Helmut Digel
Es war nicht anders zu erwarten: Alle sind sich einig, die Spieler, die Trainer, die Funktionäre, der Präsident, die von den Massenmedien zu Experten ernannten Persönlichkeiten, die ehemaligen und die aktuellen Stars: Bei der Fußball WM in Mexiko, USA und Kanada soll es nur um das schöne Fußballspiel gehen. Und das gleich fünf Wochen lang bei 104 Spielen an 16 verschiedenen Orten.
Schön wäre es, wenn wir ein zweites Sommermärchen erleben könnten, denn immerhin hat der Bundestrainer das anspruchsvolle Ziel vorgegeben, einmal mehr Weltmeister zu werden. Die „böse Politik“ soll sich vom schönsten Spiel der Welt fernhalten. Sie hat bei einer Weltmeisterschaft nichts zu suchen.
DFB-Präsident Neuendorf meldete sich mit folgenden Äußerungen zu Wort: „Eine Boykottdebatte ist völlig verfehlt und kommt zur Unzeit“. Die Politik von US-Präsident Donald Trump sei für den DFB sehr schwer zu bewerten. Der Fokus solle bei der WM 2026 aufs Sportliche gelegt werden.
Markus Söder forderte mit Blick auf die WM 2026: „So wenig Politik wie möglich“. Er begründete dies mit den Erfahrungen, die bei der WM 2022 in Katar gemacht werden mussten, und fügte hinzu: „Wir haben das jetzt einmal in Qatar erfolglos gemacht. Nicht zweimal bitte“. Außerdem erklärte er, er wünsche sich, dass die Mannschaft frei aufspielen kann und nicht wieder 1000 politische Ratschläge aus Deutschland bekommt. Söder sprach sich damit klar dafür aus, dass bei der WM 2026 der sportliche Erfolg im Vordergrund stehen sollte und politische Botschaften der Spieler möglichst vermieden werden. Ein weiterer CSU-Politiker, Alexander Dobrindt, äußerte sich zwar weniger direkt zu politischen Statements der Spieler, lehnte aber Forderungen nach einem WM Boykott ab. Er vertrat die Auffassung, politische Konflikte sollten auf politischer Ebene ausgetragen werden und der Sport solle Sport bleiben. Ex-Bundestrainer Klinsmann meinte, dass man nicht als Athlet oder als Mannschaft in ein Land geht, um irgendwelche politischen Botschaften rüberzubringen. Das gehöre sich nicht und schaffe ein schlechtes Klima. Wer bei einer WM gesellschaftspolitische Themen rauf und runter diskutiert, fliege früher nach Hause. DFB-Sportdirektor Völler forderte ausdrücklich Zurückhaltung bei politischen Äußerungen während des Turniers. Seine Begründung: die Mannschaft sei da, um eine Weltmeisterschaft zu spielen, und man wolle aus den Erfahrungen der WM in Katar lernen. DFB-Kapitän Joshua Kimmich erklärte, politische Positionierungen seien eher Aufgabe von Politik und Verbänden, er wolle sich bei der WM vor allem auf den Sport konzentrieren.
Der einzige Fußballexperte, der sich mit deutlichen Worten von FIFA Präsident Infantino distanziert und die Ausweitung des WM-Turniers auf 104 Spiele über einen Zeitraum von mehr als fünf Wochen als inakzeptabel bezeichnet hat, ist einmal mehr Uli Hoeneß. Er kommentierte auch die angebliche „Freundschaft“ von Trump und Infantino mit zynischen und ironischen Worten. Zudem kritisierte er Gianni Infantino wegen der hohen Ticketpreise: „Die Eintrittspreise, da werde ich wahnsinnig!“
Gleichzeitig gibt es aber auch Journalisten, die genau das Gegenteil vertreten und argumentieren, dass eine Weltmeisterschaft in den USA zwangsläufig auch politische Fragen berührt. Interessant ist dabei, dass die Forderung Sport und Politik zu trennen, derzeit stärker von Verbandsvertretern und ehemaligen Fußballfunktionären kommt, während ein Teil der Sportjournalisten ausdrücklich davor warnt, politische Themen auszublenden.
Die Politiker des Bundestages teilen in ihrer großen Mehrheit die Auffassung, dass es bei dieser Fußball WM in erster Linie um den Sport gehen solle, und sie würden gerne in den Jubelchor einstimmen, wenn Deutschland einmal mehr Weltmeister würde. Der eine oder andere hat dabei allerdings doch das „Gefühl“, dass man bei dieser WM in den USA nicht unbedingt selbst vor Ort sein sollte. Doch Frau Dr. Schenderlein wird als die neue „Ministerin für Sport und Ehrenamt“ die Bundesregierung würdig bei dieser WM vertreten.
