„Mein Verein“: Portrait 4
Helmut Digel
„Von der Kreisklasse in die Bundesliga und wieder zurück in die Namenlosigkeit“ – „Aufstieg und Fall einer Handballhochburg“, oder: „Ein Mann ist nicht genug“. So oder so ähnlich könnten die Überschriften lauten, wenn man das Schicksal des SV Möhringen beschreiben möchte, dessen Vereinsgeschichte ganz wesentlich von einer Sportart, dem Handball, und von einer Persönlichkeit, von Bernd Mühleisen, geprägt ist, und die ein halbes Jahrhundert mit der ehemaligen Filder-Gemeinde und dem heutigen Stuttgarter Stadtteil Möhringen verbunden gewesen ist.
Bernd Mühleisen war eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit einer erfolgreichen beruflichen Karriere und einer besonders erfolgreichen Karriere als Sportler, Trainer, Manager und Mannschaftskamerad. Zu seinen Prinzipien und Tugenden, die sein Leben geprägt haben, gehören Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit, Präzision, Kreativität, Fairness und vor allem auch ein systemisches Denken und ein profundes Gedächtnis, das ihm immer auch geholfen hat, alles was ihm wichtig erschien, zu dokumentieren und als „Archivar des SV Möhringen“ dessen interessante Handballgeschichte festzuhalten.
Seiner Familie ist es zu verdanken, dass das „Archiv“ von Bernd Mühleisen nunmehr das Landesarchiv in Stuttgart bereichert und dort für jedermann einsehbar ist. Fotoalben, Zeitungsausschnitte, eine Chronologie der Handballspiele des SVM, Bernd Mühleisens Spiele in der Stuttgarter Stadtauswahl und in der Auswahlmannschaft des Württembergischen Handballverbandes sind dabei ebenso dokumentiert wie die 58 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft, bei denen er 172 Tore geworfen hat, gehören sowie verschiedene Briefwechsel und Einzeldokumente.
Wann und wie alles begann
In der mehr als 130-jährigen Geschichte des SV Möhringen ist der Handballsport eine relativ junge Erscheinung. 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war es Kurt Bienzle, der die erste Handballabteilung des SV Möhringen gründete. Sie bestand zunächst aus einer Männermannschaft, einer Frauenmannschaft und einer Jugendmannschaft. Dem Kader der Männermannschaft gehörten unter anderem Kurt Bienzle, Kurt Neef, Herbert Maier, Gunter Borgemehn, Robert Schweitzer, Werner Krüger und Udo Munding an. Betreut wurde die Mannschaft vom Sportlehrer der Möhringer Volksschule Paul Kies.
Eine gute Jugendarbeit zeigte damals sehr schnell Erfolge und so wuchs eine junge aktive Mannschaft heran, deren Spieler über Jahre die positive Entwicklung des Möhringer Handballs prägen sollten. Dazu gehörten Dieter Mühleisen, Erich Probst, Werner Krüger, Fritz Obermeyer, Klaus Kies, Willy Krüger, Gerd Schiller, Manfred Hipp, Manfred Jäger und Hade Hess.
Dieter Mühleisen schafft die Grundlagen für den späteren Erfolg
Mit der außergewöhnlichen Jugendarbeit und dem unermüdlichen Engagement von Dieter Mühleisen öffnete sich in dieser Zeit das Tor des späteren Erfolgs des SV Möhringen. Dank seiner Arbeit stellten sich sehr schnell Erfolge ein, die bei vielen Spielern die grundlegende Motivation für einen kontinuierlichen Leistungs- und Könnenszuwachs bildeten.
