Helmut Digel
Es waren schöne Spiele
Die Olympischen Winterspiele Milano /Cortina 2026 waren interessante Spiele und sie waren auch oft sehr schöne und gelungene Spiele. Die Olympischen Athletinnen und Athleten haben einmal mehr der Welt gezeigt, wie bei olympischen Wettkämpfen bedeutsame gesellschaftliche Werte zur Darstellung gebracht werden können. Und wie es möglich ist, dass junge Menschen aus vielen Nationen sich über einen Zeitraum von drei Wochen auf friedliche Weise begegnen können. Es wurde einmal mehr demonstriert, dass olympische Spiele keine bloße Aneinanderreihung von Weltmeisterschaften verschiedener Sportarten sind. Allein die Eröffnungsfeier und die Schlussfeier und die Olympischen Rituale – angefangen mit dem Fackellauf, beginnend in Griechenland und fortgesetzt durch ganz Italien, gefolgt vom Olympischen Feuer und dessen Entzündung und dem Olympischen Eid – haben auch in Milano Cortina 2026 diesen Unterschied deutlich hervorgebracht.
Besonders schön anzusehen waren die Gesten der Solidarität und Freundschaft von Athletinnen und Athleten, insbesondere in jenen Sportarten, die nur bei Olympischen Spielen ein öffentliches Interesse finden. Der Freudentaumel bei den Skibergsteigern, die zum ersten Mal bei Spielen dabei sein durften, war ebenso schön zu betrachten wie die von gegenseitiger Anerkennung geprägten Gesten der Snowboarder, Skicrosser und Skiakrobaten. Es gab auch vorbildliche Verlierer, die allen Grund gehabt hätten, enttäuscht zu sein, allen voran der alpine Skirennläufer Marco Odermatt aus der Schweiz. Die Gesten der Freude über den Sieg und den überraschenden Erfolg und der Ausdruck von Enttäuschung über den Misserfolg wurden immer wieder auf geradezu dramatische Weise vorgetragen. So z.B. auf der einen Seite von Daniela Maier bei ihrem überraschenden Sieg im Ski Cross Wettbewerb der Damen und auf der anderen Seite vom norwegischen Skirennläufer Mc Grath. Sie sind Ausdruck einer Dramatik, wie sie nur der olympische Hochleistungssport bieten kann.
Auch viele deutsche Athletinnen und Athleten haben die Spiele auf diese Weise erlebt und sie haben mit ihren Leistungen nicht nur ihren Angehörigen Freude bereitet. Die deutsche Olympia Mannschaft hat mit ihrem Auftreten in Milano/ Cortina 2026 den Zuschauern zu Hause eine gute Unterhaltung geboten. Herausragende Erfolge im Bobsport und Rodeln konnten von Millionen von Zuschauern ebenso bewundert werden wie ganz überraschende Medaillengewinne, mit denen man nicht gerechnet hat. Für den am Wintersport interessierten deutschen Fernsehzuschauer, der zu Hause in der zum Teil verschneiten Heimat die Spiele verfolgen konnte, gab es bei diesen Spielen viele interessante und unterhaltsamen Momente.
Deutschland konnte einmal mehr die Erwartungen nicht erfüllen
Die vor den Spielen massenmedial erzeugte Erwartungshaltung und die völlig unnötige Prognose der noch unerfahrenen Sportministerin in Bezug auf die zu gewinnenden Medaillen (3.Platz in der Nationenwertung) haben einmal mehr und nahezu zwangsläufig zu einer Enttäuschung und zur berechtigten Kritik an der deutschen Teilnahme bei diesen Spielen geführt, zumal Deutschland mit der größten Mannschaft aller Zeiten angetreten ist und bei früheren Olympischen Winterspielen eine führende Rolle in der Nationenwertung eingenommen hat. In den vergangenen zehn Olympischen Winterspielen erreichte Deutschland im Medaillenspiegel immer einen der ersten drei Ränge. Der im Medaillenspiegel von Milano/Cortina 2026 ausgewiesene Rang 5 ist nicht befriedigend, doch ist er keineswegs als katastrophal zu bezeichnen. Dieser gute Rang wurde jedoch auf eine sehr einseitige Weise erreicht. Von den 26 Medaillen wurden 19 im Eiskanal von Cortina errungen. Das macht einen Anteil von 73% aus. Vergleicht man die Mannschaftsgröße mit Albertville1992 und Lillehammer1994, wo die gleiche Anzahl von Medaillen wie in Milano/Cortina von einer Mannschaft mit 112 Teilnehmern erreicht wurde, im Vergleich zu der Mannschaft von Milano/ Cortina, die 185 Athletinnen und Athleten umfasste, so stellen sich eine ganze Reihe von Fragen, die der DOSB beantworten muss. Es setzt sich wohl die Abwärtstendenz fort, die auch schon seit längerem bei den Sommerspielen zu beobachten ist, in Bezug auf Deutschlands Rolle im internationalen Hochleistungssport .
