Vorbemerkungen
Seit Beginn der Herausgabe des Portals „sport-nachgedacht.de“ war dessen Konzeption auf das immer komplexer werdende gesellschaftliche Teilsysteme „Sport“ ausgerichtet. In vielen Essays, Beiträgen und Gastbeiträgen spielten dabei politische Fragen eine zentrale Rolle. Der Sport als politisches Phänomen mit seiner eigenen Sportpolitik und mit seiner Beziehung und Abgängigkeit bzw. Unabhängigkeit zur allgemeinen Politik und zu weiteren Politikfeldern wie der Wirtschaft oder des Fernsehens waren dabei Anlass zur kritischen Analyse und zu konstruktiven Empfehlungen.
Mit dem Denkanstoß vom 7.10.2025 „Bevor es zu spät ist – für Verständigung, gegen Aufrüstung – für Verzicht, gegen zügelloses, kapitalistisches Wachstum“, wurde angesichts der europa- und weltpolitischen Krisensituation, in der wir uns nicht nur in Deutschland befinden, die Konzeption des Portals bewusst geändert und erweitert. Es sollen nun ergänzend zu den Publikationen, die sich auf den Sport beziehen, auch Beiträge im Portal „sport-nachgedacht.de“ erscheinen, die über das System des Sports hinausgehen und in denen beabsichtigt wird, einen Beitrag zum Erhalt und zum Schutz unserer Demokratie zu leisten. Auch Gastbeiträge hierzu sind willkommen. H.D.
Helmut Digel
Es ist heute viel von einer deutschen Wertegemeinschaft die Rede, die unsere Demokratie auszuzeichnen hat und auf die sich unsere Bürgerinnen und Bürger einzulassen haben, wenn sie in dieser Wertegemeinschaft leben möchten. Diese Aussage wird immer wieder auch an Migranten[1] gerichtet, wenn diese sich Deutschland als jenes Land ausgesucht haben, in dem sie in Zukunft gerne leben möchten. Bei öffentlichen Werte Diskussionen werfen sich politische Kontrahenten häufig vor, einen falschen Werte Begriff zu haben, und reklamieren jeweils für sich – und exklusiv – die richtige Auslegung. Man tut dabei so, als ob Werte etwas wären, was es schon immer gibt und die lediglich befolgt werden müssen. Doch Werte sind nichts, was es einfach so gibt. Werte sind nichts, wovon es nur eine einzige richtige Auslegung gibt. Werte wurden und werden von Menschen für Menschen definiert und beschreiben im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen und des Zeitgeschehens Überzeugungen und Prinzipien, die angeben, was eine Person oder eine Gruppe als wünschenswert, angemessen und gut erachtet. Über Werte muss deshalb immer wieder von neuem nachgedacht werden, und sie müssen in Bezug auf ihre intendierte Bedeutung und Funktion immer wieder überprüft werden.
Das Wertefundament unserer Gesellschaft
Es ist interessant, wenn wir einen Blick auf jene Werte richten, durch die sich die deutsche Wertegemeinschaft auszeichnen soll. Für ein demokratisches Gemeinwesen wie Deutschland sind die relevanten Werte in unserer Verfassung und in den Landesverfassungen niedergelegt.
Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland werden als zentrale Werte insbesondere die „Menschenwürde“, die „Freiheit“ und die „Gleichheit“ ausgewiesen. Die „Würde des Menschen“ steht im Artikel 1 an erster Stelle und gilt als „unantastbar“. Der Staat ist verpflichtet, sie zu achten und zu schützen. Sie bildet die Grundlage aller weiteren Grundrechte und stellt einen übergeordneten, nicht verhandelbaren Wert dar.
Zum Wert der „Freiheit“ zählen die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit und die Freiheit des Gewissens. Die individuelle Freiheit des Einzelnen ist besonders geschützt, solange sie nicht die Rechte anderer verletzt.