Der erste Sieg, der in der „Mühleisen Handball Chronik“ ausgewiesen ist, gelang 1946 in der „Kreisklasse 2“ gegen den VfL Kaltental. Das Spiel endete 6:2. 1947 folgte der Aufstieg in die „Kreisklasse 1“ mit einem Turniersieg in Hedelfingen. Danach gab es allerdings einen ersten Rückschlag, der 1948 zum Abstieg in die „Kreisklasse 2“ führte. Die A-Jugend war hingegen bei mehreren Turnieren erfolgreich. Dank dem Rückkauf eines eigenen Sportplatzes an der Hechinger Straße und dank dem Baubeginn der eigenen Sporthalle stand 1953 einem erneuten Aufstieg in die höchste Kreisklasse nichts mehr entgegen. Nachdem 1952 die eigene Sporthalle mit einem Spiel gegen den Stuttgarter Sportclub eröffnet wurde, konnte der Siegeszug zunächst im württembergischen Handball, später im süddeutschen und deutschen Handball beginnen. Die vereinseigene Turnhalle diente in erster Linie Trainingszwecken, da sie nicht den Internationalen Maßen des Hallenhandball Sports entsprach. Deshalb mussten alle SVM-Handballmannschaften ihre Hallenhandballspiele bis 1973 in auswärtigen Sporthallen durchführen.
Ein Jahr später kam es zu einer wegweisenden Entscheidung: Lothar Scheffel und Bernd Mühleisen wechseln 1954 von den Fußballern zu den Handballern, womit die eigentliche Erfolgsgeschichte des Handballs einen ganz besonderen Impuls erhielt. Der SVM wurde Sieger der „Kreisklasse I“, gewann Turniere in Pfullingen, Böblingen und Weilheim und schaffte sogar den Aufstieg in die erste „Hallen- Division“. Dort traf man zum ersten Mal auf den großen Gegner „Frisch Auf Göppingen“ und musste dabei eine Niederlage von 7:11 in Kauf nehmen.
Bernd Mühleisen übernimmt das Training der 1.Mannschaft
Die Teilnahme an den württembergischen Hallenmeisterschaften im Januar 1956 war der Startschuss für eine besondere Siegesserie, die sich dadurch auszeichnete, dass Bernd Mühleisen 1957 das Training der ersten Mannschaft übernahm und mit ihm weitere Möhringer Spieler in Auswahlmannschaften berufen wurden. Bernd Mühleisens Weg ging dabei über die Stadt- Auswahl, die württembergische Auswahl, die süddeutsche Auswahl bis in die DHB-Auswahl und damit in die deutsche Handball Nationalmannschaft. Wolf Dieter Rösner zählte ab 1964 ebenfalls zum Aufgebot der Nationalmannschaft. Manfred Kiefer, Werner Durig, Willy Krüger, Dieter Rosbach, Karl-Heinz Pollich und Klaus Ebert wurden in dieser Zeit in die Stadtauswahl berufen. In den Folgejahren gab es Turniersiege auf Turniersiege in Fellbach, Feuerbach, Oberhausen, Stetten, Asperg, Baiersbronn, Herrenberg und auf dem Killesberg.
1960 fand das erste Möhringer Turnier mit 32 Mannschaften statt. Im selben Jahr schlug der SVM den spanischen Handballmeister Granollers Barcelona mit 26:18. Bereits 1957 war die erste Mannschaft in die Landesliga aufgestiegen, im Jahr 1959 erfolgte der Aufstieg in die württembergische Verbandsliga und in der Stuttgarter „Hallen Division“ hat der SV Möhringen gleich dreimal hintereinander den Titel eines „Kreismeisters“ gewinnen können.
Heute wissen es wohl nur noch sehr wenige, dass es damals eine zweiteilige Handball Saison gab. Im Winter wurde in der Halle gespielt und bereits in den ersten Frühlingsmonaten begann die Feldsaison, die bis in den Oktober hinein reichen konnte. Es gab Großfeldspiele bei Schneematsch und strömendem Regen im April und die Kleinfeldturniere auf Marktplätzen begleiteten die Sommersaison. Gleichzeitig waren die Möhringer Handballer auch immer gute Leichtathleten. Sie nahmen an Leichtathletik Mehrkämpfen bei Bergfesten teil und stellten beim Stuttgarter Stadtlauf nicht selten das Siegerteam. Mehrere Spieler zeichneten sich durch eine 100m Zeit von weniger als 11 Sekunden aus.
