Historische Dokumente 3

Thomas Bach

„Sport und Politik aus Athletensicht“

 

Rede beim XVIII. GAISF Kongress & Generalversammlung, Monaco, 17.-19. Oktober 1984

Zunächst möchte ich Ihnen für Ihre Einladung zur Teilnahme an Ihrer Diskussion danken. Ich bin gebeten worden, einige Gedanken zur Beziehung zwischen Sport und Politik vorzutragen.

Athleten aus der ganzen Welt teilen mittlerweile die Erfahrung einer direkten Einmischung der Politik in den Sport und vor allem in die Olympische Bewegung.

Niemand wird jemals diese schrecklichen Stunden des Terrorismus in München 1972 vergessen. Viele von uns sind nach wie vor voll des Mitgefühls für jene unglücklichen Athleten aus Afrika, die 1976 – mit der Ankunft im Olympischen Dorf – dachten, sie hätten endlich das Ziel aller ihrer Bemühungen und Wünsche erreicht, dann aber keine Olympischen Athleten werden durften.

Bis heute empfinden Athleten aus den unterschiedlichsten Ländern immer noch eine Art Ohnmacht und Enttäuschung, wenn sie sich an den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau erinnern. Auch den Spielen in Los Angeles mussten viele Athleten fernbleiben, obwohl sie furchtbar gern daran teilgenommen hätten.

Athleten aller Nationen und Gesellschaftsordnungen wissen sehr genau, was es bedeutet, viele Jahre, nicht nur vier, viele Jahre  Disziplin und Hingabe, viele Jahre harte Arbeit und Konzentration investiert zu haben – aber alles vergebens.

In vielen unterschiedlichen Sportarten – und wer wüsste das besser als Sie, meine Damen und Herren – bekommt man nur eine einzige Chance im Leben, den Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen und vielleicht sogar den Traum, Olympiasieger zu werden, wahr zu machen. Es gehört zum System des Wettkampfsports und damit auch zum Gedanken des Olympismus, dass nur wenige Athleten diese Chance nutzen können – und das macht es so faszinierend. Deswegen akzeptiert ein Athlet grundsätzlich eine sportliche Entscheidung, die ihn an der Teilnahme an einem Olympischen Wettbewerb hindert, wenn er von einem wahrhaft besseren Athlet übertroffen wird.

Bestürzung, Enttäuschung, Wut oder – um ein Modewort zu verwenden – Frustration erfüllen die Athleten jedoch, wenn ihre sportlichen Qualifikation durch politische Einmischung zunichte gemacht wird.

Athleten aus der ganzen Welt haben längst erkannt, dass eine Bewegung wie der Sport, die sich dem friedlichen Wettbewerb verschrieben hat und Nationen zusammenbringen will, dass diese vitale Idee durch die Hand der Politik ruiniert werden kann.

Heute ist niemand mehr so naiv, den Sport als politikfreie Zone, als Paradies anzusehen. Die Forderung nach einer Trennung von Sport und Politik ist ehrenwert, in der Tat, aber illusorisch. Der Sport per se – und die Olympische Bewegung als besondere Institution für sportliche Aktivitäten – ist immer nur ein Teilsystem verschiedener Gesellschaften und in den meisten Fällen kein Porträt, sondern ein Spiegelbild seiner Zeit. Der Sport ist keine Instanz, die großen Einfluss auf das Spiel der Macht nehmen könnte; er kann weder kalte noch heiße Kriege kurzfristig beenden, vermag es aber, präventiv und vermittelnd zu wirken.

