In der Geschichte des Sports gibt es wichtige Dokumente, die wiederholt gelesen werden sollten, weil sie wichtige Erkenntnisse für die Gegenwart und die Zukunft beinhalten. Mit dem Gespräch, das Günther Gaus mit Willi Daume führte, soll eine neue Reihe eröffnet werden, in der ausgewählte historische Dokumente publiziert werden. Hinweise hierzu aus dem Leserkreis sind willkommen. H. D.

Historische Dokumente I

Günther Gaus im Gespräch mit Willi Daume

Wenige Tage vor der Entsendung der deutschen Olympia Mannschaft zu den Olympischen Spielen in Tokio 1964

Günter Gaus (* 23. November 1929 in Braunschweig; † 14. Mai 2004 in Hamburg-Altona) war ein deutscher JournalistPublizistDiplomat und Politiker. Seine Fernsehreihe „Zur Person“, die 1963 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde und über mehrere Jahrzehnte das Fernsehprogramm der ARD bereicherte, gehört zu den herausragenden journalistischen Leistungen in der Bundesrepublik Deutschland.

 Willi Daume (* 24. Mai 1913 in HückeswagenKreis LennepRheinprovinz; † 20. Mai 1996 in München) war Unternehmer, Sportler und Sportfunktionär. Daume war von 1950 bis 1970 Präsident des Deutschen Sportbundes sowie von 1961 bis 1992 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK). Er war von 1956-1991 Mitglied des IOC und unter anderem auch dessen Vizepräsident. Er war und ist noch immer ohne Zweifel der bedeutendste Sportfunktionär der Bundesrepublik Deutschland

Gaus: Herr Daume, als Präsident des Deutschen Sportbunds, des Nationalen Olympischen Komitees, sind Sie der oberste ehrenamtliche Funktionär des Sports in der Bundesrepublik. Betreiben Sie auch noch aktiv Sport oder sind sie nur noch Offizieller?

Daume: Ich spiele gern und wenn ich kann viel Tennis, besonders gern mit guten Partnern und ich spiele auch noch etwas Golf.

G.: Golf und Tennis das sind zwei ziemlich noble Sportarten, was mich zu einer Frage bringt. Ihr Sportbund bemüht sich sehr darum, den so genannten „Zweiten Sportweg“ zu popularisieren, worunter man Sport nicht als Leistungssport betrieben, sondern für ältere Leute der Gesundheit halber und des Vergnügens halber versteht. Ist es nicht so, dass oberhalb einer bestimmten Altersgrenze nur gesellschaftlich exklusive Sportarten mit Snob-Appeal ernsthaft betrieben werden und im Massensport die Leute zwar gern zuschauen, aber in Wirklichkeit nicht mehr selbst aktiv sind?

D.: Das ist ein wichtiges Problem. Auch ein staatspolitisch wichtiges Problem. Es ist ganz sicher nicht immer so. Nehmen wir den deutschen Turnerbund, der ja dafür bekannt ist, dass gerade auch die ältere Generation dort ihre Geselligkeit, körperliche Bewegung, Gesundheit findet. Es gibt aber auch eine Reihe von anderen Sportarten, nicht nur von feudalen Sportarten, wo mehr und mehr die Notwendigkeit erkannt wird, dass die älteren Leute, ihre Gesundheit pflegen eben durch körperliche Bewegung. Das zu intensivieren war der Sinn des so genannten Zweiten Weges und es sollten auch die Kreise dabei erfasst oder besser gesagt gewonnen werden, die gesellungsunwillig sind, die sich also nicht unbedingt von vorneherein mal einem Verein anschließen wollen, die auch die bisherigen Übungsformen nicht lieben, die also nicht in Männer oder in Frauenabteilungen zusammen sein wollen, sondern die Möglichkeiten angeboten haben wollen, wo die ganze Familie beispielsweise sich betätigt. Diesem Problem gilt unsere besondere Aufmerksamkeit und die Erfolge in der zurückliegenden Zeit sind eigentlich ermutigend.

G.: Wünschen Sie sich sozusagen ein Volk von Sportlern?

D.: Ja, lieber ein Volk von Sportlern als ein Volk von Weltmeistern. Ich wünsche mir dund glaube das sollte ein allgemeines öffentliches Anliegen sein, dass zum Ausgleich der Stilllegung des menschlichen Körpers durch die moderne Zivilisation, durch Verkehr und Entwicklungen dieser Art mehr und mehr die Notwendigkeit erkannt wird, dass man seinen Körper in Form halten muss, dass man ihn in einem gewissen Ausmaß bewegen und damit einer naturgemäßen Lebensweise wieder näher kommen muss.

G.: Aber Herr Daume, ist das nicht ein bisschen Donquichotterie?

 Schauen Sie, aktiv Sport zu betreiben noch dazu, wenn man über ein bestimmtes Alter hinaus ist, das setzt Initiative des Einzelnen voraus, Selbstständigkeit, sogar bis zu einem gewissen Grade die Bereitschaft zum Verzicht auf bestimmte Dinge. Der Trend der modernen Massengesellschaft ist der Ausbildung dieser Eigenschaften nicht gerade förderlich.