Die Blütezeit des SVM dauert mehrere Jahre
1961 übernimmt Dieter Mühleisen die Stelle des Abteilungsleiters und wird gemeinsam mit Emil Scheffel, dem Vorstand des SVM, zum organisatorischen Dreh- und Angelpunkt der weiteren Entwicklung des Handballsports in Möhringen. Sein Bruder spielt in diesem Jahr bei seiner ersten Handball Weltmeisterschaft in der sportpolitisch sehr besonderen
Handball- Nationalmannschaft Deutschlands. Es war jene Weltmeisterschaft, in der beide deutsche Staaten zum letzten Mal mit einer „gesamtdeutschen Mannschaft“ angetreten sind. Bernd Mühleisen war dabei mit zehn Toren der beste westdeutsche Spieler bei dieser WM. Geleitet wurde die deutsche Nationalmannschaft von den Nationaltrainern Werner Vick (BRD) und Heinz Sailer (DDR). Bernds westdeutsche Mitspieler waren unter anderem Hermann Graf, Jürgen Hinrichs, Hinrich Schwenker, Edmund Vollmer und Gerhard Grill. Aus der DDR spielten in diesem Team so renommierte Handballgrößen wie Paul Tiedemann, Rudi Hirsch und Waldemar Pappusch.
Die sportlichen Erfolge von Bernd Mühleisen machten den SV Möhringen zunehmend zu einer attraktiven internationalen Handballadresse und so folgten mehrere interessante Spiele gegen große Gegner. 1962 trennte man sich vom schwedischen Meister Helsingborg 12:12. 1963 besiegte der SVM den mehrfachen deutschen Meister THW Kiel mit 8:6, nachdem die Mannschaft in die Süddeutsche Oberliga aufgestiegen war. 1964 gewann man das damals bedeutsamste internationale Handballturnier in Pforzheim und 1965 gelang zum ersten Mal ein Sieg mit 6:5 über Frisch Auf Göppingen. Immer häufiger kam es in dieser Zeit auch vor, dass junge talentierte Spieler aus Nachbarvereinen ihren Weg zum SV Möhringen fanden, um dort auf höherem Niveau ihre begonnene Handballkarriere fortzusetzen. Besonders erfolgreich sind diese Wege Wolf Dieter Rösner, Günther Heger und Wolfgang Schall gegangen. Günter Heger spielte 32-mal in der deutschen Handballnationalmannschaft während Wolfgang Schall einmal in eine DHB- Auswahlmannschaft berufen wurde. Wolf Dieter Rösner nahm als Torhüter der deutschen Handball Nationalmannschaft an zwei Weltmeisterschaften 1964 und 1967 teil und er war mit 91 Bundesligaeinsätzen jener Spieler, der für den SVM neben Dieter Schuh (99 Bundesligaspieleinsätze) die meisten Spiele aufwies.
Ein besonderer Höhepunkt in der Erfolgsgeschichte des SV Möhringen war der Aufstieg im Jahr 1966 in die neu gegründete „1. Bundesliga“, die bei ihrer Gründung allerdings noch zweigeteilt war und erst 1977 in eine einteilige Bundesliga überführt wurde. Den größten Erfolg in der Hallenhandball-Bundesliga erreichte der SVM im Jahr 1972 mit dem dritten Tabellenplatz. Gemeinsam mit Leutershausen war Möhringen inzwischen der einzige Verein, der von Anfang an der deutschen Bundesliga angehört hatte. Höhepunkt des Jahres 1972 war neben den Olympischen Spielen in München eine siebentägige Spielreise nach Tunesien mit Spielen gegen die tunesische Nationalmannschaft. In der damals noch üblichen Feldhandball-Spielrunde im Sommer erreichte die erste Mannschaft die Vizemeisterschaft in der Regionalliga Süd hinter TSV Ansbach. In dieser Zeit verfügte der SVM auch über eine „1B“ und „3. Mannschaft“, die jeweils in ihren Ligen den Gruppensieg erreichten und am Ende gar um die Stuttgarter Kreismeisterschaft gegeneinander antreten mussten. Mit 17:18 behielten dabei die „Routiniers“ gegenüber den „Youngstern“ die Oberhand.
