Helmut Digel
„Welt“-Kolumnist Peter Gauweiler fühlt sich wohl in der Rolle des juristischen Lehrmeisters. Deshalb ist er überzeugt, dass er uns aufklären muss, dass nicht der FIFA-Präsident und auch nicht Donald Trump bei der WM 2026 über die Aufhebung einer Sperre nach einer roten Karte entschieden hat, sondern dass dies alles juristisch einwandfrei nach den Regeln der FIFA erfolgt ist („Die Welt“,10.7.2026[1]). Dort gibt es die Disziplinarorgane, die unter bestimmten Voraussetzungen den Vollzug einer Sperre aussetzen oder abändern können. Es waren also nicht der FIFA-Präsident oder Herr Trump, die die fragwürdige Entscheidung getroffen haben, sondern es ist eine FIFA-Kommission, deren Mitglieder satzungsgemäß unabhängig zu sein haben. Nach Auffassung von Herrn Gauweiler war und ist somit der massenmediale „Shitstorm“, den dieser Platzverweis hervorgerufen hat, völlig fehl am Platz.
Ob diese Disziplinarkommission der FIFA jemals nach dem Spiel getagt hat, wie sie sich zusammensetzt und mit welcher Begründung sie die Sperre ausgesetzt hat, wurde und wird von Herrn Gauweiler allerdings nicht erwähnt – und auch nicht überprüft. Dass die fragwürdige Entscheidung der Disziplinarkommission (wenn es sie tatsächlich gibt)) nur durch den Anruf des US-Präsidenten bei Herrn Infantino erst ermöglicht wurde und damit von diesen beiden Herren ursächlich „verschuldet“ wurde, wird von Herrn Gauweiler großzügig übersehen.
Für ihn steht fest, dass diese Fußballweltmeisterschaft ein voller Erfolg war und noch immer ist, und dass dieser Erfolg, „dem viel gehassten, genialen Schweizer Bürger Infantino“ zu verdanken ist:
„48 Nationen kämpfen um den Titel – mehr als jemals zuvor. Afrika und Asien sind so stark vertreten, wie nie in der Geschichte des Turniers. Die Weltmeisterschaft ist seit 2026 endgültig nicht mehr eine Veranstaltung der klassischen Fußballmächte Europas und Südamerikas mit einigen wenigen Gästen aus der übrigen Welt als Blume im Knopfloch. Heute spielt die Welt tatsächlich in ihrer Gesamtheit“[2].
Auch diese Behauptung wird von Herrn Gauweiler lauthals hinausposaunt, wohlwissend, dass beinahe die Hälfte der Weltbevölkerung bei dieser Weltmeisterschaft gar nicht repräsentiert wurde. Es fehlen allein schon so große Länder wie China, Indien und Indonesien, aber auch Länder wie die Philippinen, Malaysia und Thailand. Ihre Fußballteams haben sich allerdings nicht für diese Weltmeisterschaft qualifizieren können. [Indien hat 2026 rund 1,48 Mrd. Einwohner, China rund 1,41 Mrd., Indonesien rund 287 Mio., Philippinen rund 118 Millionen, Malaysia 37 Millionen und Thailand 72 Millionen; zusammen sind das rd. 3,5 Mrd. Menschen.] Bezogen auf eine Weltbevölkerung von rund 8,20 Mrd. entspricht die Einwohnerzahl dieser Länder rd. 43 % der Weltbevölkerung. Die 48 teilnehmenden Nationen der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 repräsentieren somit zusammen nur einen – wenn auch großen – Teil der Weltbevölkerung.