Der Wert der „Gleichheit“ bedeutet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Niemand darf aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Religion oder anderen persönlichen Merkmalen benachteiligt werden. Der Staat verpflichtet sich zur Gleichberechtigung und zur Beseitigung bestehender Nachteile. Das Grundgesetz bekennt sich zu sozialer und rechtlicher Gerechtigkeit als Prinzip staatlicher Ordnung und legitimer Gemeinschaft.
Die Gewährleistung von „Schutz und Sicherheit“ für das Gemeinwesen und den Einzelnen wird ebenfalls als fundamentaler Wert benannt. Volkssouveränität, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sichern die Demokratie und die Bindung aller staatlichen Organe an Recht und Gesetz.
Familie und Ehe stehen unter besonderem staatlichem Schutz, ebenso die Rechte und das Wohlergehen der Kinder. Das Grundgesetz fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verlangt eine Anerkennung und Akzeptanz aller Menschen. Der Staat verpflichtet sich zur sozialen Gerechtigkeit und zur Unterstützung sozial Schwacher. Schutz vor staatlichem Eingriff und das Recht auf individuelle Lebensführung sind ebenfalls festgeschrieben.
Das Grundgesetz bildet damit eine eindeutige und klar verständliche Wertordnung, in der die genannten Werte nicht nur normativ festgelegt, sondern als unverzichtbar für das freie und gerechte Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft beschrieben werden.
Vergleichbare Ausführungen lassen sich in den Landesverfassung der 16 Bundesländer finden. Beispielhaft soll dies an der bayerischen Verfassung gezeigt werden.
In der bayerischen Verfassung werden im Erziehungsauftrag für bayerische Schulen folgende Werte genannt: Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl, Verantwortungsfreiwilligkeit. Die Verfassung gewährt Schutz der Religionsfreiheit, Schutz der Menschenrechte, Respekt vor der Gewissensfreiheit und Glaubensfreiheit jedes einzelnen. Es ist demnach auch unzulässig, im Namen der christlichen Kultur, die religiöse Freiheit der Angehörigen andere Religionsgemeinschaften einzuschränken.
Nehmen wir noch die christlichen Werte im Sinne einer Orientierung an der christlichen Botschaft und Lehre und am Leben von Jesu Christus hinzu, so müssten in unserer Gesellschaft u.a. auch die folgenden Werte beachtet werden:
Sorge für die Leidenden und für randständige Menschen, Nächstenliebe, Feindesliebe, Mut über Grenzen und Konventionen sich hinwegzusetzen, die Warnung vor Habgier, auf Gewalt zu verzichten. Der Schutz der Religionsfreiheit und der Menschenrechte ist aus Sicht der christlichen Lehre zentral, damit geht einher der Respekt vor der Gewissensfreiheit und Glaubensentscheidung eines jeden Einzelnen.
Unsere Werte und unsere Demokratie sind bedroht
Beobachtet man unser Gemeinwesen und dessen Alltag in diesen Tagen, so kann man den Eindruck gewinnen, dass unser Wertefundament immer häufiger erschüttert wird und dass einzelne Werte bedrohter denn je sind.
Zahlreiche Werte werden von vielen immer weniger und oft auch gar nicht beachtet. Dies gilt für das Gebot der sozialen Gerechtigkeit, ebenso wie für den Respekt vor der Glaubensfreiheit und nicht zuletzt für die Maxime der Gleichheit vor dem Gesetz. Eklatante Verstöße gegen relevante Werte unsere Gesellschaft werden immer häufiger.
Dies lässt sich vor allem gerade unter jenen Menschen, Gruppen und politischen Parteien beobachten, die sich nahezu täglich auf die Bedeutung der Wertegemeinschaft berufen.