Vorzeichen des Niedergangs
Ohne sich dessen bewusst zu sein, wurde das Jahr 1973 zum entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des Handballsports in Möhringen. Nach siebenjähriger Zugehörigkeit konnte der Abstieg aus der 1. Bundesliga nicht mehr abgewendet werden. Dieter Mühleisen gibt die Abteilungsleitung auf. An seine Stelle tritt Eberhard Hutzel. Bernd Mühleisen übergibt nach 17-jähriger Trainertätigkeit, sein Amt an Edwin Vollmer. Es kommt einer Ironie des Schicksals gleich, dass ausgerechnet in diesem Jahr eine neue städtische Sporthalle in Möhringen eingeweiht wird, in der nunmehr der SV Möhringen seine Heimspiele zu Hause austragen kann, was ihm während seiner gesamten Bundesligazeit verwehrt geblieben ist. Über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahren musste der SV Möhringen alle seine Heimspiele in der 20 km entfernten Sporthalle der Stadt Böblingen austragen, weil es damals in der Landeshauptstadt Stuttgart keine Sporthalle mit einer ausreichenden Zuschauerkapazität gab.
Konnte man sich nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga in der Hallenhandball Regionalliga Süd noch zwei Jahre dank einer Bundesliga-erfahrenen Mannschaft halten, so musste man sich nach der Beendigung ihrer Spielerkarrieren von gleich mehreren erfahrenen Spielern mit der traurigen Realität auseinandersetzen, dass ohne „Spieler- Einkäufe“ und ohne eine umfassende Kommerzialisierung und Ökonomisierung des Möhringer Handballsports eine Teilnahme am Spielbetrieb in den höheren Ligen des Deutschen Handball Bundes nicht mehr möglich sein wird.
1976 folgte der Abstieg der 1.Mannschaft aus der Hallenregionalliga in die Oberliga und gleichzeitig musste die 1B Mannschaft aus der Hallenbezirksliga in die Kreisklasse absteigen. 1977 folgte der Abstieg der 1. Mannschft aus der Hallenoberliga in die Landesliga und 1978 in die Bezirksklasse. 1981 musste die 1. Mannschaft – wie befürchtet – in die Kreisliga absteigen. Im Jahr 1989 musste sie den bitteren Weg des Abstiegs in die Kreisliga 2 antreten.
Mit den ausbleibenden Erfolgen wird die Anzahl der Jugendmannschaften des SV Möhringen immer geringer und auch die Aufrechterhaltung eines regulären Spielbetriebes wird immer schwieriger. Es mangelt immer häufiger an aktiven Spielern. 1994 musste man zur Kenntnis nehmen, dass nur mit einer Spielgemeinschaft mit dem SV Vaihingen die Geschichte des Handballsports in Möhringen fortgeschrieben werden kann.
1996 feiert die Handballabteilung des SV Möhringen dennoch sehr stolz mit einem Rückblich auf die großen Erfolge ihr 50- jähriges Jubiläum. Doch nach drei Jahren Spielgemeinschaft mit dem SV Vaihingen kommt es bereits zur Trennung und der weitere und endgültige Niedergang ist nicht mehr aufzuhalten.
Die Mitglieder und Angehörigen der großartigen Handball-Bundesligamannschaft des SV Möhringen müssen heute zur Kenntnis nehmen, dass in ihrem SVM, in ihrem durch das Handballspiel zu nationalem und internationalem Ruhm gelangten Verein, keine Handballabteilung mehr besteht und zumindest bis heute eine gelungene Fortschreibung der Erfolgsstory des Handballs in Möhringen nicht mehr zu erwarten ist.
Der Handballsport in Möhringen – ein Sonderfall
In der Natur folgen das Auf und Ab, das Geboren werden, das Aufwachsen, das Absterben und die Wiederkehr bestimmten Naturgesetzen. Schicksalsstunden kommen und gehen. Wer einen Gipfel besteigt, muss sich bewusst sein, dass es auch einen Abstieg gibt.
In gewisser Weise haben der Auf- und Abstieg, die Blütezeit und der Zerfall der Blüte des Handballs beim SV Möhringen etwas Natürliches an sich. Doch waren dabei nicht Naturgesetze im Spiel, sondern die mächtigen Gesetzmäßigkeiten des modernen Hochleistungssports hatten es sehr wahrscheinlich erscheinen lassen, dass eine Mannschaft, die sich selbst als einen „Sonderfall“ im deutschen Hochleistungshandball definiert hatte, einen aussichtslosen David-Goliath Kampf führt, wenn sie sich diesen Gesetzmäßigkeiten nicht unterwirft.