Als Konsequenz daraus ist der Sport meiner Meinung nach gezwungen, auf der politischen Ebene zu agieren. Kontaktscheu ist da ebenso unangebracht wie totale Identifikation mit Regierungszielen. Auf allen Ebenen bis hin zur Olympischen Bewegung lebt der Sport in einer unvermeidlichen Partnerschaft mit unterschiedlichen Ausdrucksformen von Staat und Gesellschaft. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass man nicht meint, diese Partnerschaft aufbrechen zu können, sondern dass man versucht, innerhalb dieser Partnerschaft etwas Spielraum zu gewinnen und zu erhalten, der dem Sport die Erfüllung seiner weitreichenden Funktionen ermöglicht. Neben zahlreichen schwierigen praktischen und pragmatischen Fragestellungen muss der Sport primär seine Funktion definieren, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Gegen unwillkommene Einmischung können sich nur diejenigen wirksam wehren, die ihre Aufgaben kennen, ihre Pläne exakt darlegen und ausschließlich ihre eigenen Ziele im Auge haben.

Erlauben Sie mir, mit der Definition der Ziele des Sports zu beginnen. Wieder und wieder versuchen Menschen von außerhalb der Sportbewegung mit gedrechselten Worten, insbesondere bei sportlichen Jubiläen, uns glauben zu machen, dass der Sport eine Bewegung für den Frieden in der Welt par excellence sei. Lassen Sie uns solchen Propheten keinen Glauben schenken und uns selbst nicht überschätzen. Wie unsinnig diese Worte sind, wird dadurch offenkundig, dass sie sogar dafür herhalten sollen, den Boykott von Olympischen Spielen zu rechtfertigen.

Andererseits dürfen die Olympische Bewegung, die Internationalen Sportverbände und die Athleten selbst nicht den Fehler machen, den Sport durch vermeintlich offene Worte aller höheren Ziele zu berauben, oder indem sie sich zu bloßen Managern von Unterhaltungsshows degradieren. Der Sport bietet mehr als bloße Unterhaltung, er bietet Faszination. Der Sport ist mehr als nur Show, im Sport spiegeln sich die Hoffnungen vieler Menschen wider. Der Sport kann und muss ein Beispiel friedlichen Wettstreits sein, ein Vorbild für die Beilegung von Konflikten zwischen verantwortungsbewussten menschlichen Wesen. Olympia zieht Athleten aus der ganzen Welt an, aber nicht nur wegen Ruhm und Ehre oder möglicher finanzieller Aussichten. Olympia bietet den Athleten die Chance, als wahre Weltbürger zu leben, Teil eines größeren Ganzen zu sein, ohne das Ziel, der Beste zu sein, aus dem Auge zu verlieren. Für viele ist Olympia – wenn auch unausgesprochen – das Ideal der Möglichkeiten einer friedlichen Welt. Die Olympische Bewegung muss in der Lage sein, zumindest einen Teil dieser Hoffnungen und Wünsche zu rechtfertigen, ohne den Kontakt mit der Realität zu verlieren. Olympische Spiele sind kein Anlass für unablässige friedliche Stellungnahmen und Umarmungen. Olympische Dörfer schaffen keinen Zustand paradiesischer Verbrüderung. Aber die Olympischen Spiele sind ein gigantisches Gebilde aus wichtigen, unerlässlichen und individuellen Begegnungen und führen die Nationen zusammen – um diese überfrachtete Wendung zu verwenden. Einheit und Freundschaft zwischen Nationen entstehen nicht durch Massenveranstaltungen; Verständigung zwischen Nationen kann nur dann von grundlegender Art und beständig sein, wenn eine Vielzahl von Einzelpersonen einander wertschätzen.

Für den individuellen „Athleten“ und seine Entwicklung liegt größere Bedeutung darin, dass er mit Menschen anderer ethnischer Herkunft, Religion oder Nationalität spricht und etwas über deren  Alltagsprobleme erfährt, wenn auch nur für die Zeitspanne eines Snacks in der Cafeteria des Olympischen Dorfes. Wichtig sind die zufällige Begegnung bei Aktivitäten in der Freizeit, die Busfahrt, das wechselseitige Verstehen ohne Worte. Diese Kontakte sind nützlicher als allgemein angenommen.