Die Resultate von Milano/Cortina sollten deshalb Aufmunterung und Motivation für die nächsten Spiele in Frankreich sein, wo man ja die gemachten Fehler wieder korrigieren kann, die im Vorfeld, während und danach gemacht wurden. Sie sollten auch Anlass zur Selbstkritik und zur Überprüfung der vorhandenen personellen Strukturen sein.
An die sportpolitisch Verantwortlichen des deutschen Hochleistungssports muss aus naheliegenden Gründen auch die Frage erlaubt sein, ob die hohen finanziellen Aufwendungen in einer sinnvollen Relation zu den erreichten Erfolgen stehen und was unter qualitativen Gesichtspunkten im System des deutschen Hochleistungssports im Vergleich zu anderen Ländern, die in Milano/Cortina erfolgreicher waren, in den letzten Jahren falsch gemacht wurde und ganz offensichtlich noch immer falsch gemacht wird. Fragt man nach dem Stellenwert, den der Wintersport im Curriculum des deutschen Schulwesens aufweist, so muss die Frage gestellt werden, woher angesichts der fragwürdigen lokalen und regionalen Strukturen zukünftig der Nachwuchs für den Olympischen Wintersport herkommen soll.
Deutschland ist also nicht ganz so erfolgreich gewesen, wie es die massenmedial erzeugte öffentliche Erwartungshaltung nahegelegt hätte. Deutschland wurde allerdings auf einem anderen Gebiet einmal mehr der alleinige Gewinner einer ganz besonderen Goldmedaille.
Deutscher Medaillengewinn im Nörgeln, Meckern und Heucheln
Schon im Vorfeld und während der Spiele, aber auch unmittelbar danach hätte man Deutschland eine Goldmedaille für das Nörgeln, Meckern und für eine unfaire Kritik an den Spielen verleihen können. In der italienischen Sprache gäbe es für diese Goldmedaille besonders klangvolle Namen: „Medaglia d’oro per le lamentele“ oder „Campione olimpico di polemica“ könnte man sie nennen.
Der deutsche Sportdirektor Maier wurde dabei einmal mehr der „Olympiasieger im Polemisieren und Meckern“, Skirennläufer Strasser hat die „Goldmedaille im Jammern und Nörgeln“ gewonnen. Die „Goldmedaille für Kritik ohne Hand und Fuß“ gehört dem DSV Skisprungdirektor Hüttel.
ARD-Reporter Hajo Seppelt müsste die Auszeichnung „Campione olimpico di polemica“ oder die „Medaglia d’oro per il commento più inutile dell’anno“(Goldmedaille für den unnötigsten Kommentar des Jahres) erhalten. Und Felix Neureuther möchte ich meine „Complimenti per la medaglia d’oro in critiche non costruttive“, meinen
Glückwunsch zur „Goldmedaille in nicht-konstruktiver Kritik“ übermitteln. Er darf sich aber auch als „Il re degli ipocriti“ (Der König der Heuchler) bezeichnen lassen.
Skirennfahrer Strasser bemängelte ein „fehlendes Olympiagefühl“ in Bormio und eine “fadenscheinige” Atmosphäre. Strasser bezeichnete die Spiele in Bormio als „komplett steril“. Er kritisierte, dass das typische olympische Flair fehle und alles nur wie eine „sterile Show“ inszeniert wirke. Nach seinem neunten Platz im Slalom zeigte er sich erleichtert über das Ende seiner olympischen Karriere mit dem Satz: „Ich bin froh, dass das mein letztes Rennen hier war“. In einem emotionalen Moment direkt nach dem Lauf bezeichnete er die Umstände laut Medienberichten sogar als „für’n Arsch“. Er bekundete auch seinen Ärger, dass seine Frau mit seinen Kindern sich nur weit entfernt vom Zieleinlauf haben aufhalten dürfen.