Bei den Stellungnahmen und geäußerten Meinungen wird meist dabei Bezug genommen auf die Weltmeisterschaft vor vier Jahren, um zu begründen, warum man gegenüber einem Gastgeberland bei einer Fußballweltmeisterschaft sich auf den Fußball zu konzentrieren hat, und politische Kritik gegenüber dem Gastgeber völlig unangebracht ist.
Die nunmehr gezeigte Einsicht betreffend der inakzeptablen Auftritte von Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung und des Parlaments bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar und in das nahezu naive und politisch devote Handeln des deutschen Fußballverbandes ist mehr als wünschenswert.
Der immer wieder herangezogene Vergleich mit Katar – wenn man über die politische Situation in den USA und teilweise auch in Mexiko spricht – ist jedoch völlig unangebracht und hält einer genauen Überprüfung nicht stand. Katar ist seit Bestehen dieses Staates eine Erbmonarchie, an dessen Spitze ein Emir aus der Familie Al Thani steht, der das alleinige Sagen über das politische Geschick des Emirats hat. Die islamische Religion prägt das kulturelle und gesellschaftspolitische Leben dieses Staates. Die von Deutschland erhobenen Vorwürfe gegenüber Katar waren geprägt von einer unerträglichen Heuchelei und von erheblichen Wissens- und Bildungslücken in Bezug auf die tatsächlichen Verhältnisse des dortigen Emirats. Dies gilt gleichermaßen für die vorgeworfenen Menschenrechtsverletzungen wie für die Verstöße gegen das internationale Arbeitsrecht. Katar hat sich gegen diese Vorwürfe zu Recht in aller Entschiedenheit gewehrt. Bis heute wurde Katar weder von dem internationalen Gerichtshof für Völkerrecht noch von irgendeinem anderen Gerichtshof wegen dieser angeblichen Delikte verurteilt.
Ganz anders stellt sich die Situation in den Vereinigten Staaten dar. Die USA sind das Mutterland der westlichen Demokratien. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es ganz wesentlich dank seines hohen Wohlstandes zum Wiederaufbau Europas und vor allem zum Wiederaufbau Deutschlands auf der Grundlage des Marshallplans beigetragen. Die USA waren bis zur Wiederwahl von US-Präsident Trump für viele Nationen auf dieser Erde eine „Hoffnungs-Nation“, mit deren Hilfe und Unterstützung man rechnen durfte. Die USA waren ein Einwanderungsland, in dem jeder Fremde willkommen war. Wissenschaft und Bildung haben in diesem Land eine großartige Unterstützung erfahren und haben immer einen besonderen Schutz durch die jeweilige Regierung genießen können.
Mit der erratischen, ziellosen und chaotischen Politik des „Alleinherrschers“ Trump befinden sich nun alle diese positiven Strukturen der Vereinigten Staaten in einer großen Krise. Unerwünschte Ausländer werden in brutaler Weise abgeschoben. Ein bösartiger Rassismus, von dem man geglaubt hatte, dass er überwunden sei, feiert seine Wiederkehr. Aus einer Friedenspolitik ist eine militärische Interventionspolitik geworden, deren Folgen nicht absehbar sind. Es ist eine sich ausbreitende sogenannte MAGA-Welt zu beobachten, in der Oligarchen eine entscheidende Rolle spielen. Traditionelle demokratische Strukturen werden ausgelöscht. Die Manipulation von zukünftigen Wahlen ist nicht mehr auszuschließen. Den einst führenden Universitäten der Welt wie Harvard, UCLA, Stanford etc. werden die finanziellen Mittel gekürzt und in Teilen gänzlich gestrichen. Mittlerweile wurden auch mehrere staatliche Behörden geschlossen. Trump hat das Regieren in den Vereinigten Staaten in ein „Familienunternehmen“ verwandelt, an dem sich alle Glieder dieser Familie bereichern. Es hat den Anschein, als ob ihm die Diktatoren dieser Welt näher stehen als die Repräsentanten der westeuropäischen Demokratien. Die NATO stellt er ebenso infrage wie z.B. den Standort der US Armee in Deutschland. Das Grauen, das mit seiner Politik hervorgerufen wird, vergrößert sich nahezu täglich und die Demokratien der restlichen Welt sind wie gelähmt angesichts der Unberechenbarkeit des einst so wichtigen politischen Partners in „Übersee“.