Der oft zitierte Olympische Geist lebt nicht von Massenverbrüderung und aufgesetzter Kameradschaft; er lebt von Begegnungen zwischen Einzelnen – aber er  ist immer noch lebendig. Die Hauptaufgabe der Olympischen Bewegung in all ihren Bestandteilen liegt dementsprechend darin, solche Begegnungen möglich zu machen und den Betrachtern ihren enormen Wert bewusst zu machen. Dieser Wert scheint allerdings recht abstrakt zu sein – eine Diskussion über Grundprinzipien, die den aktuellen Problemen unserer Zeit nicht gerecht wird. Aber ist es nicht trotzdem allseits verständlich, dass jemand, der das Gefühl hat, gemeinsam mit anderen Teil eines sportlichen Wettbewerbs zu sein, der mit den Problemen anderer in Berührung gekommen, der mit absolutem Siegeswillen unter Einhaltung der Regeln in den Wettkampf gegangen ist, der Sieg und Niederlage erlebt hat – ist es nicht offenkundig, dass dieser Athlet später gewillter sein wird, Probleme friedlich zu lösen, als jemand, der von Geburt an in einem bestimmten politischen System und engstirnigen Regeln gefangen war?

Der Sport sollte lernen, solche Themen insgesamt offen anzusprechen, ohne in das Extrem zu verfallen, die Olympischen Spiele als das einzig wahre Mittel für den Frieden in der Welt darzustellen, und ohne zu behaupten, man sei in der Lage, politische Räder zugunsten des Friedens in Bewegung zu setzen.

Der Wert des Sports und der Olympischen Spiele in Bezug auf die Politik findet sich nicht in kurzfristigen Konsequenzen, er ist leider nicht kurzfristig messbar, aber dass er hochgeschätzt werden muss, ist durch seinen Überlebenswillen bewiesen. Terroristische Angriffe, Boykotte, Gegenboykotte, Erpressungen und Drohungen durch die Politik haben die Olympische Bewegung nicht zerstört. Jede andere Veranstaltungsreihe ohne intellektuellen Hintergrund hätte solche Rückschläge nicht überlebt.

Wenn es der Olympischen Bewegung an wirklichen Machtinstrumenten mangelt, um Einfluss auf aktuelle weltpolitische Entwicklungen zu nehmen, und wenn eine solche Position nicht in Reichweite ist, dann gibt es nur eine Möglichkeit, um gegenüber gegenläufigen politischen Interessen Erfolg zu haben: durch die Stärke der moralischen Autorität aufgrund der Festigung der oben genannten Werte des olympischen Sports.

Ich meine jetzt ein Seufzen bei den Pragmatikern unter Ihnen zu vernehmen, und ich kann ihre Gefühle nachvollziehen, weil ich mich selbst als Pragmatiker sehe. Gehört es nicht zum Pragmatismus, dass man nicht vor den Umständen kapituliert, dass man die Flinte nicht ins Korn wirft, sondern versucht, die Entwicklung gemäß den eigenen Vorstellungen zu beeinflussen? In einer Bewegung wie der Sportbewegung muss Pragmatismus immer auch mit einem gewissen Idealismus einhergehen. Der Vergleich hinkt ein bisschen, das gebe ich zu, aber er mag die gedankliche Richtung andeuten: Wohltätigkeitsorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz haben es nicht vermocht, politische Zwistigkeiten durch politische Macht oder durch Gewehre und Schwerter zu überwinden. Durch die Formulierung und Wahrung ethischer und moralischer Werte ist es ihnen gelungen, weltweite Autorität zu gewinnen, die ein Mindestmaß an Freiraum im politischen Umfeld gewährleistet. Hinsichtlich rein pragmatischer Maßnahmen hat der Olympische Sport bereits einen großen und wichtigen Schritt vorwärts gemacht. Persönliche Kontakte zu politischen Instanzen und die Erlangung finanzieller Unabhängigkeit sind unerlässliche Bestandteile eines Konzepts, mit dem mehr Freiheit von der Politik erlangt werden soll. Die jüngsten Ereignisse haben jedoch bewiesen, dass weitere Begleitmaßnahmen auf der intellektuellen Ebene ergriffen werden müssen. Ich denke, es gebührt jetzt nicht mir, sondern der folgenden Diskussion, einige praktischere Schritte ausfindig zu machen.