Nicht nur im Fußball „schießt Geld Tore“. In allen Olympischen Sportarten entscheiden heute die vorhandenen Finanzen über die möglichen Erfolge. Management, Sponsoring, Marketing, PR und Promotion sind Bausteine für den sportlichen Erfolg. Professionalisierung und Modernisierung sind die Gebote der Stunde.
All diese „Errungenschaften“ waren und sind beim SV Möhringen in seiner 50-jährigen Handball Geschichte nie oder nur sehr zaghaft angekommen. Eine herausragende Persönlichkeit, die für den Erfolg des Möhringer Handballsports verantwortlich zeichnete, Bernd Mühleisen, hatte sich sehr bewusst und mit guten Gründen einer Kommerzialisierung seines von ihm geliebten Handballspiels entgegengestellt.
Bernd Mühleisen hat 260 Namen von Spielern in seinem Archiv aufgelistet, die in den letzten 50 Jahren in aktiven SVM Mannschaften Handball gespielt haben. Die Namen reichen von Rudi Appel bis zu Ingo Ziller, von Günther Heger bis zu Wolf Dieter Rössner von Arnolf Dümmel bis zu Helmut Frömer, von Hermann Mäuerle bis zu Jürgen Matzen, von Heinz Reinhard bis zu Wolfgang Schall, von Volker Stock bis zu Hermann Sturm. Die erwähnten Namen wurden von mir sehr bewusst ausgewählt. Die beiden ersten stehen für die zahllosen von A bis Z reichenden einheimischen „Gewächse“ des SVM, die anderen für jene Spieler, die von „außen“ kamen und für die Mannschaften des SV Möhringen eine wesentliche Verstärkung bedeuteten. Keiner der 260 Spieler, die Zeit der Gründung der Handballabteilung des SV Möhringen für diesen Verein gespielt haben, war jemals vertraglich an den SV Möhringen gebunden. Keiner wurde bezahlt. Selbst in den besten Zeiten wurden den auswärtigen Spielern nur die Reisekosten erstattet. Es gab keine Torprämien und keine Sieg- und Aufstiegsprämien. Ideell belohnt wurden jedoch alle Spieler der Handballabteilung durch die selbstlose und äußerst engagierte Arbeit von Abteilungsleitern wie Lothar Scheffel, Dieter Mühleisen und Jochen Ebert. Ihr Training wurde geplant und durchgeführt von Trainern wie Peter Schöwe, Dieter Rossbach uns allen voran von Bernd Mühleisen, die bei ihrem gut vorbereiteten und klug geplanten Training als Autodidakten höchstes Niveau erreichten und ihr Training sowohl theoretisch als auch praktisch-methodisch immer auf der Höhe der Zeit gewesen sind. Die größte ideelle Belohnung war jedoch die Kameradschaft und Freundschaft, die Bernd Mühleisen von jedem erwartete, der sich bereit erklärt hatte, sich einem Handballsport anzuschließen, wie ihn Bernd Mühleisen für sich und für seinen SV Möhringen definiert hatte.
„Bei uns fragte niemand nach Geld“, sagte Bernd Mühleisen in einem Interview mit einer Stuttgarter Zeitung. „Wichtig waren allein der Zusammenhalt und der Spaß am Handball“. Seine Aussage wurde von der Journalistin, die ihn interviewt hatte, mit dem Zusatz „ein bisschen altmodisch vielleicht“ kommentiert. Um „Moden“, ob alt oder neu, hat sich allerdings Bernd Mühleisen nie gekümmert. Ihm ging es vielmehr um Prinzipien, und wer die Auswüchse des modernen Hochleistungssports in diesen Tagen beobachtet – die dabei vorherrschende Geldgier, die immer weiter um sich greifende Korruption, die Manipulation von Spielausgängen, das Dopingproblem, die Sensationslust der Medien – dem stellt sich die Frage, ob Bernd Mühleisen diese Gefahren bereits vor einem halben Jahrhundert vorhergesehen hat und er sehr genau gewusst hat, wodurch die positiven Werte eines pädagogisch wertvollen Sports bedroht werden.
