Helmut Digel
Ich wohne nun bereits seit zwölf Jahren in einem für mich einmaligen Naturparadies im Achental und dessen „Hauptstadt“ Unterwössen und bereits im ersten Jahr war es mir vergönnt, dass ich ihn treffen durfte: Tim Hronek, den erfolgreichsten Olympioniken des Achentals. Damals war er 19 Jahre alt und galt als eines der vielversprechendsten Talente des Deutschen Skiverbandes in der neu geschaffenen Olympischen Disziplin des Skicross. Zwei Jahre zuvor hatte der damalige Gymnasiast und Eliteschüler am Ski-Gymnasium Berchtesgaden seine alpine Rennläuferkarriere aufgegeben und sich auf ein Abenteuer eingelassen, das vor wenigen Tagen bei den 25. Olympischen Winterspielen Milano/ Cortina 2026 seinen absoluten Höhepunkt erreicht hat.
Seit Beginn der ersten Wettkämpfe bei diesen Spielen mussten er und ich, und mit ihm vermutlich noch viele seiner Freunde im Achental, nicht zuletzt seine Familie, 18 Wettkampftage lang warten, bis es endlich so weit war, dass sich der „Skicross“ – eine der faszinierendsten Olympischen Wintersportdisziplinen – bei den sehr schönen und gelungenen Olympischen Winterspielen von Milano/ Cortina 2026 präsentieren durfte. Für Tim und vor allem für mich begann der Wettkampf mit einer „kleinen Katastrophe“. In der ersten Qualifikation, bei der es um die Positionierung in den folgenden Wettkämpfen ging, erreichte Tim lediglich den 24. Platz, was so viel bedeutete, dass er in seinem ersten Achtelfinallauf bereits mit den besten der Welt konfrontiert sein sollte. Doch entgegen meinen Befürchtungen hat für Tim diese erste „Niederlage“ keinerlei Bedeutung gehabt. In seinem Achtelfinallauf dominierte er seine Gegner und seine Qualifikation für das Viertelfinale war zu keiner Sekunde gefährdet. Nicht nur mein Pulsschlag schlug höher, als er auch das Viertelfinale souverän meisterte und sich damit für das Halbfinale qualifiziert hatte, was bei Olympischen Spielen eine herausragende Bedeutung hat. Bei Schneefall und Nebel trat Tim im zweiten Halbfinallauf gegen die Besten der Welt an. Würde er einen der ersten beiden Plätze erringen, so wäre ihm eine Medaille bei diesen für ihn einmaligen Olympischen Winterspielen nahezu sicher gewesen. Nach einem etwas schwachen Start suchte Tim dank seiner großen Erfahrung eine ideale Ausgangsposition für einen Überholversuch und nutzte diesen zum richtigen Zeitpunkt. Sofort war klar, dass er die Sensation des Tages schaffen würde. Doch wenige 100 m vor dem Ziel geschah die Tragödie. Tim wurde von dem Schweizer Skicrossstar Ryan Regez auf unfaire Weise abgedrängt und schafft es gerade noch, sich auf seinen Skiern zu halten und einen Sturz zu vermeiden. Doch der Angriff seines Gegners und das körperliche Duell mit ihm verlangsamte die Renngeschwindigkeit, die im Skicross bei 100 km/h liegt, was der an dritter Stelle liegende Japaner zu nutzen wusste und deshalb mit knappem Abstand Tim auf die dritte Stelle des Halbfinallaufes verwies. Für mich war klar, dass dieser Lauf wiederholt werden müsste, weil Tims „Niederlage“ nicht von ihm verschuldet wurde, sondern von einem seiner Konkurrenten und der Erfolg des Japaners zu Lasten von Tim zustande gekommen war. Leider sehen die Regeln der FIS eine solche Wiederholung nur bei ganz besonderen Fällen vor. Für mich lag ein ganz besonderer Fall vor und ich darf nicht nur für mich behaupten, dass Tim um eine Medaille bei Olympischen Spielen betrogen wurde. An die ökonomischen Verluste, die ihm durch diese Fehlentscheidung entstanden sind, sollte man erst gar nicht denken
Die Jury bewertete den ausgefahrenen Arm/Ellbogen von Ryan Regez gegen Tim Hroneks Hals per Videoaufnahme als einen Regelverstoß und setzte den Verursacher Regez auf den letzten Platz. Der Japaner Satoshi Furuno profitierte als an der Kollision Unbeteiligter und rückte dadurch auf den Qualifikationsplatz zwei vor. Die Blockade von Regez kostete in der letzten Linkskurve Hronek viel Tempo, weshalb Furuno als Zweiter ins Finale einzog. Tim Hronek landete trotz der Strafe auf Platz 3 und musste somit ins kleine Finale, in dem er zweiter wurde. Experten wie Tobias Müller kritisierten die Aktion als „unsportlich“ und bedauerten, dass die Regeln keinen „Re-run“ zugunsten Benachteiligter zulassen.
Für Tims Persönlichkeit ist kennzeichnend, dass er wohl seine Verärgerung gezeigt hat, über das, was mit ihm in dem außergewöhnlichsten Halbfinale seines Lebens geschehen ist. Doch mit einer professionellen Größe und Haltung steckte er seine Enttäuschung weg und erreichte im „kleinen Finale“ einen zweiten Platz, was einen sechsten Platz in der Gesamtwertung bedeutete. Er dokumentierte damit eindrucksvoll, dass er zu den besten Skicrossfahrern aller Zeiten gehört.