Wenn sie sich nun trotz dieser Tatsache so sehr für ein Volk von Sportlern einsetzen, ist das nicht doch Donquichotterie, schwimmen sie gegen den Strom?

D.: Ja, aber ich glaube, es ist unsere Aufgabe gegen den Strom zu schwimmen, denn unsere doch sehr große Bewegung kann sich nicht immer die bequemsten Wege aussuchen und man muss hier erkennen, wenn wir auf der anderen Seite meinetwegen öffentliche Förderung verlangen, wenn wir Bau von Sportplätzen, von Schwimmbädern, von Übungsstätten aller möglichen Art  überall verlangen, dann müssen wir sie ja auch bevölkern und unsere Vereine, unsere Gemeinschaft müssen sich etwas Neues einfallen lassen, wenn sie gemerkt haben, dass die bisherigen Wege nicht mehr ausreichen.

G.: Vereinsmeierei?

D.: Ja. Ich sprach schon von Gesellungsunwilligen, die das nicht mögen, man muss also psychologisch richtige Maßnahmen finden, um zu werben und wir haben doch die Erfahrung gemacht, dass Vereine, die es richtig anfangen, ihren Mitgliederbestand vervielfacht haben. Ein wichtiger Verbündeter auf unserer Seite ist da die Medizin, denn es ist längst medizinisch gesicherte Erkenntnis, dass wir in Deutschland bedingt durch den hohen Lebensstandard doch in der Gesundheitsstatistik eine abfällige Tendenz haben und so befinden wir uns, das glaube ich, in ganz guter Gesellschaft.

G.: Herr Daume, sie tun ja da einiges. Sie sind also wie gesagt Präsident des Deutschen Sportbunds, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Sie sind Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und in ihrem Beruf sind sie außerdem der Chef der vom Vater ererbten Eisengießerei in Dortmund. Sie sind Mit- Gesellschafter einiger anderer Firmen, darunter einer Privatbank, nachdem sie im Mai 1913 geboren sind. Also demnächst 51 Jahre alt, kann man sagen dies ist für ihr Alter eine ganze Menge Arbeit und es gibt Leute, die behaupten, dass der Daume einen 16 Stunden Tag hat, was man sich vorstellen kann – bei dieser Ämterfülle. Und seine Sekretärinnen müssen in zwei Schichten arbeiten. Sagen Sie, dieses Leben, das ist das Leben eines Managers und das passt nicht gerade zu der Aufgabe, der sie sich gewidmet haben, dem Sport nämlich, der ja doch ein bisschen der Muse und dem spielerischen, fernab vom Terminkalender, verhaftet bleiben sollte?

D.: Ja, ich finde natürlich den notwendigen Ausgleich. Ich sagte schon zu Anfang zunächst mal im Sport selbst. Außerdem kann man das alles mal eine Zeit lang machen. Man kann für eine gemeinnützige gute Sache ein solches Opfer bringen. Man kann vielleicht im einen oder anderen Fall auch Freude daran haben und für die Opferbereitschaft entschädigt werden.

Man muss selbst ein gutes Beispiel geben, indem man nicht etwa nur den Sport von der Theorie her verkündet, sondern ihn praktisch ausübt und vorlebt. Ich finde also, dass man in meinem Alter – ich fühle mich noch jung – eine solche Aufgabe leisten kann. Eine Aufgabe, die ich mir – auch als ich dieses Amt bei der Gründung des Deutschen Sportbundes 1950 schon antrat – zumindest nicht in diesem Ausmaß erwählt habe, die sich aber dann eben meiner bemächtigt hat.

G.: Haben sich diese Aufgaben ihrer bemächtigt oder sind Sie ein Mann, der – wenn er eine Aufgabe sieht – gerne zupackt. Sind sie ehrgeizig?

D.: Es gehört zum Wesen des Sports und das ist auch das erregende am Sport, dass wenn ein Ziel erreicht ist, gleich wieder das nächste sich aufzeigt. Es ist aber nicht so, dass wir nun als Organisation Aufgaben an uns heranziehen, die nicht die unseren sind. Es gibt also eine ganze Reihe von wichtigen Aufgaben – vielleicht kommen wir noch darauf zu sprechen – die noch ungelöst sind. Daran ist kein Mangel. Es fehlt eher an Persönlichkeiten, die ihrer Lösung gewachsen sind.

G.: Würden sie sagen, dass in der Bundesrepublik nicht genügend Leute vorhanden sind, die sich ehrenamtlichen Aufgaben zur Verfügung stellen, wenn damit viel Arbeit verbunden ist?