Für ihn war dabei das Feldhandballspiel mindestens ebenso wertvoll wie das von ihm heiß geliebte Handballspiel in der Halle. Denn im Feldhandball konnte vieles von dem weiter gepflegt werden, was Bernd Mühleisen wichtig gewesen ist. Die späteren Möhringer Erfolge im Feldhandball wurden von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Doch zählen Sie zu den schönsten und wertvollsten, wenn wir die Geschichte des Möhringer Handballs in dessen Gesamtheit wahrnehmen.
„Mehr als 500 Besucher kamen1985 nach Rechberghausen, um dem württembergischen Endspiel beizuwohnen, das der TV Börtlingen und der SV Möhringen zu bestreiten hatten. Mit 19:17 Toren gewann Möhringen nach 1967 wieder einen der höchsten Titel des württembergischen Handballs. Das erstaunliche an diesem Erfolg ist, dass ihn eine Mannschaft errungen hat, die ein Durchschnittsalter von nahezu 40 Jahren aufwies, was in Handballkreisen ein erhebliches Aufsehen erregte. Es war nicht nur die Tatsache, dass es sich dabei um die älteste Mannschaft der ganzen Spielrunde handelte. Beachtung fand viel mehr die Art und Weise, wie sich die Spieler um Bernd Mühleisen, Günther Hegar, Wolfgang Schall, Karl-Heinz Wolf und Dieter Schuh gegen ihre Kontrahenten behaupteten. Man sah die Überlegenheit einer alten „Feldhandball- Schule“, die beim SVM Tradition hatte und mit der sich die Möhringer Mannschaft, dank vieler Spielzüge, gelungener Einzelaktionen und einer stabilen Abwehr immer wieder Vorteile gegenüber läuferisch stärkeren jüngeren Spielern verschaffte“.
Zum gelungenen Bericht über das württembergische Großfeldfinale zwischen dem Staufenmeister TV Börtlingen und dem Stuttgarter Meister SV Möhringen angemerkt, dass bei diesem Spiel mit Vater und Sohn zwei Generationen das Handballspiel von Möhringen bereicherten. Martin Mühleisen war dabei ebenso wie Bernd Mühleisen mit jeweils vier Toren erfolgreich.
Seinem Bericht über das Spiel fügte der Reporter noch einen Satz hinzu:
„Wer etwas über die Härte im modernen Hallenhandball weiß, dem wurde durch den Erfolg des SVM gezeigt, wie unterschiedlich eine Sportart sein kann, die in Halle und Feld ausgeübt werden kann, solange im Freien Spielwitz und ein gutes Auge noch so zum Zuge kommen, ist ein Feld- Handballspiel allemal zum Anschauen interessant“.
Diese Überzeugung wurde von allen Möhringer Handballern geteilt und sie wurde mit dem Hinweis ergänzt, dass neben dem Spiel auch die dritte Halbzeit wichtig ist. In ihr kommen eine Kameradschaft und Freundschaft zum Ausdruck, wie sie für die Handballmannschaften des SV Möhringen während ihrer mehr als 50-jährigen Existenz geradezu typisch gewesen ist. Pfingstausflüge, Fahrradtouren, Bergbesteigungen, gemeinsame Urlaubsreisen gehören ebenso dazu wie der wöchentliche Stammtisch, die Besuche des Stuttgarter Volksfestes, ein regelmäßiges Treffen in den besten Stuttgarter Weinstuben und ein mehrtägiger gemeinsamer Saison Abschluss.
Der rasante Aufstieg des Hallenhandballs und der nicht aufzuhaltende Niedergang des Feldhandballs, bildeten den Rahmen der Sportlerkarriere von Bernd Mühleisen. Einige Kritiker, auch aus den eigenen Reihen, glaubten, dass der Wertekanon, dem Bernd Mühleisen sich verpflichtet fühlte, aus der Zeit gefallen sei und es ihm zuzuschreiben sei, dass in Möhringen die Zeichen der Zeit nicht erkannt wurden.
Dabei sind genau jene gesellschaftlichen Werte, denen sich Bernd Mühleisen verpflichtet fühlte, heute wichtiger denn je.
Es lohnt dabei sich auch noch einmal den Abschied von Bernd Mühleisen aus der Handball Nationalmannschaft vor Augen zu halten, der damals von vielen als zu früh empfunden wurde. Doch lesen wir den Abschiedsbrief seines Freundes Hans Herbert Schoedel, den dieser im Februar 1967 in der „Deutschen Handball Woche“ an Bernd geschrieben hat, so wird einem bewusst, welch außergewöhnlicher Persönlichkeit der Möhringer Handballsport seine 50-jährige Geschichte zu verdanken hat.