In der Geschichte der Olympischen Winterspiele hat es bereits mehrere Athletinnen und Athleten gegeben, die aus dem Achental gekommen sind. Zu nennen ist dabei Traudl Hecher, die an den alpinen Skirennen von Calgary 1988 und von Albertville 1991 teilgenommen hat. Andy Birnbacher repräsentierte als Biathlet Deutschland bei den Olympischen Spielen von Vancouver 2010 und Sotschi 2014. Bernhard Bauer war es vergönnt, die wohl schönsten Winterspiele in Lillehammer 1994 als der damals beste Riesenslalomläufer Deutschlands zu bereichern. Zu erwähnen ist auch Veronique Roneck, die kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 bei einem Sturz einen Kreuzbandriss erlebte und ihr Traum von einer Olympiateilnahme damit nicht in Erfüllung gehen konnte.
Doch keiner hat eine derartige Tragödie erleben müssen wie Tim und dennoch den größten Erfolg erreichen können, den jemals ein Achentaler Athlet aufweisen konnte.
Für all jene, die den Skicross Olympioniken Tim Hronek erst in diesen Tagen durch seinen besonderen Erfolg kennen gelernt haben, sei im Folgenden sein Werdegang in aller Kürze wiedergegeben.
Tim Hronek wurde am 1. Juni 1995 in Traunstein (Oberbayern) geboren und ist 179 cm groß, bei 84 kg Körpergewicht. Diese Körpermaße waren mit ein Grund, warum aus dem alpinen Rennläufer Tim Hronek ein Weltklasse Skicrosser wurde. Tim begann früh mit dem Skifahren im SV Unterwössen unter Anleitung seines Vaters Zdenek, einem ehemaligen tschechischen Eishockeynationalspieler und Trainer. Seine Mutter Ilona ist Skilehrerin, und er hat eine ältere Schwester Veronique, die ebenfalls eine sehr erfolgreiche Skirennfahrerin des DSV war. Veronique hat unter anderem den Titel einer deutschen Meisterin im Riesenslalom gewonnen, und sie hatte Deutschland über viele Jahre im Ski-Welt Cup repräsentiert. Ursprünglich war Tim alpinskiorientiert, doch mit 17 wechselte er zum Skicross nach einer Sichtung im Jahr 2012. Seit dem besuchte er die Christophorus-Schule in Berchtesgaden. Nach einem erfolgreichen Schulabschluss erhielt Tim ein Stipendium als Sport-Soldat bei der Sport-Fördergruppe der Bundeswehr in Bischofswiesen. Nach Silber bei der Junioren-WM 2015 in Valmalenco holte er mehrere Weltcup-Podien, darunter Zweite Plätze in Innichen (2016/2022) und Sunny Valley. Seine bisher beste Saison hatte er 2022/23, die er mit Platz 12 im Gesamtweltcup abschloss. Damit hatte er sich endgültig in der Welt Elite des Skicross etabliert. Bei seinen ersten Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang erreichte er lediglich den 23. Platz. Immer wieder begleiteten ihn schwere Verletzungen. Ich konnte ihn selbst bei seinem täglichen Reha Training im Medical Park in Bernau beobachten und seine Willensstärke bewundern. Bei jeder seiner Verletzungen, die manchmal auch durch Leichtsinn beim Biking und Motocrossfahrten in den Sommermonaten zu Stande gekommen sind, kam er wieder mit neuer Motivation zurück. Die Saison 2024/25 lief für Tim nicht so, wie er es für die für ihn so wichtigen vorolympischen Saison erwartet hatte. Doch endlich hatte er mit einem Halbfinal Platz bei einem Weltcup die vorgeschriebene Qualifikation erreicht, und so war für ihn mit einer Ausgangsposition auf Platz 17 in der Weltrangliste alles bestens für die Olympischen Spiele in Milano Cortina 2026 vorbereitet. Erkundigt man sich über die Tragödie von Livigno, die Tim beim Halbfinale des Olympischen Skicrosswettbewerbs widerfahren ist, so teilt ein von mir häufig benutztes das KI-Programm folgendes mit:
„Bei den Olympischen Winterspielen 2026 schied Hronek im Halbfinale durch eine regelwidrige Blockade des Schweizers Ryan Regez aus, der bestraft wurde. Im kleinen Finale belegte er den 2. Platz und damit Gesamtplatz 6 vor Florian Wilmsmann. Gold ging an Simone Deromedis (ITA)“.
KI -Programme sind für vieles nützlich. Doch die Emotionen, die wir Menschen in Verbindung mit der schicksalshaften sportlichen Tragödie von Tim Hronek haben dürfen und können, bleiben diesen Programmen verborgen. Nicht nur für mich, sondern für viele Bürgerinnen und Bürger des Achentals wird Tim als der erfolgreichste Olympionike des Achentals immer in Erinnerung bleiben. Gleiches gilt für die großartige Wintersportlerin Traudl Hecher, für den sympathischen Biathleten Andi Birnbacher, für den Oberwössner Ausnahmeskiläufer Bernhard Bauer und Tims Schwester Veronique Hronek. Vielleicht können sich die Gemeinden des Achentals auf eine „Wall of Fame“ im Alten Bad in Unterwössen verständigen. Noch eine ganze Reihe weiterer Athletinnen und Athleten hätten es verdient, dass man sich dort an sie und ihre sportlichen Erfolge erinnert.
Letzte Bearbeitung: 22.2.2024
Themenzuordnung: Olympische Spiele