
Reihe: „Mein Verein – Portrait 3 …“
Vorbemerkung:
Die Reihe „Mein Verein – Portrait …“ in Prof. Dr. Helmut Digels sportwissenschaftlichen Internetmagazin „sportnachgedacht. de“ machte uns neugierig, hatten wir doch selbst erst im Jahre 2023 das 175jährige Jubiläum unseres Vereins gefeiert und in diesem Zusammenhang auch eine – wie wir meinen – lesenswerte „Festschrift“ erstellt.¹ Warum also diese Gelegenheit nicht nutzen, um auf dieser Grundlage auch einen Beitrag für eine noch größere sportinteressierte Öffentlichkeit zu erarbeiten? Schnell haben wir allerdings erkannt, dass der übliche Seitenumfang bisheriger Veröffentlichungen in „sportnachgedacht.de“ wohl kaum ausreichen wird, die 175 jährige Geschichte unseres Vereins auch im Kontext politischer, gesellschaftlicher und natürlich auch sportlicher Entwicklungen angemessen darzustellen. Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Digel konnte Einvernehmen erzielt werden, unseren geplanten Beitrag in zwei „Teilen“ vorzulegen:
- In Teil I soll die Vereinsentwicklung in den Jahren der Gründerzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs,
- in Teil II die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute nachgezeichnet werden.
Teil I
Die Gründung des Turnvereins fällt in eine unruhige Zeit

Aufgebrachte Bürger am 4. März 1848 auf dem Schlossplatz in Wiesbaden
Die Dokumentenlage zu den Anfängen des Turnvereins in der damals noch selbstständigen Landgemeinde Dotzheim ist äußert dürftig. Der Verein selbst verfügt über keine Originalschriften aus dieser Zeit. Entweder sahen sich die ersten von der Turnbegeisterung ergriffenen Dotzheimer nicht veranlasst Mitgliederlisten und Niederschriften zu ihren Vorhaben und offiziellen Beschlussfassungen zu erstellen, oder aber vorhandene Schriftstücke sind aufgrund widriger äußerer Umstände verloren gegangen. Und an solchen Umständen mangelte es in der langen, wechselvollen Vereinsgeschichte nicht. Denken wir z.B. nur an die kriegs- und nachkriegsbedingte Fremdnutzung der vereinseigenen Gebäude in den 1910er und 1920er Jahren. Daher müssen wir bei den Ausführungen zu den ersten Jahrzehnten der Vereinshistorie auf die Berichte späterer Generationen zurückgreifen. Besonders beziehen wir uns auf die Texte des langjährigen Vereins- und Ehrenvorsitzenden Wilhelm Schuler in der von Philipp Dembach 1912 herausgegebenen Ortschronik „Dotzheim in Wort und Bild“ und auf weitere von Schuler anlässlich von Vereinsjubiläen erstellte Schriften, sowie auf Bernd-Michael Neeses zweibändige Dokumentation über die „Turnbewegung im Herzogtum Nassau in den Jahren 1844 bis 1871“.
Wilhelm Schuler nennt die Tage „kurz vor den 1848er Ereignissen“ als den Zeitraum, in dem sich der Turnverein gründete. Er beruft sich dabei auf ausführliche Gespräche mit den Dotzheimer Bürgern Philipp Rossel („Nagelschmieds Philipp“) und „Gemeindediener“ Karl Birk, die beide selbst das Jahr 1848 und die damit einhergehenden revolutionären Ereignisse miterlebt haben und die dem Autor glaubhaft die Richtigkeit dieser zeitlichen Verortung der Vereinsgründung bestätigten.
Wenn wir die damaligen lokalen Dotzheimer Gegebenheiten in Verbindung bringen mit den landesweiten politischen Gärungsprozessen, mit den massiven Aufgeregtheiten in fast allen gesellschaftlichen Schichten, mit der offen formulierten Unzufriedenheit in großen Teilen der städtischen wie auch der Landbevölkerung, dann erscheint das Geschehen rund um die Gründung und in den Anfangsjahren des Dotzheimer Turnvereins sehr plausibel. In diesen Tagen ab Mitte der 1840er Jahre ist revolutionäre Stimmung allgegenwärtig. Landauf und landab stehen die Freiheitsrechte des einzelnen Bürgers und die Beschneidung oder gar Abschaffung sämtlicher Adelsprivilegien im Focus. Ebenso leidenschaftlich wie gegensätzlich wird über die zukünftige Regierungsgestaltung, Monarchie oder Republik, und angesichts der klein- bzw. vielstaatlichen Gemengelage auch über die Frage der Nationalstaatlichkeit debattiert. Und dies nicht nur in elitären politischen Zirkeln. Zudem hat sich die wirtschaftliche Situation in weiten Teilen der Bevölkerung drastisch verschlechtert, bis hin zu Hungersnöten und anderen existenziellen Bedrohungen. Auslöser für die Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze sind u.a. Missernten in kurzer zeitlicher Folge und entscheidende Veränderungen der Arbeits- und Erwerbswelt durch den rasanten Anstieg des Einsatzes von Maschinen.

Blick über Dotzheim und auf das 1895 eingeweihte „Turnerheim“ mit Festsaal
Wenden wir den Blick wieder auf Dotzheim und seine Einwohnerschaft, die um die Mitte des 19. Jh. von rund 900 Menschen im Jahr 1830 sprunghaft auf knapp unter 1.500 angestiegen ist. Dieser bedeutende Zuwachs in relativ kurzer Zeit ist u.a. dem Zuzug von „Auswärtigen“ geschuldet, die in den Ziegeleien in Richtung Biebrich/Schierstein, in den Steinbrüchen im „Weilburger Tal“ und besonders auf den zahlreichen
Großbaustellen im nahen Wiesbaden arbeiten. Für diese Menschen ist bezahlbarer Wohnraum in der aufstrebenden Residenzstadt unerschwinglich, so dass sich in Dotzheim, wie auch in anderen umliegenden Landgemeinden, neben den seit Generationen ansässigen grundbesitzenden Bauernfamilien, zunehmend Bauhandwerker, Gewerbetreibende und Händler ansiedeln. Damit erweitert sich der Gebäudebestand Dotzheims nicht nur im engeren Ortsbering, sondern zunehmend auch in Richtung der Ausfallstraßen. Der Mitte der 1830er Jahre in Angriff genommene Ausbau des Fußweges zwischen Dotzheim und Wiesbaden zu einer befestigten „Chaussee“ trägt erheblich zur Erleichterung und damit zur Zunahme des Personen- und Warenverkehrs zwischen den beiden Ansiedlungen bei, sowohl für die Fußgänger als besonders für die bespannten Fuhrwerke. Die verbesserte Verkehrsverbindung findet ihren Niederschlag auch im Hinblick auf die Aktualität des gegenseitigen Informationsaustausches.
Die zahlreichen Dotzheimer Bauhandwerker und Gewerbetreibenden, die mit ihrer Arbeitsleistung wesentlich zum raschen Anwachsen des privaten wie öffentlichen Gebäudebestands der Nassauer Residenzstadt beitragen, werden sich wahrscheinlich bei Begegnungen mit den „Städtern“ nicht nur über Geschäftliches oder über Alltagssorgen ausgetauscht haben, denn auch in Wiesbaden ist in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre die Aufbruchsstimmung überall zu spüren. So wird sicher auch die Turnbewegung und das öffentliche Auftreten ihrer Protagonisten Gegenstand von Gesprächen gewesen sein, zumal in Wiesbaden bereits seit 1846 ein Turnverein aktiv und präsent ist, der u.a. Ende September 1847 zur Mitgliederwerbung ein öffentliches Schauturnen veranstaltete. Die Turnbewegung hatte also in Wiesbaden wie auch in der Region, z.B. in Biebrich und Eltville, bereits Wurzeln geschlagen.
Bei den unmittelbaren Ereignissen vor dem Wiesbadener Schloss am 04. März 1848 befanden sich ohne Zweifel in der protestierenden Menschenmenge, nach offiziellen Angaben um die 30.000 Personen, auch Dotzheimer Bürger. Ausgerüstet mit Flinten, Sensen, Heugabeln und sonstigen „Waffen“ sorgte die aufgebrachte Menge auf dem Schlossplatz und in den Seitengassen für eine hoch brisante Stimmung, vielfach voran die Turner, denen durchaus der Ruf vorauseilte, eher zu den radikalen Kräften zu gehören.
Möglich erscheint in diesen Tagen sogar eine persönliche Begegnung zwischen Friedrich Ludwig Jahn und Gründungsmitgliedern des Turnvereins Dotzheim, wenn auch nur aus der Distanz. Der „Turnvater“, gewähltes Mitglied der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, unternahm Anfang April 1848 eine Rheinreise und besuchte dabei bereits bestehende Turnvereine. In Wiesbaden logierte Jahn im „Badehaus Vier Jahreszeiten“. Zu seinen Ehren wurde ein feierlicher Festzug durch die Stadt veranstaltet, der auf breites öffentliches Interesse stieß und Einfluss auf neue Vereinsgründungen nahm.

