symptomatisch, mit welcher Unverfrorenheit Politiker und Meinungsmacher hierzulande die russische Invasion in Afghanistan benutzen, um zum Großen Angriff, zur Attacke im wilhelminischen „Immer feste druff“-Stil zu blasen. Wie eine Befreiung, die Wortwahl und der emphatische Duktus der Sätze zeigt’s an, wie die Erlösung aus einem Alptraum wird das vermeintliche Ende der Entspannungs-Politik beschrieben: endlich wieder klare Fronten, endlich wieder Freund-Feind-Opposition, endlich wieder kalten Krieg!
Da sieht sich, um eines frivolen Wahlkampfs willen, der Friede aufs Spiel gesetzt, da wird die Entspannung als „Rauschgift“ bezeichnet – grad so, als seien zum Beispiel diejenigen, die, dank der Brandt’schen Ostpolitik zueinander fanden, über die Grenzen hinweg, allesamt Drogensüchtige. Das Terroristen-Schauspiel in Wiederaufführung: Wurden damals Mordtaten von Desperados zum Vorwand genommen, um, nach innen hin, bürgerliche Liberalität und republikanischen Freimut zu beschränken, wo immer es ging, so dient jetzt die sowjetische Intervention dazu, nach außen hin auf rigorose Frontziehung zu drängen – damals wie heute steht der Anwalt der „sanften Republik“, der Besonnene, auf Vernunft und behutsame Argumentation Eingeschworene als geheimer Paladin dunkler Gegenkräfte am Pranger. Nehmt ihnen den Weizen! Mag das Volk hungern: was duldet es solche Regierung? Verlegt die Olympischen Spiele: Das werden sie spüren, die Roten! Schluss mit der Propaganda-Show im Moskauer Sommer!
An diesem Punkt halte ich inne und frage: Dies letzte Argument zumindest – ist das falsch? Besteht nicht wirklich die Gefahr, dass die festliche Zeremonie, mit Tauben und Fanfarengeschmetter, mit Feuer, Hymne und Lorbeer, vergessen lässt, was in Afghanistan geschah und in irgendeinem Lager, irgendeiner Klinik noch immer geschieht: Für den Sieger ein Podest und für den Bürgerrechtler ein Gefängnis-Bock? Wer so fragt und auf das Miteinander von Wirklichkeit und Ideologie, dem schönen olympischen Schein und der solchem Sechzehn-Tages- Glanz hohnsprechenden Realität verweist, gut, der mag zum Boykott der Olympischen Spiele von Moskau auffordern – nur sei er konsequent und verlange, in einem Atemzug damit, die weltweite Ächtung der Winter-Olympiade von Lake-Placid; denn dort, bitte sehr, wird genau der gleiche Zauber inszeniert wie in Moskau: Vergessen die Invasion in Vietnam, vergessen der martialische Auftritt des Weltpolizisten (immer auf Seiten der Herrschenden,vom Schah bis Somoza, und nie im Bündnis mit dem Volk, das zu bezahlen hat), vergessen die Missachtung von Minoritäten!
Boykott: gut und schön – aber durchdacht muss er schon sein! Nichts gegen die Devise „Sport befördert die Identifikation mit autoritären Regimen“ (sie ist richtig); nichts gegen die Erinnerung (sie ist förderlich) an das Spektakel von 1936: „Nach der Begrü.ungsrede des preußischen Ministerpräsidenten Generaloberst Göring, der im Namen der Reichsregierung, die sich als Dolmetsch des gesamten deutschen Volkes fühlt, die Erschienen willkommen hieß“, so die offizielle deutsche Olympiazeitung über den Empfang, anno 36, in der Berliner Staatsoper, „gab Reichsminister Dr. Goebbels dem Wunsch des Führers und der Reichsregierung Ausdruck, dass diese Olympischen Spiele das Untereinanderkennenlernen der Völker weiter fördern mögen. Aus einem solchen Kennenlernen würde dann ein Schätzenlernen, und dies sei allein die Grundlage für die Verständigung der Völker, die wir alle ersehnen.“
So hat Goebbels gesprochen, so redete, inmitten von Konzentrationslagern und Folterstätten, in denen man Menschen peinigt und hernach verschwinden lässt, aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft Argentiniens Präsident, und so werden auch in Moskau Männer reden, die vor kurzem noch die Invasion in Afghanistan verteidigten und die Gefangenen-Organisation Amnesty International, eines der wenigen absolut neutralen Gewissens-Foren der Welt, als Unterabteilung der CIA einstufen. Also, zum drittenmal, Boykott? Jawohl, ich bin dafür, wenn man in Kauf nimmt, dass die Olympischen Spiele künftig nur noch in Demokratien vom Schlage der Niederlande oder der nordischen Staaten stattfinden werden: beschickt von dem kleinen Club jener Nationen, denen kein internationales Tribunal und kein Amnesty-Weißbuch etwas am Zeuge flicken kann.