Die für unser demokratisches Gemeinwesen wichtigen Werte werden somit in erster Linie von uns selbst bedroht. Nicht Fremde, Asylanten, Migranten, Angehörige nicht christlicher Religionen sind für die Wertekrise unsere Gesellschaft verantwortlich, sondern es sind wir selbst, die Staatsbürger unseres deutschen Gemeinwesens, die hierfür die Verantwortung tragen müssen.
Der Respekt vor den christlichen Werten nimmt ab
Schon seit langem ist ein weitreichender Traditionsbruch in den Familien zu beobachten. In den christlichen Gemeinden ist deren schwindende Bindungskraft unübersehbar. Der Verlust der Rhythmisierung des Lebens hat Folgen (die für Christen verbindliche Sonntagsheiligung wurde schleichend außer Kraft gesetzt und existiert so gut wie gar nicht mehr). Manche der christlichen Werte werden durch Gleichgültigkeit, durch Kosten- Nutzen- Denken, durch Hartherzigkeit und durch Geldgier bedroht. Wohlwissend, dass es dem Begründer des christlichen Glaubens jedoch genau um das Gegenteil dessen ging, was heute im Namen so genannter christlicher Werte von politischen Demagogen gefordert wird:
- Jesus wollte Menschen an- und aufnehmen. Er wollte sie nicht abweisen.
- Jesus wollte Grenzen überwinden.
- Jesus wollte Türen und Herzen öffnen und nicht sie verschließen.
„Die christlichen Werte wollen weniger verteidigt, als ins Spiel gebracht werden. Es geht um Glauben, Hoffnung und Liebe – nicht um Misstrauen, Pessimismus und Härte“, so der Bibelwissenschaftler, Daniel Koch. Christliche Werte wollen zur Freiheit und Offenheit, zu Solidarität und Gastfreundschaft befähigen. Diese Haltung soll sich darin zeigen, dass wir Menschen in Not, die zu uns kommen, unabhängig davon, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören, vorurteilsfrei bei uns aufnehmen.
Deshalb muss die wichtigste Botschaft heute lauten: „Inklusion ist wichtiger als Exklusion“. Wir brauchen einen klaren Kompass, der auf eine inklusive Gesellschaft zielt, die von den Grundsätzen der Menschenwürde und den Menschenrechten getragen ist.
Die christlichen Werte müssen nicht neu erfunden werden. Sie müssen jedoch verteidigt und gelebt werden. Es ist nicht das Erstarken anderer Religionsgemeinschaften, durch die unsere christlichen Werte gefährdet werden. Bei genauer Betrachtung werden wir vielmehr erkennen, dass die christlichen Werte auch die Werte aller übrigen Weltreligionen, des Islams, des Judentums, des Buddhismus und des Hinduismus sind.
Eine universelle Wertegemeinschaft, getragen von allen Religionen und gelebt von allen Gesellschaften müsste der Auftrag sein, dessen Fundament von uns gebaut werden muss.
„Christliche Werte verteidigen“ heißt zunächst, sich mit all jenen zu solidarisieren, die für Menschenrechte und religiöse Freiheit eintreten – und zwar für Angehörige aller Religionsgemeinschaften.
durchdachte zwischenmenschliche Toleranz ist geboten
Für das Zusammenleben in einer Demokratie ist die Maxime der Toleranz des „Einzelnen“ gegenüber dem „Anderen“ unverzichtbar.
Dabei ist es jedoch wichtig, dass auch aus einer christlichen Perspektive es keineswegs um eine grenzenlose Toleranz gehen darf. „Toleranz“ hat wohl als Universalwert zu gelten. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker. So die Maßgabe in der UNESCO Erklärung zu den Prinzipien der Toleranz aus dem Jahr 1995. Die dortige Definition von Toleranz lautet:
„Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt… Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“
Diese Definition ist nachvollziehbar und angesichts der aktuellen Friedlosigkeit, der fürchterlichen Kriege, die in diesen Tagen auf allen Kontinenten unserer Erde anzutreffen sind, auch wichtiger denn je.