Die Stadien waren nach Auffassung von Herrn Gauweiler nahezu durchgehend ausverkauft, ohne dass er sich dabei auf eine verlässliche Verkaufsstatistik bezieht, denn diese gibt es bis zum heutigen Tag noch immer nicht. Die offizielle Auslastung der Stadien bei der WM 2026 wird von der FIFA nicht als bloße Sichtbeobachtung, sondern als offizielle „Attendance“ auf Basis der gescannten Tickets und der im Stadion anwesenden Zuschauer ausgewiesen. Die FIFA sagt ausdrücklich, diese Werte beruhten auf „verified operational data“ in Zusammenarbeit mit Stadionbehörden und Ticketing-Teams. Die Daten sind für eine operative und statistische Auswertung grundsätzlich brauchbar, weil sie auf standardisierten Ticket- und Kontrollprozessen beruhen und nicht nur auf Schätzungen. Ihre Aussagekraft ist aber begrenzt, wenn es um die tatsächliche Sitzbelegung während des Spiels geht. Darum können offizielle Auslastungswerte sehr hoch erscheinen, obwohl auf Fernsehbildern sichtbar freie Reihen vorhanden sind. Dennoch sei Herrn Gauweiler zugestanden, dass diese Fußball-WM in USA überraschend viele Zuschauer an sich binden konnte, wobei es angebracht wäre, dass man auch die Frage diskutiert, welcher Preis für ein WM – Ticket zu bezahlen war, welch ein Ticketschwarzmarkt durch „Vermittlung“ der FIFA ausgelöst wurde und welche gesellschaftlichen Gruppen sich die überhöhten Eintrittspreise überhaupt leisten konnten.
Organisatorisch ist nach Meinung von Herrn Gauweiler dieses Mammutereignis mit drei Gastgeber-Staaten erstaunlich reibungslos verlaufen. Deshalb lautet der Titel für seine Kolumne „Dieser Infantino ist klasse“. Dass die Nationalmannschaft des Iran in Mexiko übernachten musste, obgleich ihre Spiele in den USA stattgefunden haben, und sie nach ihren Spielen jeweils auch umgehend dorthin zurückreisen musste, dass Mannschaften wegen Visa-Problemen nicht rechtzeitig anreisen konnten, dass ganzen Nationen sogar einem FIFA-Schiedsrichter die Einreise in die Vereinigten Staaten untersagt wurde, davon ist bei Herrn Gauweiler nirgendwo die Rede. Dass für viele Mannschaften aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit Regeln des Fair Play missachtet wurden und ungleiche Chancen für die Teilnahme bestanden haben, interessiert Herrn Gauweiler angesichts seiner eigenen Interessenlage kaum. Für Herrn Gauweiler ist Infantino ein aus dem Wallis stammender Naturbursche, dessen Mentalität man kennen lernt, wenn man sich an den „Furkapass“ und an Orte erinnert, wo Menschen leben, die sich zwischen Sprachen, Kulturen und Interessen zurechtzufinden hatten, „ohne jemals auf die Idee zu kommen, sich selbst aufzugeben“.
Trumps Telefonat mit Infantino entschuldigt Gauweiler mit dem Hinweis, dass die Parteinahme für seine Landsleute bei Trump offensichtlich so wichtig ist wie die Solidarität mit seiner Familie und dass Trump daraus kein Geheimnis macht. Im Gegenteil, er selbst hat öffentlich gemacht, dass und warum er zum Telefon gegriffen hat. Gauweiler rechtfertigt diesen „präsidialen Eingriff“ nun mit dem Hinweis, dass dies andere Mächtige schon immer auch gemacht hätten und als Beispiel werden bezeichnenderweise Otto Schily und Willy Brandt erwähnt, deren Beschwerden gegenüber dem Bundesverfassungsgericht er als „trumpisch“ bezeichnet. Einfallsloser und abstruser kann ein politischer Vergleich wohl kaum sein.
In seiner Laudatio über Trump fährt Gauweiler fort:
„Bei Donald Trump jedenfalls weiß die Welt, woran sie ist. Völlig unverstellt. Einer, der unbedingt verstanden werden will. Mit Sicherheit keine Charaktermaske. Und schon bei Homer waren selbst die Götter Partei. Athene kämpfte für die Griechen. Apoll steht auf der Seite Trojas. Kein Gott war neutral. Irgendwie ist ja der ganze Fußballsport „trumpisch“ – einschließlich seiner Phänomene, dem Schießen und Fallen, den Fouls und dem Gefoultwerden und natürlich auch den dramatischen Gesängen, Fahnen, Mützen und Schals. Das Foul des eigenen Verteidigers wird ohne Probleme milder beurteilt als das des Gegners. Wir jubeln über das eigene Tor und leiden über jedes Tor der anderen. Ein Fußballstadion ist kein Hörsaal.“
Wau! Da hat Herr Gauweiler aber den Intellektuellen in Deutschland eine ausgewischt. Für Herrn Gauweiler wird „die amerikanische Weltmeisterschaft vom Sommer dieses Jahres als Fest fürs Leben in Erinnerung bleiben“.