Jahn: Bild aus dem Jahr 1848
Die öffentlichen Aktivitäten des neu gegründeten Dotzheimer Turnvereins bleiben in der Anfangszeit wohl recht bescheiden und erregen keine besondere Aufmerksamkeit im Ort. Der Verein tritt auch zunächst keinem der regionalen Turnverbände bei.
Nach dem Scheitern der Nationalversammlung gewinnt mit Beginn der 1850er Jahre die „Reaktion“ politisch wieder deutlich die Oberhand. Von Regierungsseite werden die den Bürgern eingeräumten Freiheitsrechte stark beschnitten und die Befugnisse von Verwaltungsbürokratie und Polizei gestärkt. Die negativen Auswirkungen auf das Vereinsleben lassen nicht lange auf sich warten: Der Übungsbetrieb der Turner wird streng überwacht und muss am Ende eingestellt werden, die Turngeräte und sonstige Vereinsutensilien verschwinden in Verstecken oder ganz.
Zur Situation in Dotzheim entnehmen wir einem Schreiben des Bürgermeisters Hartmann vom Januar 1852 an das Herzogliche Kreisamt, dass der Turnverein wohl seit Mitte 1851 nicht mehr existiert: „Ein dahier bestandener Thornverein hat sich vor einiger zeit aufgelößt“.
Diese amtliche Feststellung entspricht (wahrscheinlich) nicht ganz den Tatsachen. Die Dotzheimer Turner zeigen sich in den nächsten Jahren wegen der massiven Beobachtung und Verfolgung durch die Organe der Obrigkeit zwar weniger in der Öffentlichkeit, sie bleiben aber konspirativ aktiv. Allerdings richtig fest verankert scheint die Turnbewegung im Ort noch nicht, denn regelmäßige und beständige Vereinsarbeit ist erst ab 1867 eindeutig zu erkennen. Die Jahre dazwischen erleben die Turner als ein Hin und Her zwischen Auflösen und Neustarten von Vereinsaktivitäten.
Der Dotzheimer Turnverein schließt sich dem regionalen Turnverband an und nimmt nachweislich an den Bezirksturntagen 1861 in Wiesbaden teil. Doch bereits im Spätsommer 1862 stellt der Verein wegen interner Querelen seine Aktivitäten wieder ein und kommt seinen Verpflichtungen gegenüber der Verbandsvertretung nicht mehr nach. Ein Jahr später finden sich erneut einige Turnbegeisterte zusammen und üben in den Sommertagen regelmäßig auf dem „Turnplatz“.
Das Ergebnis der Wahlen im Dezember 1863 verspricht für das Turnwesen im Herzogtum weiteren Aufschwung und Stabilisierung. In der Zweiten Kammer kehren sich die parlamentarischen Verhältnisse ins politische Gegenteil um, die Fortschrittspartei erringt knapp Dreiviertel der Sitze. Allerdings erweisen sich die in den Jahren 1864 und 1866 folgenden Kriegsereignisse und die damit verbundenen krisenhaften Veränderungen, allgemein wie politisch, als äußerst nachteilig für kontinuierliche und erfolgreiche Vereinsarbeit. Besonders in Verbindung mit dem sog. „Bruderkrieg“ von 1866, in dessen Folge das Herzogtum Nassau von Preußen annektiert wird, werden die Aktivitäten der Vereine vorübergehend wieder deutlich eingeschränkt, wenn nicht gar gänzlich blockiert. In dieser wenig stabilen Gesamtlage sind wohl auch die Gründe zu suchen, warum der Turnverein Dotzheim erst im 3. Statistischen Jahrbuch der „Deutschen Turnerschaft“ unter dem Datum 12. September 1867 erstmalig gelistet wird. Demnach nehmen Dotzheims „Jahnjünger“ im Jahr 1867 erneut mit Elan, Leidenschaft und Zuversicht Anlauf, um gemeinsam im Verein ihrer Begeisterung für körperliche Ertüchtigung, geselliges Beisammensein und patriotische Gesinnung nachzukommen.
In den Folgejahren entwickelt sich der Turnverein Dotzheim zu einem verlässlichen Partner des im Mai 1862 gegründeten „Turngaus Süd-Nassau“.
Zur Geschichte des TuS Wiesbaden-Dotzheim1884 e.V. muss aber zugleich auch ein „Seitblick“ auf das sich in den Anfangsjahren und bis 1945 entwickelnde „sonstige Sportgeschehen“ im Ort gerichtet werden. Hier sind insbesondere Neugründungen zu nennen, die auf die „Arbeiter-Turn- und Sport-Bewegung“ zurückgehen und solche, die durch die aus England kommende „Sportspiel-Kultur“ ausgelöst werden. Im Rahmen dieses Beitrags kann aber nur in Kurzfassung auf die Anfangsjahre dieser Neugründungen eingegangen werden, wenngleich sie für die historische Betrachtung des Vereins für die Zeit nach 1945, des dann „TuS Wiesbaden Dotzheim 1848 e.V.“, bedeutsam sind.
1848 Gründung des „Turnvereins Dotzheim“, wahrscheinlich im Nachgang zu den „März-Ereignissen“.
1851 In Folge der politischen Bedingungen zu Beginn der 1850iger Jahre sieht sich der Vereinsvorstand genötigt, kursierenden Verdächtigungen öffentlich in der Presse zu entgegnen und erklärt, dass der Vereinszweck „nur auf körperliche Uebungen und Geschmeidigkeit hinzielt.“ Um die Jahresmitte stellt der Verein seine Aktivitäten ein. Die Mitglieder verstecken die Turngeräte, einzelne entziehen sich den staatlichen Repressalien durch Flucht, andere turnen wohl im Geheimen weiter.