In einer Reaktion auf diese Kritik verteidigte das IOC die weite Streuung der Austragungsorte (Mailand, Cortina, Bormio, Antholz etc.) als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie. Man wolle bestehende Infrastrukturen nutzen, auch wenn dies zu Lasten eines zentralen „Olympia-Gefühls“ im olympischen Dorf geht. Die von Strasser kritisierte Einschränkung bei der Begrüßung von Athleten im Ziel wurde mit strengen Sicherheitszonen und TV-Produktionsvorgaben begründet. Das IOC setzt verstärkt auf „spektakuläre Bilder“ (z. B. durch Drohnentechnik), was oft im Widerspruch zu spontanen, emotionalen Fan-Interaktionen steht. Während Strasser die fehlende Stimmung vor Ort bemängelte, betonten IOC-Vertreter die von allen Teilnehmern angestrebten hohen globalen TV-Einschaltquoten und die digitale Reichweite als primären Maßstab für den Erfolg der „Show“.
DSV-Direktort Maier kritisierte die bestehenden Machtverhältnisse im IOC scharf mit dem Satz: „Das IOC bestimmt alles“. Er bemängelte, dass nationale Verbände und Athleten kaum Mitspracherecht bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen haben. Laut Maier verschieben sich die Prioritäten der Spiele ins Negative. Er konstatierte: „Zu viel Show, zu wenig Leistung“. Für ihn steht der Sport bei der aktuellen Inszenierung nicht mehr ausreichend im Vordergrund. Die dezentrale Austragung in Italien (Mailand, Cortina, Bormio etc.) ist ihm ein Dorn im Auge. Er bezeichnete die Veranstaltung als „zerrissene Winterspiele“ und beklagte die weiten Distanzen, die dem „olympischen Gedanken das Genick brechen“. Maier nannte die Spiele Milano/Cortina 2026 „zweitklassige Spiele“.
Die FIS wurde vom DSV-Sportdirektor für Skispringen und nordische Kombination Horst Hüttel für den Abbruch im Skisprung-Super-Team kritisiert, wodurch Teams wie z.B. Deutschland angeblich benachteiligt wurden. Seine Aussagen bezogen sich insbesondere auf das Wettkampfmanagement der FIS und die bedrohte Zukunft der Nordischen Kombination. Nachdem der Super-Team-Wettbewerb der Skispringer trotz deutscher Führung aufgrund von Schneefall abgebrochen wurde, reagierte Hüttel hochemotional: „Ich bin richtig, richtig sauer, weil es keiner von uns versteht.“ „Diese Wetter-App muss auch die FIS haben. Ich verstehe nicht, dass man nicht zehn Minuten wartet.“ „Das ist miserabel schlechtes Wettkampfmanagement.“ „Es kotzt mich richtig an!“ Wie Alpin-Direktor Wolfgang Maier kritisierte auch Hüttel die Rahmenbedingungen an den dezentralen Orten (wie z.B. in Predazzo): Er bemängelte die „Zerrissenheit“ der Standorte, die ein echtes olympisches Flair verhindere, lobte jedoch gleichzeitig grundsätzlich die Rückkehr der Spiele nach Europa.
FIS-Renndirektor Sandro Pertile verteidigte die Entscheidung zum Abbruch des Super-Team-Events in Predazzo. Er verwies auf die „Sicherheit der Athleten“, die durch den starken Schneefall und die damit verbundene schlechte Sicht sowie die instabilen Bedingungen in der Anlaufspur nicht mehr gewährleistet gewesen sei. Auf Hüttels Vorwurf des „miserablen Managements“ reagierte die FIS mit dem Hinweis, dass das olympische Reglement bei einem Abbruch nach dem ersten Durchgang keinen Neustart oder eine Verschiebung auf den nächsten Tag vorsehe, wenn der Zeitplan dies nicht explizit hergebe. Pertile wies darüber hinaus auf den verbindlich eingeplanten Zeitplan mit den Vertragspartnern aus dem Bereich der Massenmedien hin, an die sich der Veranstalter zu halten habe. Herrn Hüttel müsste wohl auch noch die Frage gestellt werden, ob er seinen Protest auch dann geäußert hätte, wenn das deutsche Team beim Abbruch auf einem Medaillenplatz gestanden hätte.