„Der Nationalmannschaft gehst du leider verloren zusammen mit unserem gemeinsamen Freund Fritze Barth…Solchen plötzlichen Aderlass wird Werner Vicks Truppe gewaltig zu spüren bekommen. Dennoch ist dein Schritt, den du unternommen hast, zu einem Zeitpunkt, der der freien Willensbestimmung eines jeden Menschen überlassen bleiben muss – dennoch also ist dieser Schritt keineswegs etwa eine „Fahnenflucht“, wie man annehmen könnte, wer sich in der gegebenen Situation nicht auskennt. Du hast die Begründung für deinen Rücktritt sehr überlegt formuliert, weil du – da müsstest du halt „koi Schwob“ sein – auch und gerade solch einschneidende Veränderungen in deinem Leben zuvor reiflich zu durchdenken pflegst. Du hast nämlich davon gesprochen, dass der Bundestrainer auf weite Sicht planen und deshalb jetzt schon die „neue“ Nationalmannschaft aufbauen müsse, die Deutschland bei der nächsten Hallenhandball- Weltmeisterschaft 1969 in Frankreich und – nicht weniger wichtig – drei Jahre später bei den Olympischen Spielen in München vertreten soll. Diese Einstellung zu einem wirklichen Problem ehrt dich. Sie entspricht so ganz deinem ehrlichen, aufrichtigen und dabei so bescheidenen, zurückhaltendem Wesen, das schon immer dem „Wir“ verhaftet ist und das ein „Ich“ nicht zu kennen scheint.
Bei aller Wehmut, die Werner Vick in erster Linie, die aber auch deine Kameraden aus der Nationalmannschaft bei deinem Abschied empfunden haben, klingt ein Dank an dich durch – für den mannhaften Entschluss, den Weg freizumachen. Für junge Talente, aus denen ein Weltmeisterschafts- und Olympia Team nun einmal geformt gehört. In jahrelanger geduldiger Arbeit, wie wir alle wissen…
Wir verlieren Dich trotzdem höchst ungern, Bernd das musst du dir in der Stunde des Abschieds schon sagen lassen. Du warst nun einmal nicht nur der Senior, mithin rein altersmäßig eine Respektperson, die am 26. Juni dieses Jahres 29 Lenze auf dem Buckel haben wird. Du warst ein prima Kumpel, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, ein „aständigs Maale“, wie man im Schwabenländle zu sagen pflegt. „A Kerle“! Vom Können des Handballspielers Bernd Mühleisen braucht in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht die Rede zu sein. Dein schönstes Länderspielerlebnis, das Dortmunder 12:7 über die Tschechoslowakei am 23. März 1963, wo deine drei Treffer erheblichen Anteil am überraschend deutlichen Erfolg …hatten und mit deinen drei Treffern gegen Erik Holst (Dänischer Nationaltorhüter) am vorletzten Freitag in der „trampelnden“ Friedrich Ebert Halle sahst du einen heimlichen Herzenswunsch erfüllt, der dich ausnahmsweise ja doch einmal als Egoisten erscheinen lassen könnte. Du hast damit bei insgesamt 172 Toren in deinem 58. Länderspiel, den großartigen, meines Wissens lediglich von Herbert Lübking übertroffen „Schnitt“ von drei Treffern pro Spiel gehalten… Nicht zuletzt diese Zuverlässigkeit auch im Tore werfen sieht dich in der ewigen Bestenliste heute hinter Herbert Lübking und Hinni Schwenker auf dem dritten Rang.
Sei mir nicht bös, Bernd, dass ich noch etwas an die große Glocke hänge. Du weißt es natürlich, aber mancher Leser der Deutschen Handballwoche vielleicht nicht! Du bist bei drei Weltmeisterschaften dabei gewesen. 1961,1964 und 1967. Auch das ist ein Beweis für konstante Form, erworben durch sportlich vorbildliches Leben lieber Freund: darauf darfst du stolz sein…“
Letzte Bearbeitung: 2. September 2025