1861 Neugründung des „Turnvereins Dotzheim“, dessen Existenz durch die Entsendung von Vereinsvertretern zu den Bezirksturntagen in Wiesbaden schriftlich belegt ist. In diesem Gremium wird in der September-Sitzung die Stiftung eines tonnenschweren Gesteinsbrockens für das Jahn-Denkmal auf der Hasenheide/Berlin beschlossen. Die Namen aller an der Stiftung beteiligten Vereine des Bezirks werden in den Felsblock aus Taunusschiefer eingeschlagen, so auch der Name Dotzheim.
1862 Unstimmigkeiten unter den Mitgliedern führen zu Beginn der 2. Jahreshälfte zum Einstellen der Vereinsarbeit. Aus diesem Grunde bleiben die Dotzheimer Turner auch den fest vereinbarten Spendenbeitrag für das Jahn-Denkmal schuldig.
1863 Im Sommer beginnen 19 „Jahnjünger“ auf ihrem „Turnplatz“ wieder mit dem Übungsbetrieb. Von den Verantwortlichen des Bezirks wird das Aufleben der Vereinsarbeit in Dotzheim wohlwollend registriert. Der Verein, mittlerweile bereits über 30 Mitglieder zählend, feiert im November die Weihe seiner ersten Fahne, ausgeführt in den Farben schwarz-rot-gold, und beteiligt sich aktiv an Veranstaltungen des Bezirks. Leider verschwinden mit einem auswandernden Vereinsmitglied auch Vereinsutensilien aus dieser Zeit unwiederbringlich nach Amerika.
1864 Feier des Stiftungsfestes im Juni und Pfingstausflug gemeinsam mit Turnern aus Schierstein und Niederwalluf.
1867 Nachdem zwischen 1864 und 1866 die Vereinsarbeit wiederum stark stagnierte, kann von den 29 Mitgliedern ein neuer Vorsitzender gewählt werden.
1869 Turnfest auf dem Dotzheimer „Turnplatz“ mit benachbarten Vereinen, anschließend Festumzug und Festball im Gasthaus „Zur Krone“.
1875 Auf dem Freigelände, das 1895 als Bauplatz für das heutige „Turnerheim“ dient, veranstaltet der Turngau Süd-Nassau mit Unterstützung der Dotzheimer Turner seinen 2. Bezirksturntag. Diese jährlich abgehaltenen Veranstaltungen sind Vorläufer der heutigen „Gauturnfeste“, bieten Einblicke in die jeweils aktuelle turnerische Arbeit und dienen dem Erfahrungsaustausch. Um den Turnbetrieb wetterunabhängig ausüben zu können, erstellen die Turner eine einfache überdachte Halle mit „Turnplatz“. Die dazu notwendigen Rodungs- und Erdaushubarbeiten am „Ziegenküppel“ nehmen sie ebenso wie die Bauarbeiten selbst in die Hand. Heute befindet sich dort eine größere Wohnanlage.
1881 Die Mitgliederzahl überschreitet mit 59 Turnern das halbe Hundert.
1884 Innerhalb des Turnvereins bildet sich eine erste „Vereinsmusikgruppe“, zunächst bestehend aus „Pfeifern“ und „Trommlern“. Später kommt eine Gesangsabteilung hinzu, die allerdings nicht lange Bestand hat.
1885 Auf der „Bubenhäuser Höhe“ in Rauenthal (Rheingau) findet das erste „Bergturnfest“ statt, an dem auch Dotzheimer Turner teilnehmen.

Urkunde vom Musterriegenturnen und zur Fahnenweihe 1886
1893 Um die Regelmäßigkeit des Turnstundenbesuchs zu gewährleisten wird der entsprechende Paragraf der Vereinssatzung zur Anwendung gebracht, der den Ausschluss von Mitgliedern bei unbegründetem Fernbleiben vorsieht. Das Ergebnis ist allerdings kontraproduktiv.
1895 Einweihung der neuen Turnhalle am 14. Juli, das heutige „Turnerheim“. Weil eigene Finanzmittel fehlen, nimmt der Turnverein dankbar das Angebot eines Mitgliedes an, für die Baukosten der Anlage aufzukommen.
1897 Wegen Zahlungsschwierigkeiten des Besitzers übernimmt die Brauerei „Walkmühle“ das Anwesen „Turnerheim“ und setzt ihren Mitarbeiter Jakob Rück als Pächter ein. Vertraglich wird dem Verein das Recht eingeräumt, die Gebäude nach Ablauf einer festgelegten Zeit zurückkaufen zu können.
Wiederum werden zahlreiche Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen, weil sie nicht regelmäßig am Turnbetrieb teilnehmen. Die alte Turnhalle wird auf Abbruch veräußert. Der „Turnplatz“ wird nicht mehr als solcher genutzt und verwildert zusehends
1898 Der Verein feiert das 50-jährige Gründungsjubiläum und beteiligt sich erfolgreich am „Musterriegenturnen“ des Turngaues Süd-Nassau. Im Jubiläumsjahr ist die Zahl der Mitglieder auf 217 gestiegen.

Grußkarte vom „Turntag“
Es ist um die Jahrhundertwende ein allgemein zu beobachtendes Phänomen: Hinter den prächtig herausgeputzten Fassaden der „Wilhelminischen Zeit“ beginnt es zu rumoren. Allenthalben werden soziale, gesellschaftliche oder weltanschauliche Fragen aufgeworfen, entsprechende Konflikte und Veränderungen bleiben nicht aus. Dies findet seinen Niederschlag auch in der Vereinswelt der Körper- und Bewegungskultur.
Hatte der 1848er Turnverein bis zum Ende des 19. Jh. bei den Einwohnern Dotzheims bezüglich deren körperlicher Ertüchtigung ein Alleinstellungsmerkmal, so verliert er diese Position in der ersten Dekade des 20. Jh. Die Einstellung der Menschen zum eigenen Bewegungsverhalten, zu den Inhalten und Darbietungsweisen des Übungsangebotes verändert und erweitert sich. Der an Traditionen orientierte Turnverein dieser Zeit sieht seine Hauptaufgabe weniger darin, einen einzelnen seiner Mitwirkenden zu sportlichen Rekorden und Höchstleistungen zu bringen. Ausgewiesenes Ziel ist es dagegen, eine gute körperliche Ausbildung der gesamten Gruppe der aktiven Turner anzustreben. Ein vorgeschriebener Kanon an dazu geeignet erscheinenden Bewegungsformen und Übungsfolgen, vorgetragen und umgesetzt nach deutlich am militärischen „Drill“ orientierten Mustern, erscheint als am besten dafür geeignet. Auch in den Reihen des Turnvereins Dotzheim und bei anderen Dotzheimer Bürgern wird zu Beginn des 20. Jh. diese eindimensionale Sichtweise in Bezug auf Körperertüchtigung, Bewegungskönnen und Bewegungsleistungen, besonders aber der nach strengen Regeln ablaufende Übungsbetrieb, Anlass zu Diskussionen gegeben haben. Ob dies bei den betroffenen Turnern auslösend oder gar mit entscheidend für ihren Vereinsaustritt nach dem Besuch des Feldbergfestes 1902 war, wissen wir nicht genau.
Als Folge der Industrialisierung hat in Deutschland zum Ende des 19. Jh. das Mitgliederpotential aus „proletarischen Gesellschaftsschichten“ für die Turnvereine deutlich zugenommen. Gerade diese „neue“ Klientel begeistert sich besonders für die aus England kommende Sportspiel-Kultur, der die an Traditionen orientierten Turnvereine zunächst mit Skepsis und Ablehnung begegnen. Dennoch verbreitet sich auch bei uns zusehends „soccer“, die englische Art des Fußballspielens. Zwar gab und gibt es bei den Turnern im Rahmen der Turnspiele bereits das „Kreisfußballspiel“, dieses hat jedoch wenig Gemeinsamkeiten mit dem neuen englischen Sportspiel. Gewinnen oder verlieren, Sieg oder Niederlage, das ist die mit diesem Sportspiel verbundene Intention, wogegen beim Turnspiel „Kreisfußball“ die Freude an der gelungenen körperlichen Aktivität innerhalb einer Gemeinschaft von Spielenden im Vordergrund steht.
Die „englische“ Sportspielidee bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Spiele der Turner. In deren Spielangebot entwickeln sich ebenfalls solche Spielformen, denen das Überbietungsprinzip zugrunde liegt, z.B. beim Faustballspiel – so auch in unserem Verein.