Der sog. ARD-Experte Felix Neureuther hat während der Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina einmal mehr scharfe Kritik an der Organisation, der Atmosphäre und der Sicherheit bei den alpinen Wettbewerben geäußert. Neureuther analysierte die legendäre Pista Stelvio in Bormio, den Austragungsort der alpinen Männer-Wettbewerbe, als „extrem gefährlich“: „Die Olympia-Abfahrt ist ein Überlebenskampf.“ Hingegen meinte er: „In meinen Augen ist diese Slalom-Strecke nicht olympiawürdig.“
Wie bereits zu früheren Zeiten hat sich auch vor diesen Olympischen Winterspielen der bereits ehemals als Rennläufer gutverdienende Neureuther als Sprachrohr und Testimonial von kritischen Fernsehjournalisten benutzen lassen und zeichnete für die ARD- Dokumentation „Spiel mit den Alpen“ verantwortlich. Er gab dabei vor, das Versprechen der nachhaltigsten Spiele aller Zeiten zu entlarven. „Das Schockierendste zu sehen: Versprechungen werden nicht eingehalten.“ „Wenn ich das anspreche, heißt es gleich: ‚Neureuther, der Klimakleber‘.“
Neureuther „wütete“ während der Spiele öffentlich über starre Reglements und Personalentscheidungen: Als „Totaler Quatsch“ bezeichnete er das „Drama um die Nicht-Nominierung des deutschen Talents Luis Vogt“ für die Abfahrt in Bormio. Nachdem er die strengen Olympia-Regeln kritisiert hatte, bekam er laut eigener Aussage sogar „Post von oberster Stelle“ (vom IOC).
Auch er beklagte die sterile Inszenierung der Spiele an den weit verstreuten Orten: Er kritisierte, dass durch die Dezentralisierung das typische „Olympia-Flair“ an vielen Orten eine „Fehlanzeige“ sei und der Fokus zu sehr auf der TV-Show statt auf dem Fan-Erlebnis liege. Dass die ARD-Sportberichterstattung von den Olympischen Spielen immer mehr einer Show-Berichterstattung gleicht und dass er selbst vor und mit dieser Show Werbeverträge in Millionenhöhe hat abschließen können und der Steuerzahler ihm sogar ein Honorar mit einem sechsstelligen Euro Betrag für seine Rolle als ARD- Kommentator gewährt, wird dabei jedoch nicht erwähnt.
In der Berichterstattung der ARD zu den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand/Cortina ist – wie nicht anders zu erwarten – auch einmal mehr der Doping-Experte
Hajo Seppelt mit „deutlicher Kritik“ hervorgetreten. Seppelt äußerte Unverständnis über den Freispruch der italienischen Biathletin Rebecca Passler. Er bezeichnete das Urteil als besorgniserregendes Signal und warnte: „Wenn das Schule macht, haben wir ein massives Problem im Anti-Doping-Kampf“. In seinen Beiträgen für die Sportschau kritisierte er das vom IOC vermittelte Bild eines sauberen Sports als Illusion und bezeichnete den aktuellen Anti-Doping-Kampf als nicht effektiv. Er forderte die Einsetzung unabhängiger Gremien zur Betrugsbekämpfung, da die aktuellen Sportstrukturen seiner Ansicht nach zu nah an den Verbänden operieren. Damit wiederholte Seppelt Sachverhalte, wie sie viele andere und er selbst bei vielen vorherigen Sendungen bereits geäußert und beschrieben haben, ohne dass auch nur eine einzige neue Information hinzugekommen wäre.
Seppelt thematisierte ferner den internen Konflikt innerhalb der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) und deren Verhältnis zum DOSB, was die Vorbereitung der Athleten auf die Spiele überschattete.
Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hatte den Freispruch der italienischen Biathletin Rebecca Passler durch die italienischen Behörden am 13. Februar 2026 akzeptiert.