Doch liegt in ihr auch die Gefahr, dass sie lediglich zu Toleranz-Appellen in Sonntagsreden missbraucht wird und dabei nicht erkannt wird, dass Toleranz nicht bedeuten kann, dass jede mögliche Person, Prägung, Verhaltensweise, Meinung oder Glaubensansichten bzw. -auslegungen zu akzeptieren ist. Was unveränderlich ist, muss gewiss toleriert werden, so die ethnische Herkunft oder die sexuelle Orientierung eines Menschen. Anders verhält es sich bei veränderbaren Verhaltensweisen, Meinungen und Glaubensansichten.
Zu einer christlichen Ethik gehört deshalb auch ein entschiedener Widerstand, wenn es Grenzüberschreitungen gibt. Religiöse Minderheiten müssen grundsätzlich vor der Mehrheit geschützt werden, wenn diese die Minderheit terrorisiert. Gleiches gilt, wenn Minderheiten Mehrheiten terrorisieren. Eine Religion, die sich die Vernichtung von „Ungläubigen“ zum Ziel setzt, darf niemals toleriert werden.
Auch Toleranz unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel und nimmt immer wieder eine andere Gestalt an. Manches was wir vor 30 Jahren noch toleriert haben, wird heute von uns abgelehnt. Der Schweizer Philosoph Andreas Urs Sommer sieht den Wert der Toleranz ganz wesentlich in dessen Potenzial zur Relativierung, auch zur Selbstrelativierung: „Toleranz sollte, so verstanden, unter den Bedingungen der Moderne auf Einsicht gründen: nämlich auf der Einsicht, dass der andere, dessen Ansichten ich nicht teile, diese Ansichten hat, weil er notwendigerweise einen anderen Standpunkt einnimmt, als ich einnehme. Ich toleriere diese Ansichten, wenn ich nicht gegen sie vorgehe, weil ich einsehe, dass er anderswo steht als ich, und ich ihm meinen Standpunkt nicht aufzwingen kann… Der Standpunkt des anderen ist genauso wie mein eigener Standpunkt relativ zu den jeweils eigenen Gegebenheiten. Ansichten sind relative Ansichten… Toleranz ist weder eine unverrückbare Gegebenheit noch eine unverrückbare Forderung… Menschen sind bewegliche Wesen. Ebenso sind es ihre Werte, die sie immer wieder neu konfigurieren, weil Menschen bewegliche Wesen sind, müssen auch ihre Werte beweglich bleiben“.
In der „Beweglichkeit der Werte“ liegt für uns alle eine große Chance, wenn wir bereit sind, anderen zuzuhören, andere Meinungen zu respektieren und uns auf einen gesellschaftlichen Wandel einzulassen, ohne dabei das in unserer Verfassung niedergelegte Wertefundament aus dem Blick geraten zu lassen. Denn darauf ist die demokratische Gesellschaft aufgebaut, in der wir gemeinsam mit anderen friedlich und in Freiheit zusammenleben möchten, können und dürfen.
Unsere Demokratie ist aktuell großen Gefahren ausgesetzt
Die Soziologin Carolin Amlinger und der Soziologe Oliver Nachtwey haben in diesen Tagen bei einer Dankesrede für ihre Auszeichnung mit dem „Geschwister Scholl Preis“ am 25. November in München einen Appell an uns gerichtet und auf die tiefe Krise hingewiesen, in der sich unsere Demokratie derzeit befindet. Ihrer Meinung nach ist unserer Demokratie „die Zukunft abhandengekommen“, weil ihre eigenen Prinzipien nicht mehr als Quelle von Zukünftigem wahrgenommen werden: „Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus, Fortschrittsglaube“. Diese Situation ist deshalb eingetreten, weil die Visionen der Demokratie für viele Bürgerinnen und Bürger in ihrem alltäglichen Leben in ein Spannungsverhältnis getreten sind. Der Fortschrittsglaube erfüllt sich für die meisten nicht länger, für immer mehr Menschen wird er zu einem nicht eingelösten Versprechen.