Die Fußballweltmeisterschaft findet somit in einem Land statt, das mit den Strukturen und den besonderen demokratischen Merkmalen dieses Landes nichts mehr zu tun hat, als dieses Land 2018 in Moskau gemeinsam mit Kanada und Mexiko zur Ausrichtung einer Fußball Weltmeisterschaft auserkoren wurde.
Gleichzeitig wird diese Fußballweltmeisterschaft heute von einem Olympischen Sportfachverband, der FIFA, verantwortet, dessen Präsident längst schon vergleichbare diktatorische Züge aufweist wie der Präsident der Vereinigten Staaten. Nicht zuletzt deshalb nennen sie sich gegenseitig „beste Freunde“ und pflegen ihre Freundschaft auf eine penetrante Weise. „Diktator Infantino“ hat „Diktator Trump“ die Fußballweltmeisterschaft als „Spielwiese“ überlassen, um sie für ein politisches „Spektakel“zu nutzen. Vergleichbares hat der Weltfußball in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte noch nicht erlebt. Mit dem Präsidenten der FIFA, mit Herrn Infantino, und mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, mit Hern Trump, treffen sich dabei zwei Menschen, die sich in ihren Charaktermerkmalen, Attitüden und in ihren materialistischen Interessen kaum ähnlicher sein können. Zwei Narzissten kommunizieren dabei auf gleicher „Wellenlänge“.
Diktator Infantino hat für diese Weltmeisterschaft alles bisher Bestehende außer Kraft gesetzt, das seinen Interessen im Wege stehen könnte. Gab es bei allen früheren Weltmeisterschaften ein Organisationskomitee, so ist dies bei dieser WM in den Vereinigten Staaten, Kanada und in Mexiko eine Fehlanzeige. Das Turnier wird von Infantino als „Allein-Herrscher“ organisiert. Er entscheidet, was erlaubt und was verboten ist. Er herrscht über die internationale „Geldmaschine Fußball-WM“ mit strenger Hand. Waren es 1930 bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Uruguay 13 Nationen, die daran teilnahmen, so sind es in diesem Jahr 48. Das Turnier findet nicht an einem Ort in einem Land statt, sondern in drei verschiedenen Ländern. Geplant und offenbar entschieden ist bereits eine Ausweitung des Turniers auf sechs Gastgeberländer. Die ökologischen Kollateralschäden, die solch eine Ausweitung mit sich bringt, schiebt Diktator Infantino unberührt zur Seite. Gleiches gilt für den volkswirtschaftlichen Schaden, den eine fünfwöchige Fußballweltmeisterschaft hervorruft. Experten schätzen den derzeit bereits entstandenen Schaden auf mehr als 15 Milliarden $ weltweit. Besonders betroffen ist dabei Deutschland. Das Fußballturnier dauert nun mehr als fünf Wochen und bindet Milliarden von Zuschauern und Fans an die Fernsehgeräte. „Brot und Spiele“ hat – wie dereinst in Rom – Hochkonjunktur. Von seinem Freund Trump, dem er freundlicherweise in der Vorbereitung auf diese WM einen Friedenspreis verliehen hat, lässt Herr Infantino bestimmen, wer in das Land einreisen darf und wer nicht, welches Land kurz vor Beginn der WM noch den Spielort zu wechseln hat, nur weil sie in der MAGA-Welt des Herrn Trump nicht willkommen sind. Für Zuschauer, die in Ländern zu Hause sind, die nicht in die politische Ideologie des Herrn Trump passen, gibt es keine Einreisemöglichkeit. Teilnehmende Nationalmannschaften werden an einer dringend erforderlichen Akklimatisierung gehindert, weil ihnen erst verspätet die Einreise gestattet wird. Anstoßzeiten für die 104 stattfindenden Fußballspiele werden über den Markt definiert. Die Eröffnungsshow muss deshalb in Mexico City bei größter Hitze um die Mittagszeit stattfinden, damit die wichtigen europäischen Konsummärkte während deren TV- Primetime das Eröffnungsspiel übertragen können. Menschenrechtsverletzungen sind in den USA immer häufiger zu beklagen und die ehemalige Macht der Gewerkschaften wird zunehmend außer Kraft gesetzt.