Die politische Situation nach dem Abgang des Reichskanzlers Bismarck und die Aufhebung des sog. Sozialistengesetzes im Jahre 1890 eröffnet für die Arbeiterbewegung neue Möglichkeiten zum organisierten Zusammenschluss. Und das nicht nur in Bildungsvereinen oder parteipolitischen Interessengruppen, sondern auch in Vereinen, die die körperliche Ertüchtigung ihrer Mitglieder als vornehmste Aufgabe sehen. Im ganzen Land setzt eine breite Arbeiter-Turn- und Sport-Bewegung ein, deren Vereine sich dem im 1892 gegründeten Dachverband „Arbeiter-Turnerbund“ anschließen.
All diese genannten Tendenzen finden auch in der Vereinslandschaft Dotzheims ihren Niederschlag. Turner, Radfahrer, Kraftsportler und Fußballer erweitern und bereichern mit Vereinsneugründungen wesentlich und umfangreich die örtlichen Turn- und Sportmöglichkeiten: So der
- Radlerclub 1902 e.V.
- Turngesellschaft 1902 e.V.
- Kraftsportverein 1903 e.V.
- Arbeiter-Radfahrer-Bund „Solidarität“
- Radfahrer-Verein Dotzheim e.V.
- Arbeiterturnverein 1908 e.V.
- Verein der Sportfreunde 1910 e.V.

In unserem Beitrag muss aus „Platzmangel“ auf die durchaus nicht immer „gradlinige“ Entwicklung dieser Sportvereine in Dotzheim verzichtet werden. Allein der „Arbeiterturnverein 1908 e.V.“ soll wegen seines „gleichartigen“ Sportangebots – wenn auch mit unterschiedlicher Zielsetzung – aus jeweils aktuellen „Anlässen“ weiterhin betrachtet werden; auch Jubiläumsveranstaltungen der anderen Vereine sollen berücksichtigt werden.
Im Zuge der aufkommenden neuen „Sportbewegung“ fordern nun auch die Frauen von den Vereinsverantwortlichen mit Nachdruck „eigene“ Turnstunden. Mit einem spezifischen Angebot an Bewegungsaufgaben wollen sie – ebenso wie die Männer – ihre Begeisterung für körperliche Aktivitäten ausleben können.

Turnerinnen beim Rumpfrücksenken (farbige Autotypie, Arbeiterturnverlag Leipzig)

Frau am „Parallel-Barren“
In den Arbeiter-Turnvereinen ist eine gleichberechtigte Position von Frauen und Männern Grundsatz und Prinzip. In einigen wenigen Vereinen beginnt das aktive Turnen der Frauen bereits vor 1900. In dieser Beziehung fällt dem Dotzheimer Turnverein von 1848 nicht unbedingt eine Vorreiterrolle zu, wie wir unschwer aus dem 3 der Vereinsstatuten von 1905 zur Vereinsmitgliedschaft lesen können:
„Mitglied im Verein kann jede männliche Person über 14 Jahre werden“.
Im Turnverein Dotzheim 1848 e.V. treten Frauen als aktive Turnerinnen daher erst deutlich später auf den Plan. Wilhelm Schuler berichtet in seiner Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum von der Gründung einer „Frauenabteilung“ im Mai 1920 als der Abteilung, „die aus dem Vereinsleben nicht mehr hinweg zu denken ist.“ Frühere Versuche waren immer nur von kurzer Dauer.
1900 Der Turnverein Dotzheim startet mit 262 Mitgliedern ins neue Jahrhundert.
1902 Vereinsinterne Querelen im Nachgang zum „Feldbergfest“ führen zum Austritt von 18 Mitgliedern des 1848er Turnvereins. Sie gründen unter dem Vorsitz von August Rossel die „Turngesellschaft Dotzheim“. Das ist der Beginn der „freien“ Turnbewegung in Dotzheim. Die Turngesellschaft wählt als Vereinsheim und Übungsstätte das Lokal „Wilhelmshöhe“ auf dem Felsmassiv Steinkopf.

Grußkarte vom 54. Feldbergfest
1904 Der 1848er Turnverein ist Ausrichter des 29. Gauturnfestes. Die Veranstaltung findet auf dem Wiesengelände, das dem „Turnerheim“ gegenüberliegt, statt. Der Verein kann einen respektablen Reingewinn von 1.200 Mark erwirtschaften.

1908 Im Mai zelebriert der Turnverein Dotzheim 1848 e.V. mit großem Aufwand sein 60-jähriges Vereinsjubiläum. Eine Vereinsriege nimmt am 11. Deutschen Turnfest in Frankfurt mit einer Mustervorführung teil und erhält für ihre Darbietung das Prädikat „gut bis recht gut“.

Turnergruß zum
11. Deutschen
Turnfest in
Frankfurt am Main
Turner aus dem Dotzheimer „Arbeitermilieu“ schließen sich zur „Freien Turnerschaft“ zusammen. Als Vereinsheim dient ihnen in den Anfangsjahren das Gasthaus „Zum grünen Wald“; später erfolgt der Umzug ins Gast- und Gewerkschaftshaus „Zur Krone“.
1909 Erstes öffentliches Auftreten von aktiven Turnerinnen des Turnvereins Dotzheim 1848 e.V. bei der Jubiläumsfeier zum 10-jährigen Bestehen des Gesangvereins „Arion“ und beim Gauturnfest unter Leitung des Turnwartes Höhn mit einem „Flaggenreigen“.