D.: Nein, ich möchte eigentlich doch genau das Gegenteil sagen. In unseren Reihen stehen fast 400.000 ehrenamtliche Helfer. Dies ist eine Zahl, die keine andere Bewegung auch nur annähernd präsentieren kann. Ich glaube nur, dass der Sport in der modernen Gesellschaft inzwischen eine solch wichtige Funktion gewonnen hat, dass die Aufgabe ehrenamtlich gar nicht mehr zu leisten ist. Und das ist auch die Frage, ob die Organisationsformen, die wir jetzt haben, auf die Dauer beibehalten werden können. In anderen Ländern, auch in westlichen, geht man neue Wege. Der Sport ist in Frankreich beispielsweise so etwas Ähnliches wie ein Ministerium. Solche Entwicklungen sind in Deutschland immer gefährlich und wir möchten ihn nicht gern unter der staatlichen Omnipotenz wissen. Es ist auch denkbar, dass man sich Erfahrungen zu Nutzen macht, wie beispielsweise von Gewerkschaften oder kirchlichen Organisationen, dass man mehr und mehr zu einer hauptamtlichen Verwaltung kommt. Wir als deutscher Sport und Nationales Olympisches Komitee haben nur eine ganz kleine hauptamtliche Verwaltung; vielleicht fünf oder sechs Spitzenkräfte.

G.: Aber in der Öffentlichkeit Herr Daume wird zum Beispiel im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Innsbruck immer öfter Klage darüber geführt, dass der Funktionärsapparat beim Sport immer größer wird. Wenn sie das noch hauptamtlich betreiben lassen wollen, wächst da der Funktionärsapparat nicht noch weiter?

D.: Nein, ich glaube, dass er ja dann bescheidener werden würde, was die Personenzahl angeht. Ich stimme auch nicht ganz mit dieser Kritik überein, sie schnitten Innsbruck an: Der moderne Leistungssport ist derart spezialisiert und er ist verwissenschaftlicht. Es geht einfach nicht ohne einen gewissen Apparat. Ich glaube, wir haben das doch bei uns noch in vertretbaren Grenzen. Im Grunde meine ich, dass die jetzige Organisationsform überprüft werden muss, immer von Zeit zu Zeit. Als der Deutsche Sportbund gegründet wurde, da gab es ja sehr viel Bedenken gegen eine derartige Zentrale Organisation. Wir haben auch sehr wenige Mittel, wir haben auch keine großen, satzungsmäßigen Vollmachten. Wir bemühen uns mit Überzeugung und wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, mit dem Geist zu regieren und ich hoffe, dass dies auch in Zukunft so bleibt.

G.: Sagen sie mir doch bitte einmal, sie opfern doch offensichtlich einen großen Teil ihres Lebens diesem Sport. Versuchen Sie einmal das Ideal, dem sie nachstreben, zu formulieren.

D.: Das ist keine ganz ungefährliche Frage. Man kommt da sehr leicht in den Stil des Dritten Reiches. Ich möchte es ganz schlicht sagen, wie es ja andere Organisation auch tun – ich denke an karitative Organisation wie die Rotarier. Es ist eigentlich das Ideal des Dienens, des Dienens einer großen Sache, die ich zum Beispiel als junger Aktiver miterlebt habe, des Dienens an einer Idee, wenn man den Sport international sieht, die ja doch eine große Weltfriedensidee ist, und des Dienens an einer gemeinnützigen Idee. Hier, dass man also dem Staat Funktionen abnimmt, die letztlich der Gesundheit des Volkes, der Erhaltung des Sozialprodukts, wenn sie wollen, der Erhaltung unserer Volkskraft und auch des menschlichen Glücks dient.

G.: Bei alldem, was sie sagen Herr Daume, scheint mir doch, dass Sport sehr weitgehend verstanden wird als eine Hilfsfunktion staatlicher Obliegenheit und gar nicht so sehr als das private Vergnügen des einzelnen Individuums.

D.: Nein, wir verstehen ihn nicht so. Das, was ich sagte, sind eigentlich Abfallprodukte. Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Die Abfallprodukte der Steinkohle sind inzwischen weit wichtiger als die Kohle als Brennstoff. So ähnlich ist das hier. Im Grunde ist der Sport eine Sache der eigenen freien Initiative, an der man Freude hat. Wenn man nun dabei noch andere Werte gewinnt, zum Beispiel die Gesundheit, dann ist das wundervoll. Wäre es nicht so, könnte man daran auch nichts ändern.

G.: Ihre Eltern sind Turner gewesen und der Vorsitzende der deutschen Turnerschaft bis 1915 Ferdinand Götz war ihr Patenonkel. Nun die deutschen Turner haben nicht nur geturnt. Sie haben sich auch weltanschaulich sehr gebunden gefühlt von deutsch- nationalen Ideen bis hin zu völkischen Ideen, haben Sie in ihrer Jugend noch Berührung mit diesen Turner Idealen gehabt, in ihrem Elternhaus und wie denken Sie heute über diese Vorstellung?