So wie man im Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht warten durfte, so dürfen wir auch heute mit unserem Widerstand gegen die Gefährdung unserer Demokratie nicht warten und der schleichenden Zerstörung unserer Demokratie tatenlos zusehen. Das demokratische Vermächtnis der Geschwister Scholl ist – so Amlinger und Nachtwey-, dass eine Umkehr möglich ist. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass ein vergleichbares Unheil auch heute möglich ist.
Es ist zu vermuten, dass 2026 es zu einem Erdrutsch in unserem politischen System kommt. Eine Partei, die zumindest in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt, steht in Umfragen zu den Landtagswahlen bei 38 % in Mecklenburg-Vorpommern, bei 40 % in Sachsen-Anhalt. Das Unheil kann also wiederkehren durch eine Politik, bei der gezielt Humanität zerstört wird. In den Vereinigten Staaten ist das Unheil bereits zu erkennen, wo ein machtbesessener Narziss dabei ist, das größte und älteste demokratische Gemeinwesen der Welt zu zerstören.
Wenn eine solch unheilvolle Entwicklung nicht eintreten soll, so müssen wir uns daran erinnern, wie der Nationalsozialismus an die Macht gelangen konnte: Für die beiden Soziologen waren es nationalkonservative Kräfte, die in ihm ein Mittel sahen, die deutsche Nation zu neuer Größe zu führen und die politischen Kräfte der Gleichheit zu zerstören. Der Nationalsozialismus wurde aber auch durch national gesinnte, bürgerliche Kräfte an die Macht gebracht, die glaubten, sie könnten ihn einbinden und dadurch bändigen. Die NS- Diktatur wurde ferner durch jene bürgerlichen Kräfte möglich, die versuchten den Nationalsozialismus zu schwächen, indem sie in dasselbe Horn geblasen haben wie der Nationalsozialismus selbst.
Wer heute glaubt, den Rechtextremismus zu schwächen, indem er dessen Politik normalisiert oder gar mit ihm kooperiert, der hat aus der Geschichte nichts gelernt. Dies gilt für den Umgang mit faschistischen Parteien in Europa gleichermaßen wie für den Umgang mit einem Präsidenten der USA, wenn dieser – wie es offensichtlich der Fall ist – das demokratische Wertefundament seines Landes zerstört.
Einem erneuten Faschismus können wir nur begegnen, wenn wir Visionen des Zusammenlebens formulieren, wie sie bereits die Gründungsväter unserer Demokratie im Blick gehabt haben. Doch wir werden diejenigen, die sich von der Demokratie abgewendet haben, nicht zurückgewinnen, wenn wir Ihnen bloß die demokratische Idee und unser Wertefundament entgegenhalten.
Ein „Aufstand aller Demokraten“ ist notwendig
Wir müssen mehr tun, als bloß den „Status Quo“ zu verteidigen, sondern wir müssen eine Gesellschaft schaffen, die eine Gleichwertigkeit allen Lebens ermöglicht. Das wird nicht von heute auf morgen erreicht. Die Zeit drängt, aber es ist noch nicht zu spät. Noch immer steht die Mehrheit der Menschen hinter einem zivilen Miteinander. Es muss alles getan werden, um einen weiteren Aufstieg jener Parteien und Politiker zu stoppen, die unsere Demokratie, mitsamt den sie konstituierenden Werten gefährden, und damit die Demokratie in ihrer Substanz insgesamt infrage stellen. Jeder von uns ist dabei gefordert: am Arbeitsplatz, auf der Straße in der Familie, im Freundeskreis. Der Appell der beiden Soziologen endet mit folgender Forderung: „Wir brauchen einen Aufstand der Demokraten, aller Demokraten“. Die Geschwister Scholl können dabei unser Vorbild sein.