Während der WM kommt es zu einer beispiellosen Ausbeutung der Zuschauerrinnen und Zuschauer, die aus der ganzen Welt angereist sind. Die Tickets zu den Spielen wurden gezielt dem Schwarzmarkt überlassen und bei den wichtigsten Spielen begegnen sich wohl nur noch die Reichen der Welt in den Stadien, die sich Eintrittspreise von mehr als 1000 $ leisten können. Sie beobachten dabei Fußballspiele, bei denen sich 22 Millionäre, teilweise Multimillionäre, auf dem Rasen treffen, um ihrem „Hobby“, dem Fußballspielen nachzugehen. Dies ist zumindest die häufigste Antwort, wenn sie nach den Gründen ihres Fußballspiels befragt werden. Das Geldverdienen, ist demnach d für sie wohl eine Nebensache. Ihre Manager sind allerdings diesbezüglich grundsätzlich anderer Meinung.
Herr Infantino hat selbst dann keine Einwände, wenn die Transportmöglichkeiten bei der Anreise der Fans sich durch überraschende Preis-Erhöhungen auszeichnen. Dass mit den Merchandisingprogrammen einer Fußballweltmeisterschaft schon seit langem Milliarden erlöst werden, ist längst kein Geheimnis mehr. Die Fußballfans aus der ganzen Welt sind „Objekte“ der Geldgier der Herren Trump und Infantino. Der Sündenfall der „Infantino WM 2026“ weist noch viele weitere Skandale auf. Sie alle aufzulisten, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen.
„Gute Miene zum bösen Spiel“ ist die Maxime, die nicht nur für die deutsche Nationalmannschaft, für den DFB und für die deutsche Politik gilt. Gab es im Vorfeld noch Kritik der Medien an der maßlosen Politik der FIFA und der verantwortungslosen Ausweitung des Turniers, so ist an deren Stelle nun eine pompöse Unterhaltungsindustrie mit ihren zwielichtigen und oberflächlichen Interessen getreten. Die deutschen Sender präsentieren sich mit bombastischen WM- Fernsehstudios. Es ist wieder die Zeit der Superlative: „historisch einmalig“, „größtes Turnier der Welt“, „mehr Zuschauer denn je“. Zum Eröffnungsspiel lässt man gleich fünf „Experten“ mit ihren irrelevanten Expertisen auf ein Publikum los, das höchste Einschaltquoten garantiert. Stundenlang wird aus dem Lager der deutschen Nationalmannschaft berichtet. Es gibt nichts, was nicht berichtenswert wäre. Belanglosigkeit und Redundanz sind das besondere Kennzeichen einer unerträglichen, langatmigen und geistlosen Form von Unterhaltung. Die Moderatorinnen versuchen, sich in ihren Modeauftritten zu übertreffen. Im Vergleich zu ihrem Erscheinen ist ihre fachliche Kompetenz eher bescheiden. Pressekonferenzen werden aus dem Vorbereitungscamp, das wie immer ein Fünfsternehotel ist, auf manchen Sendern gar live übertragen, wobei man sich fragt, was dabei schlimmer ist: Sind es die unsäglichen und oft auch dummen Fragen von Journalisten oder die künstlich erzeugte Aufmerksamkeit zu Gunsten der deutschen Nationalmannschaft und deren verantwortlichen Funktionären.
Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass bei manchen dieser Sendungen auch einige Aussagen gemacht werden, in denen auf die im Vorfeld geäußert Kritik an dieser Weltmeisterschaft Bezug genommen wird. Doch dann wird immer auch gleich hinzugefügt, dass nun doch der Fußball im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu stehen hat.
Grundsätzlich ist jedoch seit dem Anstoß zum ersten Spiel dieser Fußball-Weltmeisterschaft Kritik eher unerwünscht. Von allen Stakeholdern dieser WM wird der Topos des unschuldigen unpolitischen Sports gepflegt. Angebliche oder tatsächliche Boykottversuche bei dieser WM, die es wohl im Vorfeld gegeben hat, werden entschieden von jenen zurückgewiesen, die angesichts ihrer eigenen materiellen Interessen an dieser Weltmeisterschaft jedoch mehr als befangen sind.
Dabei hat es bis heute keinen einzigen ernsthaften Boykott-Versuch gegeben, an diesen Weltmeisterschaften nicht teilzunehmen. Wohl hat ein Vorstand eines Bundesligavereins Bedenken gegenüber dieser WM in den USA geäußert, und es gab auch vereinzelte Stimmen, die sich einen Boykott gewünscht hätten.