Die WADA akzeptierte die Erklärung von Passler, dass es sich um eine unbeabsichtigte Kontamination handelte. Die Agentur stellte ferner fest, dass die nachgewiesene Substanz bei den Olympischen Spielen 2026 keinen Leistungsvorteil geboten hätte. Aufgrund dieser Faktoren entschied sich die WADA, keine Berufung gegen das Urteil einzulegen, womit der Freispruch rechtskräftig wurde. Von einem besonderen Fall „Passler“ kann deshalb gewiss nicht die Rede sein. Denn vergleichbare Entscheidungen hat es in der Vergangenheit bereits mehrfach gegeben.
Einen großen Anteil an diesem besonderen „Medaillenerfolg“ Deutschlands aus Anlass der Olympischen Spiele in Milano/Cortina 2026 haben jedoch nicht nur einzelne Personen, die mit ihrer Kritik den italienischen Gastgebern nicht gerecht wurden und von der man sich gewünscht hätte, dass die Personen, die diese Kritik geäußert haben, besser geschwiegen hätten.
Sehr viel problematischer ist meines Erachtens jedoch die unberechtigte Kritik, die in den deutschen Massenmedien, insbesondere in den führenden Leitmedien SZ und FAZ und in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern an dem IOC-Startverbot des ukrainischen Skeleton-Athleten geäußert wurde. Diese Kritik war wohl auch in den internationalen Medien anzutreffen, doch wies sie national eine ganz besondere Note auf, wohlwissend, dass die mit dem Tragen eines besonderen Helms beabsichtigte Botschaft und Geste eine politische Geste ist und dass der ukrainische Athlet dabei ganz offensichtlich für den Staatspräsidenten der Ukraine ein politisches Mandat übernommen hat. Dies wurde spätestens bei der Internationalen Münchner Sicherheitskonferenz deutlich, bei der dem Athleten in Anwesenheit von mehreren Politikern eine Medaille verliehen wurde, und er später noch für seinen Regelverstoß mit höchsten Auszeichnungen in der Ukraine geehrt wurde. Gegen besseres Wissen wurde dem IOC vorgeworfen, es würde gegen seine eigene Olympische Charta verstoßen, obgleich genau in dieser Charta die Regeln zur politischen Unabhängigkeit des IOC und dessen Neutralität in politischen Angelegenheiten festgeschrieben sind. Sie lassen zu Recht keine andere Entscheidung zu, als dem Athleten die Zulassung zum Wettbewerb zu verweigern.
Dass zudem die FAZ eine ganze Zeitungsseite dem deutschen Anwalt des ukrainischen Athleten bereitstellt, der beweisen will, dass der Ausschluss des ukrainischen Skeletonfahrers nicht durch die Regel 50 gedeckt ist, ist mehr als peinlich. Seine Ausführungen sind bezogen auf das zu behandelnde Problem juristisch nicht haltbar und werden den zentralen Inhalten der Paragraphen 50 und 40 der Olympischen Charta in keinem Punkt gerecht.
Kritik ist notwendig und wünschenswert
Die Olympischen Winterspiele Milano/Cortina 2026 waren schöne Spiele. Dennoch gab es auch Mängel und Probleme, die durchaus Anlass zur Kritik sein können. Dies gilt für den Bau der Bobbahn, die selbst aus der Sicht des IOC umstritten und eigentlich nicht notwendig gewesen ist, ebenso wie für die Kritik an dem fehlenden Athletendorf, das man sich eigentlich für alle Olympischen Spiele als unverzichtbar wünschen möchte. Konnte man sich im weiß verschneiten Gebirgsdorf Cortina noch nostalgisch an die Spiele von Lillehammer erinnern, so zeigte Milano wohl die Kultur und Grandezza Italiens, doch eine wirkliche olympische Atmosphäre konnte in der Millionen Stadt kaum verspürt werden. Bormio wurde als Austragungsort für die Olympischen Herrenwettbewerbe im alpinen Skisport zu Recht bereits im Vorfeld kritisch betrachtet, und es wäre notwendig gewesen, dass der Veranstalter sich intensiver um eine olympische Qualität dieser Wettkämpfe bemüht hätte.
Man kann diese Spiele auch als „künstliche Spiele“ bezeichnen, wenngleich der „Maschinen Schnee“ auf natürliche und ökologisch verantwortbare Weise zu Stande gebracht wurde. Aber ohne technischen Schnee sind olympische Winterspiele heute im Alpenraum nicht mehr durchführbar. Ja, man muss zugeben, dass echter Schnee sich sogar sehr schnell als störend erweisen kann.