D.: Nein, ich selbst habe meine Mitgliedschaft in meinem Heimat- Turnverein immer mehr sportlich empfunden und auch immer nur Sport betrieben und der Deutsche Turnerbund hat ja heute doch auch eine moderne Linie gefunden. Ich glaube, dass politische Ideale dieser Art, wie sie früher zu Jahns Zeiten und bei den Turnern auch später heute ein Anachronismus sind. Politik jetzt mal im engsten Sinne gesehen. Es ist auch hier wieder so, der Sport hat, ob er will oder nicht oder ob man das schön findet oder nicht, von vornherein mal eine wichtige staatspolitische Bedeutung, die wir allerdings ganz anders sehen als beispielsweise der Osten dies sieht, wo  nun der Sport ganz eindeutig Mittel und Zweck staatlicher Propaganda ist.

G.: Ich würde darauf noch gerne kommen. Aber ich würde vorher aber gerne noch wissen, warum einer wie Sie, der aus einer so traditionell turnergebundenen Familie kommt, wie Sie zur Leichtathletik gelangt sind, denn ihre Sportarten waren ja nicht das Turnen, sondern Leichtathletik, Handball und Basketball.

D.: Es war ganz einfach so, dass mein Verein, wie man so sagt, ein „gemischter Verein“ war. Ich fühlte mich zur Leichtathletik hingezogen. Die Winterergänzung der Leichtathletik war damals das Handballspiel und über den Handball kam ich dann auch zum Basketball, obwohl ich zwischendurch auch Fußball gespielt habe und auch noch andere Sportarten betrieben habe. Aber ich bin doch vom Grunde her ein Spieler. Ich liebe den Ball. Und ich glaube, dass das eine der größten Erfindungen der Menschheit gewesen ist.

G.: Wie groß sind sie Herr Daume?

D.: 1,73 m.

G.: Ich habe gelesen, dass sie in ihrer Jugend 1,82 m hochgesprungen sind. Über ihre Körpergröße. Auf dem Gebiet der Leichtathletik bedeutete dies doch etwas. War dies ihre bedeutendste Leistung, die Sie hervorgebracht haben?

D.: Auf dem Gebiet der Leichtathletik, ja. Sonst war ich – glaube ich – als Handballspielspieler, auch als Fußballspieler auch als Basketballspieler doch besser, wenn man das überhaupt vergleichen kann.

G.: Als Basketballspieler gehörten sie 1936 zur Olympischen Nationalmannschaft.

D.: Ja, das war eigentlich mein großer Kummer, als Student hatte ich in Budapest bei den studentischen Weltspielen in der deutschen Basketball Mannschaft gestanden. Basketball kam damals gerade in Deutschland erst auf und ich gehörte zur Kernmannschaft im Handball. Ich hätte natürlich sehr gerne im Handball die olympische Goldmedaille gewonnen, die uns damals ja sicher war. Doch kurz vor Beginn der Spiele hieß es dann, wer von den deutschen Handballern Basketball spielen kann, muss in der Basketball Nationalmannschaft spielen und so kam es dann, dass ich bei den Olympischen Spielen der Basketballmannschaft angehörte.

G.: Und einer solchen Entscheidung haben sie sich widerspruchslos gefügt?

D.: Es blieb uns ja damals nichts anderes übrig, wenn wir überhaupt eine Chance haben wollten, bei diesem großen Erlebnis bei Olympischen Spielen dabei zu sein.

G.: Aber lassen Sie mich die Frage erweitern. Würden Sie meinen, dass die Anforderungsrechte des Staates, der den Sport ja finanziell unterstützt, soweit gehen dürfen, dass über Olympische Spiele von Staats wegen, wenn sie so wollen, verfügt werden kann: dieser Spieler hat Basketball zu spielen, weil wir eine Basketball-Nationalmannschaft brauchen? Der darf jetzt nicht weiter Handball spielen. Er muss in die Basketballmannschaft.

D.: Das ist ganz sicher nicht die Aufgabe des Staates, sondern der sportlichen Organisationen. Das war sogar im Dritten Reich so.

Ich bin der Meinung der Staat muss dem Sport helfen. Er soll froh sein, dass sich diese große Entwicklung in einem freien Raum bewegt, und man soll nicht all diese Dinge der staatlichen Omnipotenz unterordnen. Da sind wir also heftigste Gegner, aber ich glaube, dass eine sportliche Instanz auch sagen könnte: Dieser Mann nützt uns nun an dieser Stelle mehr als an der anderen, selbst wenn es für ihn eine Entbehrung ist.

G.: Dem sollte sich ein junger Mann beugen? Sie meinen, soweit sollte die Selbstdisziplin im Sport gehen?

D.: Ich bin der Meinung, er mag es tun, es mag ihn ein Opfer kosten. Aber Hochleistungssport ist nun eine harte Sache. Ich möchte aber dazu sagen, wenn er es nicht tut, müssen wir seinen Entschluss auch respektieren und dürfen ihm das nicht verübeln. Es gilt bei uns doch das Prinzip der individuellen Freiheit.

G.: Herr Daume, sie haben 1937 schon, weil ihr Vater starb, ihr Studium, Betriebswirtschaft und Jura unterbrechen müssen, um den elterlichen Betrieb in Dortmund zu übernehmen. Hat sie diese frühe Berufsverpflichtung an einer weitergehenden Sportkarriere gehindert?