Sportliche Boykottmaßnahmen wurden in der Vergangenheit meist auf dem Rücken von Athletinnen und Athleten ausgetragen und müssen schon allein aus diesem Grund abgelehnt werden. Hinzukommt, dass sich im Nachhinein immer wieder von neuem herausstellte, dass der alleinige Boykott durch Sportler an den politischen Verhältnissen eines Landes, gegen das der Boykott gerichtet ist, nichts verändert hat. Notwendig und wirksam könnte jedoch ein politisch-ökonomischer Boykott sein, der auch mit entsprechenden Sanktionen verbunden ist. Als selbstständig handelndes Teilsystem unserer Gesellschaft müsste sich dann allerdings auch der Sport an einer derart politisch geführten Boykottmaßnahme beteiligen.
Ist man aus guten Gründen ein Gegner von ausschließlich sportlichen Boykottmaßnahmen, so heißt dies somit noch lange nicht, dass jeder politische Boykott sinnlos und ohne Wirkung ist. Vor allem heißt es auch nicht, dass man zu fragwürdigen Verhältnissen zu schweigen hat, die in den USA schon seit längerer Zeit zu beklagen sind. Und schon gar nicht heißt dies, dass man – wie der DFB – als größter Fußballverband der Welt einen Teppich des Schweigens über die diktatorischen Machenschaften des FIFA-Präsidenten legt, wie dies durch den DFB und dessen Präsidenten versucht wird. Der von mehr als 24 000 Fußballvereinen mit mehr als 8 Millionen Mitgliedern auf indirekte Weise gewählte DFB-Präsident Neuendorf ist Mitglied im Council, im Führungsgremium der FIFA und verfügt somit dort über Sitz und Stimme. Bislang ist nicht bekannt geworden, dass er Einspruch gegen die Ausweitung der Weltmeisterschaft erhoben hat. Es gibt auch keine Belege, d.h. schriftliche Anträge, die in der FIFA-Vollversammlung zur Abstimmung gestellt wurden, in denen er sich um die Beseitigung der ungerechten Verhältnisse bei der Durchführung von Weltmeisterschaften eingesetzt hat. Nirgendwo ist zu erkennen, dass er engagiert bemüht war, gemeinsam mit Partnerverbänden die permanente Machterweiterung Infantinos zu verhindern. Bekannt ist hingegen, dass er sich vom Präsidenten Infantino für seine Council-Mitgliedschaft eine jährliche Aufwandsentschädigung bezahlen lässt, die das Gehalt eines höheren politischen Beamten in Deutschland um ein Vielfaches übertrifft. Angesichts der skandalösen Verhältnisse bei der derzeit stattfindenden Fußballweltmeisterschaft kann man durchaus behaupten, dass Infantinos „Schweigegeld“ seine Wirkung zeigt.
Doch selbst wenn der DFB ein politisch „mündiger“ Verband wäre – das muss an dieser Stelle konstatiert werden – wäre diese WM vermutlich nicht zu verhindern gewesen. Dazu sind die Machtverhältnisse in einem Sportverband, in dem der Präsident sich des „One-Vote, One-Country-Prinzips“ bedient, einseitig zu Gunsten des Präsidenten ausgerichtet. Seine als Entwicklungshilfe deklarierten Geschenke gegenüber den vielen kleinen Mitgliedsverbänden zeigen ihre Wirkung. Doch eine oppositionelle Haltung des DFB hätte der Glaubwürdigkeit der deutschen Sportpolitik durchaus von Nutzen sein können.
Dringender und notwendiger wäre jedoch, dass die Verantwortlichen in der deutschen Politik, allen voran der Kanzler und sein Vizekanzler, in Bezug auf Präsident Trump endlich klar und eindeutig Farbe bekennen. Wenn man zu Recht von Sportlerinnen und Sportlern einen Boykott von Sportereignissen nicht erwarten darf, so muss man dies umso mehr von den gewählten politischen Repräsentanten unseres Landes gegenüber einem selbst ernannten Diktator erwarten, der dabei ist, eine der bedeutendsten Demokratien der Welt zu zerstören. Von den Mitgliedern der Bundesregierung und allen Politikern des deutschen Bundestages kann und muss erwartet werden, dass sie der Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika fernbleiben und ihr Fernbleiben auch öffentlich begründen. Gespannt darf man dann sein, ob auch der mit seinem hochdotierten Präsidenten an der Spitze sich bei einer derartigen Boykottmaßnahme solidarisch zeigen würde und öffentlich den politischen Boykott gegenüber dem US-Präsidenten Trump unterstützen würde.
Herrn Infantino würde dies sicherlich nicht gefallen!
Letzte Bearbeitung: 17.Juni 2026