1910 Wilhelm Schuler übernimmt die Leitung des Turnvereins Dotzheim 1848 e.V. und führt den Verein sachkompetent, umsichtig und erfolgreich bis ins Jahr 1932, unterbrochen in den Jahren 1923-1927, in denen Jakob Husar das Amt des 1.Vorsitzenden innehatte.
1912 Im Turnverein 1848 e.V. beginnt eine erste Schülerabteilung mit 35 Teilnehmern unter 14 Jahren den Übungsbetrieb.
1914 Im April schließen sich der „Kraftsportverein 1903“ und der „Fußballverein 1910“ zum „Sportverein 1910“ zusammen.
1914-1918 Das „Turnerheim“, Vereinsheim und Übungsstätte des Turnvereins 1848 e.V., kommt wegen unterschiedlicher kriegsbedingter Fremdnutzung und teilweise massiver Beschädigungen nicht mehr als Ort für regelmäßigen Turnbetrieb in Frage. Turnen muss im Freien, in Gaststätten oder bei Nachbarvereinen stattfinden. Trotz dieser Widrigkeiten gelingt es den Vereinsverantwortlichen, den Turnbetrieb aufrechtzuerhalten und mit den Aktiven auch weiterhin erfolgreich an Berg- und Gauturnfesten teilzunehmen. Dieser Zustand verbessert sich erst ab Juni 1919, wenn auch nur vorübergehend. Auch die sportlichen Aktivitäten der anderen Ortsvereine kommen kriegsbedingt mehr oder weniger zum Erliegen.
Die Dotzheimer Turn- und Sportvereine in der „Weimarer Republik“ und in der „NS-Zeit“
Von den sog. „Goldenen 20er Jahren“ fällt nicht viel Glanz auf Dotzheim. In Folge der prekären Erwerbslage sowohl in der Region wie auch im gesamten Reichsgebiet ist das Leben im Ort über viele Jahre geprägt von der wirtschaftlichen und finanziellen Not seiner Einwohner. Im Einzelfall kommt es sogar zu existenziellen Katastrophen, besonders häufig bei der „Talfahrt“ der Reichsmark im Jahr 1923 und nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Auch die in diesen Jahren immer wieder aufflackernden lokalen politischen Streitereien und Grabenkämpfe machen das dörfliche und private Zusammenleben nicht einfacher. Angefangen von separatistischen Bestrebungen zu Beginn der 1920er Jahre bis hin zu den massiven politischen Zwistigkeiten zwischen links- und rechtsorientierten Gesinnungsgruppen in den letzten Jahren der Weimarer Epoche.
Einen besonders dramatischen Einschnitt ins gesamte örtliche Vereinswesen bedeutet der Ausfall von Vereinslokal und Turnhalle des Turnvereins 1848 e.V. ab Sommer 1921. Die Anlage wird von alliierten Besatzungsmächten requiriert und zweckentfremdet genutzt. Der Übungsbetrieb kann nur unter größten Schwierigkeiten mehr schlecht als recht aufrechterhalten werden. Um den Sport in Dotzheim am Ende nicht völlig einstellen zu müssen, entschließen sich die Verantwortlichen 1925 zum Bau einer zunächst als „Notturnhalle“, später als „Festhalle“ bezeichneten Alternativen. Eine in Zeiten allgemeiner finanzieller Schwierigkeiten sicher nicht ganz risikofreie aber zukunftsweisende Entscheidung. Mit der neuen Halle und dem angeschlossenen Freigelände nehmen die Aktivitäten des 1848er Turnvereins wieder Fahrt auf.

„Turner-Heim“ mit „Restauration“ und „Turnhalle“ sowie einer „Jahn-Büste“ an der Hausfront

Zunächst als „Not- Turnhalle“ geplant, dann auch als „Festhalle“ genutzt

Theateraufführung in der Festhalle
Sportliche Erfolge stellen sich beim regelmäßigen Besuch der regionalen Turnfeste und bei Turnwettbewerben mit Nachbarvereinen ein. Der besonderen Pflege des geselligen Beisammenseins dient eine Vielzahl an Ausflügen und Wanderungen.
Am 1. April 1928 endet die Geschichte der selbstständigen Gemeinde Dotzheim. Der Ort mit seinen etwas mehr als 6.000 Einwohnern wird ein „Wiesbadener Stadtteil“.
Wie im gesamten deutschen Reichsgebiet verschärfen sich zum Ende der 1920er Jahre auch in Dotzheim die parteipolitischen Auseinandersetzungen, besonders zwischen den politisch radikalen Vertretern aus dem linken und dem rechten Spektrum. In der bis dahin als Hochburg der Linksparteien geltenden Gemeinde, dem „roten Dotzheim“, zeichnet sich zu Beginn der 1930er Jahre ein Anstieg des rechtsorientierten Wählerpotentials deutlich ab.
Diese politisch wie wirtschaftlich herausfordernde Zeitereignisse schlagen sich auch in der Arbeit der einzelnen Vereine und im gesamten Vereinsleben des Ortes nieder. Konkurrenzsituationen zwischen den „bürgerlichen“ Turn-und Sport-Vereinen und denen der Arbeiterschaft bleiben nicht auf den sportbezogenen Sektor beschränkt, sondern die gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Gegensätze sind allseits präsent und die damit einhergehenden Vorurteile bzw. festgefügten Meinungsbilder treten situationsbezogen offen zutage.
So bewertet in der „Turnerpost“, dem „Presseorgan“ des Turnvereins 1848 e.V., der Autor in seinem Bericht über das „1. Nassauer Jugendtreffen des Regierungsbezirks am 18. August 1929 in Limburg“ das Verhalten der sozialistischen Jugend als „trauriges Werk“, da diese durch ihr Auftreten, „durch übertriebene Anhäufung roter Fahnen, durch das herausfordernde Singen von Kampf- und Tendenzliedern, insbesondere der „Internationale“, dem völligen Fernbleiben bei den Wettkämpfen, hierfür marktschreierische Umzüge durch die Straßen Limburgs zur Zeit der Gottesdienste … den tieferen Sinn des Festes völlig zerschlagen“ habe.
Trotz aller Rivalitäten zwischen den einzelnen Turn- und Sportvereinen belegen die durchgängig sehr hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen, welche besondere Bedeutung Arbeit und öffentliches Auftreten der Turn- und Sportvereine Dotzheims gerade in Zeiten großer Not für das dörfliche Gemeinwesen und das Zusammenleben im Ort hatten. Wenige Beispiele sollen dies eindrucksvoll belegen:
Augenzeugen berichten, dass bei den zahlreichen Festumzügen der Vereine „fast der ganze Ort auf den Beinen“ ist und mehrreihig in den Straßen und Gassen jubelnd Spalier steht. 1500 Zuschauer ziehen zum Lokalderby zwischen den beiden Fußballvereinen Dotzheims auf den „Waldsportplatz Kohlheck“.

Arbeiterturnverein 1920 am „Steinkopf“
Der Besucherandrang zu den Weihnachtsmärchen des Turnvereins 1848 e.V. ist so groß, dass die Festhalle den Ansturm kaum bewältigt. Zuschauer bringen sogar den eigenen Stuhl mit. Ganz zu schweigen von den legendären, natürlich von der „Knüppelmusik“ begleiteten Wanderungen und Ausflügen, an denen nicht selten über 100 Personen teilnehmen. Bei der Wanderung zum „Grauen Stein“ und zum „Knusperhäuschen“ am 25. August 1929 zählen die Verantwortlichen des Turnvereins 220 Turnerinnen und Turner!