Das freilich würde nicht nur die Beendigung der Olympischen Spiele, sondern zugleich die Aufhebung des Sportverkehrs unter den Völkern bedeuten und nähme damit den auf weltweite Einklagung der Menschenrechte Bedachten die Möglichkeit, durch entschlossene, auf die Verbindung von Sport und Politik verweisende Berichterstattung, zum Beispiel über olympische Veranstaltungen, die Diskrepanz zwischen schönem Schein und bitterer Wirklichkeit, zwischen sekundenlang angestrahlter Fassade und tristem Dasein, davor und danach und dahinter, ins Blickfeld zu rücken. So wenig dem Sport (woran Avery Brundage noch glaubte) die Funktion eines world court zukommt, so gering seine unmittelbaren Möglichkeiten sind, Verständigung über das Stadion hinaus zu realisieren, so groß ist seine mittelbare Bedeutung:
Partnerschaft auf der Aschenbahn, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Verweigerung jeglicher Rassendiskriminierung während der Frieden verheißenden sechzehn Tage kann verdeutlichen, wie wenig all dies in der Welt, so wie sie sich gibt, verwirklicht worden ist: wie groß die Kluft zwischen Realität und jenem olympischen Ideal, das nicht nur ein schlechtes Heute verschleiert, ein paar Tage lang, sondern, dies gilt es mit Nachdruck zu betonen, auch vorschein- und gleichnisweise, auf ein besseres Morgen verweist.
Während der Boykott, zu Ende gedacht, in die bare Absurdität führt, ergreift ein politisch begründeter Nicht-Boykott die Chance, die nur der Sport bietet: den Schein auf den Begriff zu bringen, den Olympia-Gedanken, über die Stadion-Tore hinausblickend, vom Kopf auf die Füße zu stellen und damit jenen winzigen Freiraum zu nutzen, den, zumal im Fall Olympia, jener Sport bietet, der zwar mit Politik eng verknüpft ist, aber – man denke an die relative Selbständigkeit Nationaler Olympischer Komitees -, nicht in jedem Fall als deren Erfüllungsgehilfe fungiert, vielmehr sich, der Politik gegenüber durch eine Art von nichtidentischer Identität ausweist.
Und damit genug des Gedankenspiels: Alles, so scheint es spricht am Ende für den Nicht-Boykott, über den in allem Freimut kontrovers diskutieren zu können, wir übrigens nicht zuletzt, neben den West-Alliierten, auch jenen Soldaten der Roten Armee verdanken – Millionen sind, nachdem die Deutschen in ihr Land einbrachen gefallen -, die unser Land vom Faschismus befreiten.
Wären sie nicht gewesen, die Russen, die jetzt die Olympischen Spiele ausrichten, es hätte, im Zeichen nationalsozialistischer Politik, anno 1980 allenfalls ein Stelldichein so genannter Herrenvölker gegeben – mit Millionen von Versklavten (und keinem einzigen noch in Europa am Leben befindlichen Juden) als schauerlicher Staffage. Auch dies gilt es am Schluss zu bedenken:
Irgendwer steht hier, ob er’s nun gern hört oder nicht, in irgendjemands Schuld – und daran zu denken: an den gefallenen Pjotr und den gefallenen Alexej, die nicht nur ihr Land, sondern uns alle vor Hitler bewahrten immer wieder daran zu denken, in einem Augenblick, wo nationalsozialistische Herrenparolen in den Sätzen von Todenhöfer und Co. gespenstisch nachklingen: das Echo des durch Gräber nicht zu belehrenden Imperialismus! Daran zu denken heißt, die sanfte Republik jedenfalls umrissartig, im humanen Gegenentwurf zu den Losungen der Säbelrassler aus Deutschland, sichtbar zu machen.