Wenn es dem Sport bei den anstehenden Diskussionen – und dabei ist die heutige sicherlich eine der wesentlichen – gelingt, seine Position im Hinblick auf die aktuelle Situation adäquat zu formulieren, wenn es ihm gelingt klarzumachen, dass der Boykott von Olympischen Spielen keinen Beitrag zu einer friedlichen Zukunft der Welt leistet, in welcher Richtung auch immer, dann werden die Weltöffentlichkeit und schlussendlich auch die Entscheidungsträger in der Politik erkennen, dass die Boykotteure sich politisch und olympisch selbst disqualifizieren. Auch wenn der Mangel an Lernvermögen in der Politik  unbegrenzt zu sein scheint, so hat es doch angesichts der jüngsten Entwicklung olympischer Boykotte und ihrer gescheiterten Ergebnisse in meinen Augen sichtbare Fortschritte in Richtung einer besseren Zukunft gegeben. Moskau und Los Angeles haben eines ganz klar bewiesen: Wer boykottiert, der kann nicht zum Star der Spiele werden. Moskau und Los Angeles haben eindeutig belegt, dass der Boykotteur sich selbst isoliert. Moskau und Los Angeles haben gezeigt, dass der Boykotteur nur bei den anderen den Zusammenhalt stärkt.

Ein Hauptanliegen der Athleten ist es, diese Entwicklung zu beschleunigen und zu konsolidieren. Die Athleten sind, wie Sie wissen, die einzigen wahren Opfer eines Boykotts. Da praktisch jeder diese bittere Erfahrung teilt, wird es umso einfacher sein, unter den Athleten Einigung über die Frage eines Widerstands gegen Boykotte zu erreichen. Die neu zu gründende Athletenkommission des IOC wird sich dementsprechend gemäß einer bereits gefassten Resolution intensiv mit der Frage auseinandersetzen, wie die Athleten ihrerseits zu größerer Freiheit gegenüber der Politik beitragen können. Die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit unter den Athleten ist hier sicherlich eine Grundvoraussetzung. Die Athletenkommission des IOC kann und sollte nur die Spitze einer breiten Pyramide darstellen. In Bezug auf das Olympische Selbstverständnis ist zu betonen, dass die Athleten die Vertreter und das Herzstück der Olympischen Spiele sind. Alle Nationalen Olympischen Komitees und gerade Sie, meine Damen und Herren, als Vertreter der Internationalen Sportverbände sind aufgerufen, den Athleten die Möglichkeit zur Teilhabe an den Entscheidungsprozessen zu bieten.

Ein von den Athleten gewählter Sprecher in jedem NOK, ein von den Athleten gewählter Sprecher in jedem Internationalen Sportverband bedeutet – unabhängig von kritischen politischen Momenten – eine Stimme mehr für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen, eine Stimme mehr für die Zukunft der Olympischen Bewegung und des Sports

Die Athletenkommission des IOC ist bereit, bei allen Maßnahmen zur Stärkung des internationalen Sports Unterstützung zu leisten; sie ist bereit zur Zusammenarbeit mit den Athletensprechern aller Arten von Sport und aller Nationen. Wir sind durch und durch überzeugt, dass die betroffenen Athleten selbst am besten geeignet sind, die Sinnlosigkeit politischer Boykotte zu verdeutlichen.

Wenn diese heutige Diskussion zur Überwindung der Problematik der Beziehung zwischen Sport und Politik beitragen und wenn sie einen Fortschritt bedeuten kann in Richtung der Erkenntnis, dass dieses spezielle Problem nicht das einzige ist, das mit der Hilfe von Athleten überzeugender und reibungsloser zu lösen ist, dann ist das gemeinsame Ziel nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Der Sport ist keine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.