Die „Knüppelmusiker“
Im Protokollbuch des „Arbeiter-Turnvereins 1902“ werden im Bericht über das Stiftungsfest zum 30jährigen Vereinsjubiläum im Juli 1932 die Mitglieder des bürgerlichen Turnvereins als Besucher von der „gegnerischen Seite“, die „sonst nicht auf unseren Veranstaltungen zu sehen sind“ klassifiziert. Stolz ist der Protokollant auf die Tatsache, dass die „Bürgerlichen“ wohl überraschend feststellen mussten, „daß in einem Arbeiterverein Sauberkeit und Ordnung herrscht“, sowie dessen Disziplin zu „bewundern“ sei.

Der Regierungswechsel zu Beginn des Jahres 1933 wird von Vertretern des Turnvereins 1848 e.V., wie wir in entsprechenden Ausgaben der „Turnerpost“ lesen, „hoffnungsvoll und wohlwollend“ begrüßt. Verspricht der Wechsel doch den Rückgang der hohen Arbeitslosigkeit, ein Ende der finanziellen Notlage und Stabilität bzw. Sicherheit im gesellschaftlichen Zusammenleben.

Der 1848er Turnverein beschließt am 15. Deutschen Turnfest vom 21. – 1. Juli 1933 in Stuttgart teilzunehmen. Diese Veranstaltung, die von der neuen Regierung zur Selbstdarstellung und Machtdemonstration genutzt wird, hinterlässt bei den aktiven Turnerinnen und Turnern aus Dotzheim sowie ihren Begleitern bleibenden Eindruck. Sie kommen begeistert zurück und werden ehrenvoll empfangen. Allenthalben verbreitet sich der Ruf nach Erneuerung und Aufbruch. Das entspricht ganz der Linie der „Deutschen Turnerschaft“ (DT) und deren Verantwortlichen, die in Stuttgart „ein nationales Bekenntnis“ ablegen.

Die Verbandsarbeit wird ab diesem Zeitpunkt gemäß dem „Führerprinzip“ organisiert und der amtierende Vorsitzende der „Deutschen Turnerschaft“, Edmund Neuendorff, verspricht, zukünftig gemeinsam mit der „SA“ Seite an Seite in die „neue Zeit“ zu marschieren. (Foto: StZ-Archiv ) Im Gegensatz zu den Arbeiter-Turn-und Sportvereinen, die bereits 1933 von den neuen Machthabern aufgelöst werden, behalten die bürgerlichen Turnvereine zunächst noch ein gewisses Maß an Selbstständigkeit bis die Verantwortlichen der „Deutschen Turnerschaft“ auf dem „Coburger Turntag“ 1935 aus Gründen der „nationalen Pflichterfüllung“ ihre eigene Auflösung beschließen. Ab April 1936 finden sich die Turner dann als nachgeordnetes „Fachamt I für Geräteturnen, Gymnastik und Sommerspiele“ im „Zentralorgan NS-Reichsbund für Leibesübungen“ wieder.
Bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges läuft der regelmäßige Turn- und Sportbetrieb in Dotzheim noch weitgehend störungsfrei. Erst während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 nehmen entsprechend der jeweils aktuellen Kriegsereignisse die Einschränkungen beim Übungs- und Spielbetrieb zu, bis dieser zum Ende des 2. Weltkriegs nur mehr rudimentär stattfindet oder gänzlich zum Erliegen kommt. Nachfolgend sollen über diese allgemeinen Ausführungen hinaus wesentliche „Ereignisse“ des Vereinssports in Dotzheim – insbesondere auch in seiner Abhängigkeit von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen – chronologisch aufgezeigt werden:

1919 Verhandlungen des Turnvereins 1848 e.V. mit der „Turngesellschaft“ zwecks Fusion scheitern. Einzelne Mitglieder der Turngesellschaft schließen sich daraufhin dem 1848er Turnverein an. Die Fußballabteilung des 1848er Turnvereins tritt zum Sportverein 1910 über.
1920 Nach den im Juni begonnenen Verhandlungen erfolgt die Übergabe des Hauses „Turnerheim“ von der „Brauerei Walkmühle“ an den Turnverein 1848 e.V. zum 1. Okt. Von zahlreichen Mitgliedern erworbene Anteilscheine sichern die Finanzierung des Kaufes und die Ablösung der Schulden. Im Mai gründet sich im 1848er Turnverein eine Frauenabteilung.

Wilhelm Schuler wird der erste Ehrenvorsitzende des Turnvereins 1848 e.V. Emil Krieger übernimmt den Vorsitz im „Sportverein 1910“. Zum Jahresanfang tritt die „Turngesellschaft“ dem 1892 gegründeten „Arbeiter-Turnerbund“ bei und nennt sich „Arbeiter-Turngesellschaft Dotzheim“. Am 21. Februar fusionieren „Arbeiter-Turngesellschaft“ und „Freie Turnerschaft“. Die neue Organisation aus den beiden „freien“ Vereinen ist der „Arbeiter-Turnverein Dotzheim“, gegründet 1902. Der neue Verein schließt sich dem „Arbeiter-Turn-und Sportbund“, 9. Kreis, 5. Bezirk, an.
1921 Franzosen besetzen ab Juni die „Turnhalle“; die Gerätschaften werden in die Schule „Am Landgraben“ ausgelagert. Im Februar veranstaltet der „Arbeiter-Turnverein 1902“ ein Wohltätigkeitsfest „zum Besten der Kinder in Not von Dotzheim“.

1922 Das „Turnerheim“ wird ab August von Besatzungstruppen komplett belegt. Übungsstunden werden in verschiedenen Schul- und Gasträumen oder auch im Freien abgehalten. Die Schwerathleten verlegen ihren Übungsbetrieb in Scheunen. Der „Arbeiter-Turnverein 1902“ beschließt, aus finanziellen Gründen keine Vereinsriege zum Bundesfest in Leipzig zu entsenden, will aber eine Bezirksriege personell unterstützen.
1923 Der Turnverein 1848 e.V. richtet unter ständiger Beobachtung durch die französischen Besatzungstruppen bei der „Kappesmühle“ im „Weilburger Tal“ für ca. 7000 Teilnehmer das Gauturnfest aus. Wegen der „galoppierenden“ Inflation müssen Eintritts- und Verzehrpreise ständig angepasst werden. Der Reinerlös ist minimal. Wegen des Umbaus der Gaststätte „Wilhelmshöhe“ zur Fabrikanlage muss der „Arbeiter-Turnverein 1902“ sich andere Übungsstätten suchen.
1924 Der Kassenbericht des „Arbeiter-Turnvereins 1902“ schließt für das Jahr 1923 mit einer Überschuss- Summe in Höhe von 30.150.904.000.000 Mark.
1925 Beschluss der Hauptversammlung des „Turnverein 1848 e.V.“ am 17. Januar zum Bau einer „Notturnhalle“ an der Biebricher Straße. Einweihung ist bereits am 27. Mai. Der „Arbeiter-Turnverein 1902“ kann nach Freigabe durch die Alliierten seinen Übungsbetrieb im Saalbau „Zur Krone“ aufnehmen und entscheidet, sich an der „1. Internationalen Arbeiter Olympiade“ in Frankfurt mit Turnschülern und -schülerinnen zu beteiligen.
1926 Am 1. April erscheint die 1. Ausgabe der Vereinszeitung für den „Turnverein 1848 e.V.“, die „Turnerpost“. Die Faustballspieler des „1848er-Turnvereins“, betreut vom langjährigen Spiel- und Sportwart Karl Rossel, werden Gaumeister in der A-Klasse; die Handballer tragen ihr erstes Verbandsspiel aus, es endet 0 : 0 gegen „Eintracht Wiesbaden“ III. Es kann bereits auch eine Jugendmannschaft Handball gebildet werden.
1927 Der „Sportverein 1910“ erwirkt seine Eintragung ins Vereinsregister. „Die Hilfe am Grab“ ist eine soziale Einrichtung des „Turnvereins 1848 e.V.“ Der „Radlerclub 1902“ richtet aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens das 13. Bundesfest der Radfahrer aus. Der langjährige Oberturnwart des „1848er Turnvereins“, August Höhn, legt sein Vereinsamt nieder und übernimmt zukünftig die Verwaltung des im selben Jahr errichteten „Loreleyheims der Turner“. Der „Arbeiter-Turnverein 1902“ feiert am 02. und 3. Juli mit großem Aufwand und zahlreichen Gästen aus der Region sein 25jähriges Stiftungsfest. In der überfüllten Festhalle werden Freiübungen, neuzeitliches Frauenturnen, Kunstreigenfahren, Volkstänze und Menschenpyramiden präsentiert, untermalt von Liedvorträgen. Der sonntägliche Festumzug begeistert die Dotzheimer Bevölkerung.
1928 Der „Turnverein 1848 e.V.“ begeht feierlich sein 80-jähriges Gründungsjubiläum. Die Jubiläumsfeier wird mit einem Festgottesdienst mit erneuter Weihe der Vereinsfahne von 1886, Schauturnen und „Akademischer Feier“ begangen.