D.: Ich glaube ja, ich habe damals doch das Hochleistungstraining einschränken müssen. Es kam kurz darauf der Krieg mit all den Schwierigkeiten.

G.: Sie waren damals für die Rüstungsindustrie tätig.

D.: Ja, ich war auch teilweise Soldat, anfangs des Krieges. Wurde dann zurückgeholt und da kam ich dann nicht mehr zu einem entsprechenden Training und dann ging der Sport sowieso – was den internationalen Wettkampf anging – zurück.

G.: Was hat sie denn als junger Mann am Sport am meisten gelockt? Der Erfolg?

D.: Eigentlich der harte Kampf, das ist ja das Schöne beim Sport, dass er umso wertvoller ist, je härter der Kampf ist, nicht etwa je lauer er ist, und die dabei gewonnenen Freundschaften, internationalen Freundschaften, gerade auch mit dem Gegner, die sind ein großartiges Erlebnis, das ich auch der heutigen Jugend sehr gönne.

G.: Dazu möchte ich gerne etwas noch von Ihnen wissen, Herr Daume. Sie haben in einer großen Rede zum zehnjährigen Bestehen des Deutschen Sportbunds 1960 gesagt, wenn ich sie zitieren darf: „Die öffentliche Meinung macht aus einem jungen Menschen, der eine zehntel Sekunde schneller läuft als die anderen, eine Art von Übermenschen, während der kaum ein Quäntchen Schlechtere innerhalb kürzester Zeit von der Masse vergessen ist“. Wenn das so ist und  die Richtigkeit dieser Behauptung ist ja wohl nicht zu bezweifeln, wenn das also so ist, müssen da nicht die jungen Leistungssportler ganz im Gegensatz zu dem, was sie sich eben gewünscht haben, zu einem übersteigerten Ehrgeiz, zu einer Überbewertung des Sieges und einer Unterbewertung des Kampfes als solchen gelangen, ist das nicht die zwangsläufig Folge, wobei die Schuld nicht bei dem Sportler zu liegen braucht, sondern bei der öffentlichen Meinung, die sich ihre Stars macht? Aber da es nun mal so ist.

D.: Es ist zumindest eine sehr große Gefahr, der allerdings der Sport nicht allein unterliegt. Wir leben wirtschaftlich, kulturell, wenn man so will in einer Wettbewerbsgesellschaft. Der Sport kann davon keine Ausnahme machen. Im Gegenteil: Der Wettkampf ist etwas, was von vornherein einmal die Jugend reizt und auch etwas, das in sich eine Aspiration zum Guten trägt. Es muss unsere Aufgabe sein, unsere beste Jugend vor dieser Gefahr zu bewahren, ihr zu helfen, mit den Verhältnissen fertig zu werden, die sich ihr darstellen, beispielsweise nach einem großen Sieg. Ich habe in der gleichen Rede das Beispiel genannt, wenn ich mich recht erinnere…

G.: Sie haben von Toni Sailer gesprochen.

D.: Ich habe von Toni Seiler gesprochen und habe davon gesprochen – ob wir das mögen oder nicht – dass ein Olympiasieger im Augenblick seines Triumphes populärer ist als der bedeutendste und segensreichste Nobelpreisträger – meinetwegen in der Medizin. Das geht aber sehr schnell wieder bergab, dieses gewaltige Prestige, das ein junger Mann auf diese Art gewinnt. Wenn er einmal nicht mehr in der ersten Linie steht und auch vorher schon müssen wir helfen und hier hat die freie Gesellschaft eine gewaltige Aufgabe. Der Osten hat dies längst erkannt und längst gelöst.

G.: Wie hat es der Osten gelöst?

D.: Er hat es gelöst durch seine Staatsamateure, die von vornherein eine berufliche Sicherheit haben, eine soziale Sicherheit haben, für die auch später gesorgt wird, sei es bei der Armee oder in Beamtenstellungen. Wir müssen darauf achten, dass unsere jungen Spitzenathleten von vornherein in eine gute berufliche Ausbildung kommen.

Dazu sind auch unter strengster Auslegung von Amateurmaßstäben Stipendien durchaus vertretbar. Es ist vertretbar, dass große Firmen Stipendien übernehmen. Es ist vertretbar, dass bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich mit dieser Jugend, mit diesem einzelnen jungen Mann oder der jungen Frau befassen, als Pate meinetwegen. Und so weiß der junge Mann nachher, ich bin von der Gesellschaft, die mich gefeiert hat, die vielleicht auch meine Leistung – obwohl sie so gar nicht gemeint sein mag – als Ausdruck deutschen Wertes in aller Welt gewürdigt hat, dass ich von dieser Gesellschaft nicht im Stich gelassen werde. Ich kann nachher auch in eine mir angemessene berufliche Laufbahn kommen und ich kann dann als reiner Amateur und als Mitarbeiter auch wieder der nachfolgenden Jugend helfen.