Menschen, wie mir, die es gewagt haben, Infantino und Trump mit ihrer WM infrage zu stellen, ruft er zu:
„Also, liebe Trump-Kritiker aus dem Chor der Gerechten: Fast euch! Diese Weltmeisterschaft von und mit unserer aller Onkel Donald hat den Fußball auf eine neue bessere Stufe gehoben“.
Opportunismus scheint eine Eigenschaft zu sein, die das Leben von Herrn Gauweiler vermutlich schon in frühen Jahren heimgesucht hat, die ihm eine politische Karriere und wirtschaftliche Erfolge ermöglicht hat und bei der Ethik und Moral allenfalls als Verkaufsetiketten eine Rolle gespielt haben. Mit diesem Kommentar hat er sich geradezu angeboten, Herrn Trump juristisch zu vertreten, sollten dessen Menschenrechts- und Völkerrechtsverstöße jemals vor einem Gericht verhandelt werden. Nachdem Gauweiler schon viele Prominente vor deutschen Gerichten vertreten hat, wäre eine anwaltliche Vertretung von Herr Trump ganz gewiss der Höhepunkt im juristischen Lebenswerk von Herrn Gauweiler.
Ein Blick auf die Vita des Opportunisten Gauweiler lohnt sich, will man verstehen, warum Herr Gauweiler als Kolumnist der Welt sich zu derart absurden Aussagen über die Fußballweltmeisterschaft befähigt sieht.
Gauweiler ist gebürtiger Münchner, sein Vater war NSDAP Funktionär, sein Onkel, Otto Gauweiler, war ein NS-Funktionär und Propagandist. Er selbst studierte Rechtswissenschaften in München und Berlin, promovierte bei Robert Scholz, dem späteren Bundesminister der Verteidigung. Seit 1979 ist Gauweiler als Rechtsanwalt zugelassen. Als Reaktion auf die „Achtundsechziger Studentenbewegung“ trat er der CSU bei. Er leitete den „Ring christlich demokratischer Studenten“. Sein Mentor war Franz-Josef Strauß. Er wurde Pressesprecher der Münchner CSU und unter Seehofer war er stellvertretender CSU-Vorsitzender. Dank der Unterstützung von Strauß machte er zielstrebig in der Politik Karriere. Er war Staatssekretär im bayrischen Innenministerium, bayrischer Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen und langjähriger Bundestagsabgeordneter. Angesicht seiner wechselhaften parteipolitischen Karriere war er auch immer wieder im Brennpunkt von politischen Skandalen. Er stand für Law und Order, ohne dabei allerdings sich selbst immer an Law und Order zu halten[3].
Seine Nebeneinkünfte waren immer bemerkenswert. Er stand diesbezüglich mit Abstand an der Spitze der deutschen Abgeordneten. Beraterhonorare in Millionenhöhe waren für ihn eine Selbstverständlichkeit, und dass er dem in der Schweiz lebenden Milliardär August von Fink gedient hat, bereitete ihm selbst keine Sorgen angesichts des Honorars von 11 Millionen €[4]. Als Anwalt hat er den Medienunternehmer Leo Kirch vertreten. In der Auseinandersetzung von Theo Zwanziger mit Qatar wurde er vom Staat Qatar mit der Wahrnehmung von dessen Interessen beauftragt. Tom Enders, ehemaliger Chef von Airbus, Stefan Mappus, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, die Metro Group, die österreichische Bundesbahn, Audi Manager Wolfgang Hatz, die Wirecard AG und die Warburg Bank sind weitere Beispiele für eine prominente Kundschaft, die die Kanzlei Gauweiler juristisch zu vertreten hatte. Auch die Vertretung des russischen Oligarchen Usmanow war für Herrn Gauweiler kein Problem. Und wie nicht anders zu erwarten, vertritt er auch die Interessen von Hassan Ismail, in dessen Auseinandersetzung mit dem TSV 1860 München. Die Vertretung der MAGA-Welt von Herrn Trump würde gut ins Portfolio von Herrn Gauweiler passen!