Die Reihe der zu kritisierenden Sachverhalte könnte vermutlich noch fortgesetzt werden. Doch bei aller berechtigten Kritik sollte man von jenen erwarten, die ihre Kritik in die massenmediale Öffentlichkeit hineintragen, dass sie sich der fachlichen Grundlagen und des notwendigen Wissens versichern, die ihre Kritik zu tragen hat. Betrachtet man unter diesem Aspekt die Kritik der besonderen deutschen „Medaillengewinner“, so muss ihnen vorgehalten werden, dass sie sich der in schriftlicher Form vorliegenden Regeln der modernen Olympischen Spiele und der jeweiligen Fachverbandsregeln, wie sie heute gelten, nicht versichert haben. Die Komplexität und die quantitative Größe moderner Olympisch Spiele haben sie bei ihrer Kritik ebenfalls nicht berücksichtigt, die nicht zuletzt durch die ökonomischen Interessen aller beteiligten Stakeholder entstanden sind. Den Kritikern, die sich bei ihrer Kritik auf die angeblich so schönen Olympischen Sommerspiele von Paris berufen, muss gesagt werden, dass es auch dort mehrere „Cluster“ zur Austragung der Spiele und auch mehrere Athletendörfer gegeben hat. Wie überhaupt die Idee von einer Austragung von Olympischen Spielen an nur einem einzigen Ort angesichts der Anzahl der teilnehmenden Athleten, Betreuer, Funktionäre, Journalisten, TV- Sender und der dringend erwünschten Besucher und Gäste eine Utopie darstellt. Hinzu kommen die ständig anwachsenden räumlichen Anforderungen und Ansprüche an das sportliche Programm. Deshalb kann man nur empfehlen, dass sich auch deutsche Sportdirektoren von utopischen Wunschvorstellungen verabschieden sollten, wenn Sie zukünftig noch Verantwortung für die Weiterentwicklung der Olympischen Spiele übernehmen möchten. Ihnen muss auch zugerufen werden, dass es durch das Stellen von Anträgen zur Veränderung der Regeln gegenüber dem IOC und ihrer Internationalen Fachverbänden eine sinnvolle Möglichkeit gibt, um zukünftig Mängel zu vermeiden. Das Instrument der Antragstellung gegenüber dem IOC („Das IOC bestimmt alles“) wurde allerdings von deutschen Sportfunktionären wie zum Beispiel von DSV-Sportdirektor Maier bis heute nur sehr unzureichend genutzt. Wer die Olympischen Spiele der „Show“ bezichtigt, gleichzeitig jedoch die „Show von Kitzbühel und Schladming“ bei FIS- Weltcuprennen begrüßt und seine eigenen TV-Auftritte dem Show- Interesse der deutschen Unterhaltungsindustrie verdankt, dem kann dessen Auftreten zu Recht als Heuchelei ausgelegt werden.
Schließlich sollte auch daran erinnert werden, dass Deutschland gegenüber dem Gastgeber Italien seine Dankbarkeit für die Organisation von großartigen Olympischen Winterspielen übermitteln sollte. Allein die Tatsache, dass Italien über viele Jahrzehnte der wichtigste Gastgeber für deutsche Urlaubsreisende gewesen ist, verweist auf eine besondere Verantwortung, die Deutschland gegenüber Italien hat. Die für die deutsche Olympiamannschaft verantwortlichen Offiziellen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie ihre Olympiamannschaft ausreichend auf die Olympischen Spiele in Italien eingestimmt haben und ob bei der Vorbereitung auch die in der Olympischen Charta ausgewiesenen Werte des modernen Olympismus ein wichtiges Fortbildungsthema gewesen sind, wie überhaupt die Frage zu stellen ist, wie der DOSB seiner olympischen Verantwortung gegenüber der deutschen Öffentlichkeit gerecht wird. Ihr gegenüber hat er auch die besondere Verantwortung und den Auftrag, ihr die Ideen des modernen Olympismus zu vermitteln.
Letzte Bearbeitung: 23.2. 2026
Themenzuordnung: Olympische Spiele