G.: Zuallererst Herr Daume aber wäre doch dies, was sie an Hilfe für die Leistungssportler für die Spitzentalente im Sport verlangen, zuallererst wäre dies doch wohl eine Sache der Sportfunktionäre und glauben Sie nicht, dass manchmal all die Sportfunktionäre die Probleme, mit denen junge Leute konfrontiert waren, die über Nacht berühmt geworden sind, allzu leicht oder allzu altbacken angesehen haben? Kann man nicht sagen, dass die Vorstellungen mancher Funktionäre über die Charakterstärke eines Sportstars allzu weltfremd sind?

D.: Zunächst, wir hören das Wort „Funktionär“ nicht gern.

G.: Es ist kein Schimpfwort, es entspricht genau der Tätigkeit. Warum hören Sie es nicht gern?

D.: Weil es eigentlich eine bezahlte Tätigkeit meint. Es gibt den politischen Funktionär, es gibt den Gewerkschaftsfunktionär.

G.: Sie meinen, es hat einen Beigeschmack?

D.: Es ist nicht angemessen. Mich stört es nicht. Aber im Grunde haben sie recht. Es handelt sich ja meist um Leute, die nun heute nicht mehr aktiv sind, die vielleicht nicht verstehen können, dass ihre Vorstellungen und Ideale, beispielsweise sogar in der Auslegung des Amateurbegriffs aus einer Zeit kommen, die nicht mehr die unsere ist, die man auch nicht rekonstruieren kann. Es gibt natürlich gewisse Friktionen, gewisse Schwierigkeiten auch in den eigenen Reihen zwischen Jung und Alt. Wir müssen versuchen, dass die ältere Generation doch etwas großzügiger im Verständnis der modernen Entwicklung ist und dass vielleicht die jüngere Generation etwas aufrichtiger ist in dem, was sie nun als modernes Ideal des Sports vertritt. Wir müssen ehrlich zugeben, dass wenn es beispielsweise früher im Amateur-Paragraphen des IOC hieß, dass nur derjenige ein Amateur ist, der niemals in seinem Leben einen wie auch immer gearteten Vorteil durch die Ausübung des Sports hatte, dass dies einfach nicht wahr ist. Die jungen Leute sehen heute die ganze Welt. Keiner kann verlangen, dass sie das selbst bezahlen. Keiner kann aber auch sagen, das ist kein irgendwie gearteter Vorteil. Mit Reisen die Welt erleben ist ja doch das, was mit am meisten bildet. Insoweit ist es ganz sicher ein Vorteil für das ganze Leben dieser jungen Generation und man muss hier versuchen, also zu einer neuen Amateurregelung zu kommen. Ich möchte sagen zu einer „Sport-Liebhaber“ Regel zu kommen. Die Liebe zu dieser guten deutschen Jugend ist aber ausdrücklich dabei mit gemeint.

G.: Würden Sie sagen, dass derzeit im Sport theoretisch ein Ethos gepredigt wird, das in der Praxis längst weitgehend als Heuchelei entlarvt worden ist?

D.: Man kann das nicht ganz verneinen. Ich will jetzt gar nicht reden von dem üblichen Festreden-Quatsch und so etwas, über den auch die Jugend lacht. Aber an der Tatsache, da spreche ich ganz bewusst mal wieder von unseren Leistungssportlern – wir waren ja vor wenigen Tagen mit unseren zukünftigen Olympia Kandidaten noch mal in kleinem privatem Kreise zusammen – das ist eine wirkliche Auslese bester deutscher Jugend und als dort beispielsweise der Vorschlag kam, man sollte doch diese Jugend von vornherein mal halbe Tage von der Arbeit befreien, haben diese Kämpfer zu deren Gunsten das gedacht war, heftig widersprochen und haben gesagt, nein, das wollen wir nicht, wir glauben auch, dass unsere Gesellschaftsordnung uns die Möglichkeiten lässt, uns so vorzubereiten, wie das für ein gutes Abschneiden in Tokio erforderlich ist. Und ich meine, das wäre ein gutes Zeichen, dass also die sportliche Jugend selbst und auf die kommt es doch an, die richtige Einstellung zur Ethik hat oder  wie man diese hochtönenden Worte nun formulieren mag. Ich stehe also fest zu unseren Leistungssportlern und verteidige sie überall, wo ich nur kann, gegen intellektuelle Überheblichkeit, wenn ich das so sagen darf.

G.: Her Daume, Sie haben vorhin das Ideal beschrieben, dem sie nachfolgen. Ich habe eine andere Formulierung von Ihnen gefunden in der heißt es sie wünschten sich die Anerkennung des Sports durch die geistig und kulturell führenden Kräfte der Gesellschaft. Was verstehen sie darunter?