Dieser „Aufstand aller Demokraten“ muss sich gleichermaßen gegen Rechtsextremismus wie gegen Linksextremismus richten. Dabei bezeichnet der Verfassungsschutz den Rechtsextremismus als „größte extremistische Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung“. Seine Ideologien richten sich gegen zentrale Grundwerte des Grundgesetzes, u.a. gegen die Menschenwürde (Art. 1 GG), der die Unantastbarkeit der Menschenwürde garantiert, gegen Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und gegen Minderheitenschutz. Rechtsextremisten vertreten laut Verfassungsschutz „menschenfeindliche, rassistische und antisemitische Weltbilder“, die mit dem Grundgesetz unvereinbar sind.
Zum Aufstand der Demokraten gehört vor diesem Hintergrund, dass wir bei allen bevorstehenden Wahlen jene Parteien und Kandidaten mit unserer Stimme unterstützen, die sich nachweislich für den Erhalt unseres demokratischen Wertefundaments einsetzen. Dazu gehört, dass man den Intrigen und Lügen der Demokratiegegner aktiv widerspricht und auch die „sozialen Medien“ nicht jenen überlässt, die unsere Demokratie zerstören möchten. Gegen Praktiken der Zerstörung unserer Demokratie gilt es aufzustehen. Jedes weitere Warten erhöht die Gefahr. Demonstrationen auf der Straße sind dabei ebenso erforderlich und nicht zuletzt muss unser Rechtsstaat auf der Grundlage bestehender und ggfls. auch neuer Gesetze, alles Notwendige tun, damit der Zerstörungsprozess durch die Gegner unserer Demokratie gestoppt wird. Verbote, die auch konsequent überwacht werden, können dabei durchaus ein Instrument sein, mit dem ein weiteres Anwachsen des Rechts- bzw. Linksextremismus in unserer Gesellschaft verhindert wird.
Bei all dem muss aber auch festgestellt werden, dass die Beschädigung der Demokratie nicht zuletzt auch durch ein zunehmendes internes parteipolitisches „Taktieren“ einzelner oder mehrerer gewählter Abgeordneter bei anstehenden politischen Entscheidungen ausgelöst werden kann. Beispielhaft sei hier auf die „Umstände“ der Wahl des derzeitigen Bundeskanzlers und – sich fortsetzend – auf die Wahl einer Richterin am Bundesverfassungsgericht und erneut (ganz aktuell) auf die internen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der „Rentenreform“ hingewiesen. Dabei sind Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen zur Lösung von Sach- und Fachfragen die Grundpfeiler jeglicher demokratischer Entscheidungsfindung.
Demokratiegefährdend werden sie allerdings dann, wenn nach abgeschlossenen Diskussionen und einer Konsensfindung – wider alle staatspolitische Vernunft – sich offenbar in allen genannten „Fällen“ einzelne Fraktionsmitglieder einer Partei als interne „Opposition“ begreifen. Die (fatale) öffentliche Wahrnehmung solchen Handelns ist offensichtlich: Von einem nachvollziehbaren Regierungshandeln kann nicht mehr die Rede sein. Diese – nicht zu unterschätzende – „Wahrnehmung“ kann bei Wählern über eine „Politiker-Verdrossenheit“ zur „Demokratieverdrossenheit“ führen. Die Verantwortung zur Verhinderung derartiger Entwicklungen liegt zweifelsfrei bei den im Parlament handelnden Politikerinnen und Politikern der demokratischen Parteien.
Letzte Bearbeitung: 2.12.2025
[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird gelegentlich auf „gendergerechte“ Sprachformen – männlich weiblich, divers – verzichtet. Bei allen Bezeichnungen, die personenbezogen sind, meint die gewählte Formulierung i.d.R. alle Geschlechter, auch wenn überwiegend die männliche Form steht.