Von einer klaren politischen Position kann bei Herrn Gauweiler ganz gewiss nicht gesprochen werden. Für ihn ist es möglich, Sahra Wagenknecht bei ihrer Resolution gegen die Bundesregierung zu unterstützen, die CSU zu einem Nein zum Vertrag von Maastricht zu bewegen, mit aller Härte gegen schwule Lokale und Aidskranke vorzugehen, die Sanktionspolitik gegen Russland als feige Politik zu bezeichnen, die Aufnahme eines Gottesbezuges in den Vertrag über eine Verfassung für Europa zu beantragen, den Rettungsschirm für Griechenland zu bekämpfen und eine Vorrats- Datenspeicherung in Deutschland einzuführen
Für das hier zur Diskussion gestellte Problem ist sein politisches Amt als bayrischer „Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen“, das er insgesamt vier Jahre innehatte, von besonderem Interesse.
In dieser Zeit hat es bereits wichtige Studien zur Erderwärmung gegeben. Die ersten Warnungen vor einem bevorstehenden Klimawandel wurden auch politisch diskutiert. Der „Club of Rome“[5] war in dieser Zeit mit seinen Prognosen in aller Munde. Bereits 1972 gab es die erste große Warnung. 1987 bringt der „Brundtland-Bericht“[6] den Begriff „Nachhaltigkeit“ global in die politische Debatte.1990 legte das IPCC[7] den ersten großen Klimabericht vor.
Herr Gauweiler muss – angesichts seiner unbestrittenen Cleverness, die ihn auszeichnet – als ehemaliger Minister bereits mit Fragen des Klimawandels und der CO2-Emissionen konfrontiert gewesen sein. Dass sie für ihn keine Herzensangelegenheit gewesen sind, ist angesichts seiner politischen Heimat naheliegend. Dass er jedoch in seinem Kommentar in der „Welt“ die ökologischen Probleme der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 völlig ausklammert und auch nicht den bevorstehenden neuen Größenwahn von Herrn Infantino zumindest erwähnt, nämlich die nächste WM nicht nur in drei, sondern in sechs Ländern mit nicht nur 48 Mannschaften, sondern mit 64 auszutragen, kann nur mit einer demagogischen Absicht erklärt werden, die den „Überlegungen“ des Herrn Gauweiler zu Grunde liegen.
Für ihn ist es offensichtlich unerheblich, dass sich durch die „Planungen“ des FIFA-Präsidenten, Gianni Infantino, die bereits jetzt skandalösen 15 Millionen t CO2-Emissionen der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft auf über 20 Millionen t erhöhen werden, was der ganzjährigen CO2-Last von Ländern wie Österreich oder Dänemark entspricht.
Vermutlich muss man Gauweilers „Argumentieren“ und Handeln jedoch mit seinem nicht zu übertreffenden Opportunismus erklären, um „dem viel gehassten, genialen Schweizer Bürger Infantino“ auf diese Weise näher zu kommen. Opportunismus hat das Leben dieses Mannes über Jahrzehnte geleitet und ihm auch enorme ökonomische Erfolge ermöglicht. Warum sollte das jetzt mit Blick auf Infantino, den „genialen Schweizer“, anders sein? Es lebt sich gut am Starnberger See!
Letzte Bearbeitung: 13. Juli 2026
[1] Siehe:
https://www.welt.de/debatte/article6a4e56ca0f71e0f715c39ab9/fussball-weltmeisterschaft-dieser-infantino-ist-klasse.html – Zugriff am 09.07.2026
[2] Hervorhebung durch den Verfasser
[3] „taz“ vom 18.03 1994:
[4] Medienbericht / „Spiegel“ vom 26.03.2021:
Zugriff jeweils am 12.07.2026
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Club_of_Rome
[6] Als „Brundtland-Bericht“ wird ein Bericht von 1987 mit dem Titel „Our Common Future“ bezeichnet,
den die 1983 gegründete Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen
veröffentlichte.
[7] „Intergovernmental Panel on Climate Change”
Zugriff jeweils am 12.07.2026