D.: Ich meine einfach, dass eine Bewegung, die nun von vorneherein schon 6 Millionen organisierter Menschen umfasst und damit die größte Bewegung überhaupt ist, die größte Organisation, die aber auch noch viele Millionen Menschen interessiert und auch – nehmen sie die vielen Skiläufer, die vielen Leute, die sonntags zum Schwimmen gehen, all das; und die noch zugegebenermaßen einen erheblichen volkspolitischen Effekt hat, dass sie beanspruchen kann, von den Leuten, die dazu berufen sind, wissenschaftlichen Rat zu empfangen. Dieser Appell von uns ist doch auch im Verlaufe der letzten Jahre sehr gut verstanden worden. Zu meinem engsten Mitarbeiterkreis in der Führung des Deutschen Sportbundes gehören immerhin zwölf ordentliche Professoren, Inhaber von Lehrstühlen an Universitäten, und es ist durchaus kein Widerspruch mehr, dass ein großer Wissenschaftler auch ein guter Sportsmann sein kann.

G.: Herr Daume, hat der Sport ein Nachholbedürfnis an intellektueller Anerkennung?

D.: Er hat dies ganz sicher. Die kulturell und geistig führende Schicht hat oft ganz falsche Vorstellungen. Es bedarf der Aufklärung. Es bedarf aber der Aufklärung auch insoweit – ich erinnere an die sehr wichtige Frage der Verbesserung der schulischen Leibeserziehung -, dass der Sport notwendig ist, gerade bei der Jugend notwendig ist, wegen des vermehrten Wissensstoffs, der auch notwendig ist. Die zukünftige Zeit kann nicht von gesunden und fröhlichen Dummköpfen allein gemeistert werden. Man muss also erkennen, dass nur eine gesunde Jugend, durch Sport gesunde Jugend, in der Lage ist, den notwendigen und vermehrten Wissensstoff in sich aufzunehmen.

G.: Ich verstehe, was sie meinen. Herr Daume, sie sind seit 1949 verheiratet und haben zwei kleine Kinder. In ihrem eigenen Haus sind – wie man hört – Künstler ebenso oft zu Gast wie Sportler. Sie veranstalten literarische Lesungen und Haus-Konzerte. Wem gehört in der Literatur und wem in der Musik ihre Vorliebe?

D.: Ja ich bin ehrlich genug zu sagen also, dass in der Musik Johann Sebastian Bach meine Vorliebe gehört. Ich finde ihn als den größten, wenn man so etwas überhaupt sagen darf, was ja nur im Sport angemessen ist. Aber sonst meine ich, in der darstellenden Kunst, in der Literatur müsste der Sport das junge Leben, das Moderne – und ich führe ganz bewusst auch unsere jungen Sportler immer wieder an diese Dinge heran.

G.: An die Kunst?

D.: Ja, an die Kunst ja, ich sprach eben von unserem Zusammensein in Baden-Baden mit den Olympiakämpfern. Es ist selbstverständlich, dass bei solchen Gelegenheiten auch immer junge Künstler dabei sind, die musizieren, die sich an Podien beteiligen oder für Ähnliches zur Verfügung stehen, und ich bin oft verwundert und beglückt, wieviel Aufnahmefähigkeit doch gerade auch bei unseren jungen Sportlern vorhanden ist, von denen man es nach ihrer Schulbildung also nicht ohne weiteres annehmen sollte. Und das ist ja doch auch die Vorstellung, die Coubertin hatte mit der modernen Wiedererweckung der olympischen Idee – eben diese legitime Verbindung von Kunst und Sport – von der ich hoffe, wir stehen in engen Kontakt mit unseren japanischen Freunden, dass wir sie in Tokio zu sehen bekommen in einem Ausmaß, was wir leider in Rom vermissen mussten.

G.: Haben Sie in der Literatur eine ähnlich starke Vorliebe wie in der Musik zu Johann Sebastian Bach?

D.: Ja, ich habe gern die junge französische Richtung: Camus und Sartre. In dieser Richtung fühle ich mich zu Hause.

G.: Herr Daume, sie haben von den 6 Millionen Mitgliedern gesprochen, die der deutsche Sportbund hat. Als Präsident dieses Verbandes sind sie ohne Zweifel einer der Spitzenoffiziellen der westdeutschen Gesellschaft allgemein. Sagen Sie mir, inwieweit sehen Sie sich unter diesen Umständen ganz bewusst auch als Politiker?

D.: Ich musste diese Frage wohl erwarten. Es ist unsere Stärke, dass wir zumindest an der Spitze politisch ganz und gar ungebunden und unabhängig sind.

G.: Dies bedeutet parteipolitisch neutral.

Das muss nicht bedeuten, dass sie nicht sich als Politiker fühlen und politische Aufgaben haben.

D.: Nein, aber wenn ich politisch neutral bin, habe ich es sehr leicht, einen guten Kontakt zu den Kräften zu pflegen, die eben das politische Leben bei uns bestimmen und das sind die politischen Parteien. Ich stehe in engem Gedankenaustausch mit den Spitzen aller politischen Parteien, sei es die Regierung, sei es die Opposition; seien es die Fraktionen, seien es die Parteivorstände. Mit all diesen Gremien beraten wir unsere Probleme. Wir erbitten ihre Unterstützung, aber wir achten sehr eifersüchtig darauf, dass sie nicht bei uns mitbestimmen wollen, auch dann nicht, wenn sie finanziell helfen. Deswegen haben wir uns auch immer dem Prinzip der Selbstbeteiligung verpflichtet.