80-Jahr-Feier des Turnvereins Dotzheim – auch auf der geschmückten Straße
Die Rheinschifffahrt mit der „Aurea Moguntia“² am 13. Mai mit 400 Mitgliedern bildet den Höhepunkt und den Abschluss des 80-jährigen Gründungsjubiläums.
Vom 16. – 18. Juni findet die 25-jährige Jubelfeier des „Arbeiter-Radfahrer-Vereins Dotzheim“, Mitglied im Arbeiter-Radfahrer-Bund „Solidarität“, auf dem Gelände der Festhalle statt. Der Festausschuss unter dem Vorsitz von Karl Kraft und Emil Maurer hat ein reichhaltiges Programm mit turnerischen, radsportlichen und gesanglichen Darbietungen zusammengestellt.

1929 Die Besatzungsmächte geben zum Jahresende das Turnerheim-Gebäude wieder frei, stark beschädig und renovierungsbedürftig. Das Reichsvermögensamt beziffert den entstandenen Schaden auf 18.600, — Mark. Dies ist der Beginn eines langwierigen Rechtsstreites zwischen dem „Turnverein 1848 e.V.“ und der Reichsbehörde.
1930/31 Am 16. November kann der „Turnverein 1848 e.V.“ mit 170 Aktiven nach Jahren der Besetzung sein „Herbstschauturnen“ wieder im vereinseigenen Turnerheim veranstalten. Die Finanzlage im „Arbeiter-Turnverein 1902“ ist wegen ausbleibender Beiträge der Mitglieder äußerst prekär, da deren größter Teil erwerbslos ist. Ein Aufkündigen der Bundesmitgliedschaft wird erwogen.
1932 Am 4. September wird der Sportplatz “Niederfeld“ feierlich eingeweiht. Im Juli begeht der „Arbeiter-Turnverein 1902“ sein 30-jähriges Stiftungsfest; u.a. mit einem Festkommers, mit einem großen Umzug durch Dotzheims Straßen und mit einem Fußballspiel auf dem Sportplatz „Kleinfeldchen“ gegen eine Mannschaft der „Wiener Genossen“. Im Protokoll der II. Quartalsversammlung am 16. Juli wird vermerkt, dass trotz insgesamt erfolgreichem Verlauf aller Veranstaltungen die Vereinskasse am Ende leer geblieben ist. Diese Niederschrift ist die letzte Eintragung im Protokollbuch des „Arbeiter-Turnvereins 1902“.
Ein Exkurs
Mit der „Eingemeindung“ Dotzheims 1928 stieg auch im bis dahin „roten Dotzheim“ der Anteil von Nazi-Anhängern kontinuierlich. Es folgte ab 1933 – wie im gesamten Land – zunehmend die Verfolgung politisch Andersdenkender und die erbarmungslose Vertreibung und Ermordung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Die jüdischen Geschäfte – 1928 gab es fünf Metzgereien, drei Manufakturen und einen Altwarenhandel – wurden verkauft oder geschlossen. Die Dotzheimer Kommunalpolitiker und Gewerkschafter August Hölzel (SPD) und Theodor Bach (KPD) erlagen kurz vor Kriegsende im KZ Dachau dem Nazi-Terror.
1933 In Folge des Gleichschaltungs- und Vereinheitlichungsgebotes der neuen Reichsregierung schließen sich der „Sportverein 1910 e.V.“ und der „Sportclub 1918“ zum „Verein der Sportfreunde 1910 e.V.“ zusammen.Ein dritter Fußballverein, der „VfR“, als Nachfolger der Fußballabteilung der „Freien Turnerschaft“, wird aufgelöst.
Gustav Gorbauch übernimmt im „Turnverein 1848 e.V.“ das Amt des „1. Turnwarts“.
Eine größere Gruppe von Mitgliedern des 1848er-Turnvereins besucht das 15. Deutsche Turnfest in Stuttgart, das von den neuen Machthabern zum „Deutschen Nationalfest“ erhoben wird. Aktiv an den Wettbewerben nehmen teil Martha Hirschochs, Otto Lichey und der Alters-Ringer Josef Mestel. Am 22. Mai findet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des „Turnvereins 1848 e.V.“ statt. Nach den neuen von der DT herausgegebenen Richtlinien tritt jetzt der „Vereinsführer“ an die Stelle des bisher von den Mitgliedern gewählten und aus mehreren Personen bestehenden Vorstandes. Der „Vereinsführer“ entscheidet alleine über die Vereinsarbeit, unterstützt vom „Turnrat“. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Vereinsführers ist die Aufhebung der gültigen Satzung und aller bisherigen Protokollbeschlüsse.
1934 Am Jahresende schließen sich 17 ehemalige Mitglieder des „Arbeiter-Turnvereins 1902“ dem „Turnverein 1848 e.V.“ an und werden in „würdiger und weihevoller“ Form und „echter Turnbrüderschaft“ aufgenommen.
1935 Der „Radlerclub 02“ stellt seinen Übungsbetrieb ein.
1938 Der „Kraft-Sport-Verein 03“ schließt sich im Frühjahr dem „Turnverein 1848 e.V.“ an.
1940 Die Mitgliederversammlung des „Turnvereins 1848 e.V.“ beschließt den Verkauf der Festhalle, die zuletzt als Lager für Kriegsgefangene diente, für den bescheidenen Betrag von 5.000 Mark an die Stadt Wiesbaden.
1943 Der Übungsbetrieb des „Turnvereins 1848 e.V.“, den bis dahin Otto Lichey, Karl Freund und weitere Helfer noch aufrechterhielten, kommt völlig zum Erliegen.
1944/45 „Fliegeralarm“, „Luftlagemeldungen“ und Rennen in „Luftschutzkeller“ waren zunehmend Alltag der Menschen in den letzten Kriegsjahren. Nachfolgend soll Rigoberth Falk, ehemaliger Turner und auch Faustballer unseres TuS, zitiert werden³:
„Knapp zwei Monate vor der Besetzung Wiesbadens durch die amerikanischen Streitkräfte kam es in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1945 durch die britische „Royal Air-Force“ zu dem schwersten Luftangriff auf Wiesbaden und seine Vororte, in den auch Dotzheim einbezogen war (Anmerkung der Verfasser: hier waren besondere Ziele die beiden Kasernen in den Ortsteilen „Freudenberg“ und „Kohlheck“). 463 Flugzeuge erreichten in dieser Nacht unsere Stadt: Vier zweimotorige „Mosquitos“, die vorab die „Zielmarkierungsbomben“ zur Beleuchtung des Abwurfgebietes setzten, und 459 schwere 4-motorige „Lancaster“ –Bomber, die 1251 Tonnen Sprengbomben und 794 Tonnen Brandbomben (das sind 369.000 Einzelbrandbomben, von denen ca. 37.000 mit einem zusätzlichen Sprengsatz versehen waren, der den Brennstoff großflächig verteilte) abwarfen. Wegen der in dieser Nacht geschlossenen Wolkendecke kam es zu einer großen Streuung der Bomben im Stadtgebiet und der Umgebung, so dass sich die Schäden infolge von Großbränden (mit Ausnahme des Quellenviertels) im Rahmen hielten, und die ganz große Katastrophe ausblieb.“ […] Der Polizeipräsident als örtlicher „Luftschutzleiter“ meldete in seinem Bericht folgende Bombenschäden für Dotzheim:
Die Freudenbergkaserne wurde von Spreng- und vielen Brandbomben getroffen … durch einen Luftangriff auf die Hauptwasserleitung mangelte es an Löschwasser. Auch in der Kohlheckkaserne brannten drei Mannschaftsbaracken … vollständig aus. Auf dem Grundstück … wurden durch Spreng- und Brandbomben Gerätelager mittel und die „Kapselfabrik“ vollständig zerstört. In der Ziegelei wurde eine Unterkunftsbaracke … getroffen. Auf dem Gelände der Maschinenfabrik … eine Unterkunftsbaracke … ebenfalls total zerstört. … Das Gebäude in der Mühlgasse erhielt mehrere Brandbomben. In dieser Nacht fielen auf das Pfarrgelände insgesamt 16 Brandbomben. Das Kirchenschiff brannte bis auf die Grundmauern nieder.[…].Bei einem Angriff am 19. Februar starben im Luftschutzkeller der „Straßenmühle“ 18 Menschen.“
Etliche Familien wurden „ausgebombt“ – ihre Wohnungen und Wohnhäuser waren unbewohnbar geworden. Völlig zerstört wurden im Ortskern zwei gegenüberliegende Wohnhäuser. Für die Siedlung Freudenberg wird von Falk berichtet: „Fast alle Häuser wurden mehr oder weniger schwer beschädigt. 22 waren ganz weg. Auch 3 Todesopfer waren zu beklagen.“ Mit dem Näherrücken der Amerikaner lag Dotzheim unter zunehmendem Artilleriebeschuss, der weiter Zerstörung und Tod brachte. Ständige Granat- und Bombeneinschläge, Angriffe durch „Jagd-Bomber“ und „Tiefflieger“ in dichter Folge ließen die Menschen nicht zur Ruhe kommen. Von dem dauerhaften Bomben- und Granathagel sowie gezieltem Artilleriebeschuss blieb auch das „Turnerheim“ nicht verschont: Eine Brandbombe hatte das Dachgeschoss getroffen und erheblichen Schaden angerichtet. In dieser für alle Menschen existentiell bedrohlichen Zeit erlässt – so Falk – der Gauleiter von Hessen-Nassau und „Reichsverteidigungskommissar“ Sprenger am 15. Februar noch eine Geheimanweisung an alle Kreisleiter, die an ideologischer Verblendung und verbrecherischem, barbarischem Tun kaum zu überbieten ist:
- Jeder Volksgenosse muss einer strengen Kontrolle betr. seiner politischen Festigkeit und Willenskraft unterzogen werden.
- Werden bei dieser Kontrolle Schwächlinge, d. h. Vg., die innerlich evtl. den Gedanken haben oder haben könnten, der Krieg geht verloren für uns, oder wir hören doch am besten auf zu kämpfen usw. , so sind diese Vg. wieder mit neuer Kraft zu stärken, ihnen wieder den Glauben an Adolf Hitler zu wecken.
- Werden Vg. festgestellt, die verbreiten, dass der Krieg für uns verloren sei, und wenn wir kurz davor stehen, so ist mit allen Mitteln diesem Gerücht entgegenzuarbeiten. Die Herren Kreisleiter wollen sich diese Vg. melden lassen und wollen je nach der Lage des Gerüchtes bei der Gauleitung die Verhaftung durch die Gestapo beantragen. Ich halte hier und da die Verhaftung oder die Zuführung einiger Vg. ins KZ als die geeignetste Maßnahme zur Beseitigung der Gerüchtevertreiber […].
- Ich gebe hiermit den Befehl, Vg., die sich bei Annäherung des Feindes nicht verteidigen oder die Flucht ergreifen wollen, rücksichtslos mit der Waffe niederzuschießen oder wenn es angebracht ist, zur Abschreckung der Bevölkerung – mit dem Strang – hinzurichten.“ Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 28. März in Wiesbaden – und auch in Dotzheim – fand auch diese menschenverachtende „Geheimanweisung“ ein Ende. Mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation und Unterzeichnung der ratifizierten „Kapitulationsurkunde“ durch Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, am 8./9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst, war das „Dritte Reich“ endgültig Geschichte.
Für diejenigen, die das nationalsozialistische Unrechtssystem bis zum Schluss unterstützten, brach eine Welt zusammen; einige führende nationalsozialistische „Größen“ – auch auf regionaler und lokaler Ebene (wie auch in Dotzheim) – wählten z.T. mit ihren Familien gar den Freitod. Diejenigen, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten und diese z.T. auch aktiv bekämpft hatten, fühlten sich im wahrsten Sinne des Wortes befreit.

Ausgebrannte Kirche St. Josef, Bombentrichter, zerstörte Wohngebäude- und der Versuch noch zu retten, was noch zu retten ist (Bilder in Falk, a.a.O.)
¹ Redaktionsteam: Elke Dietrich, Cassandra Pauli, Jürgen Freund, Wilfried Igstadt
² Mainz wurde in seiner mittelalterlichen Glanzzeit als „Aurea Moguntia“, das „Goldene Mainz“ bezeichnet. In der Mainzer Fastnacht lebt dies bis heute als „goldisches Meenz“ weiter.
³ Rigoberth Falk: „… wir leben noch, wir wollen weiter leben“, Heimat- und Verschönerungsverein Dotzheim e.V., 2010 ISBN 978-3-924401-25-2