G.: Aber sie verlangen doch unter Berufung auf die Pflege der Volksgesundheit, verlangt doch der Sportbund und verlangen die ihm angeschlossenen Verbände öffentliche Mittel, die sie dann vom Staat auch erhalten. Unter diesen Umständen begibt sich doch der Sport zwangsläufig immer weiter aus dem Privatbereich der Eigeninitiative hinaus und wird öffentlich förderungswürdig, lässt sich als öffentlich förderungswürdig anerkennen und gerät damit – das ist meine Frage Herr Daume – gerät damit in die Gefahr, dass zum Schluss dann eben doch Sieburg recht behält, der geschrieben hat, dass heutzutage, ob in der Sowjetunion oder in der freien Welt der Sport eine politische Macht ist in den Händen des Staates.

D.: Das Problem ist so groß und von so großer staatspolitischer Bedeutung, dass wir es einfach nicht lösen können. Wir sind kein Gesundheitsministerium. Wir können Anregungen geben. Wir können Entwicklungen einleiten. Wir können beispielsweise nicht die über 6 Milliarden DM, die notwendig sind, um den Nachholbedarf an Übungsstätten allein aufzuholen, die können wir nicht aufbringen. Wir sind eine ganz arme Organisation. Der Deutsche Sportbund und wir wollen das auch ganz bewusst bleiben. Wir verlangen Opfer von unseren Mitarbeitern und ich glaube, dass der Staat – diese Erfahrung haben wir bisher gemacht – auch diese unsere Unabhängigkeit achtet, das wirkt sich übrigens auch bei uns nach innen aus. Wir haben nur ein sehr bescheidenes Verhältnis zur Macht. Wir haben keine Kommandogewalt über unsere Mitgliedsverbände; wir wollen sie auch gar nicht haben. Ich glaube vielmehr, dass in der freien, schöpferischen Initiative unser größter Vorteil liegt. Ein Vorteil auch gegenüber dem autoritären System des Ostens. Und ich glaube alle Regierungen sind gut beraten, wenn sie uns diese freie schöpferische Initiative lassen und nicht versuchen, daraus einen staatlichen Apparat zu machen. Wir werden uns bis zuletzt gegen Entwicklungen wenden, wie sie beispielsweise auch in westlichen Ländern nun schon erkennbar sind.

G.: Herr Daume, sie sind zwangsläufig mit der Politik in Berührung gekommen, wenn es um gesamtdeutschen Sport ging.

In Innsbruck ist noch eine gesamtdeutsche Mannschaft angetreten. In Tokio wird es wieder so sein. Es sind dennoch kritische Stimmen zu dieser gesamtdeutschen Mannschaft laut geworden. Was ist ihre Meinung? Soll man sich weiter darum bemühen?

D.: Das mag von robusteren Faktoren abhängen, als sie in der sportlichen Kameradschaft gegeben sind. Vielleicht geht 1968 die politische Entwicklung darüber hinweg. Man kann natürlich auch sagen, eine gesamtdeutsche Olympia Mannschaft in diesem zerrissenen Deutschland ist eine aussichtslose Sache. Ich persönlich glaube, dass es viel leichter und angenehmer wäre, wenn wir nach Tokio mit unseren eigenen Leuten fahren könnten. Doch man muss in Kauf nehmen, wenigstens bis heute, um nun zunächst mal der anderen Seite nicht die Möglichkeit zu geben, das Nebeneinanderbestehen zweier deutscher Staaten oder wie man ja jetzt sogar will – mit West-Berlin als eigenem sportlichen Staat – also dreier deutscher Staaten vor der Weltöffentlichkeit, vor diesem Riesenspektakulum Olympischer Spielen evident zu machen. Ich glaube, dass wir in Tokio noch eine gute, zumindest unter den Aktiven, gesamtdeutsche Mannschaft haben werden, und wir werden später sehen, wie es weiter geht. Es ist schwer, eine Prognose zu stellen.

G.: Nach den Olympischen Winterspielen in Innsbruck herrschte in der westdeutschen Öffentlichkeit eine gelinde Unzufriedenheit über das angeblich oder wirklich schlechte Abschneiden der deutschen Teilnehmer. Was sagen Sie über Innsbruck?

D.: Ich habe niemanden gefunden in Innsbruck, der ganz zufrieden war. Selbst die erfolgreichste Mannschaft, die Russen, waren es nicht. In Innsbruck wurden aller Erwartungen nicht ganz erfüllt. Auch die unseren nicht. Ich glaube aber doch, dass wir gut bestanden haben, dass wir allerdings in Tokio mit einer noch größeren, internationalen Konkurrenz rechnen müssen, in den Laboratorien und Trainingsanstalten der ganzen Welt wird gewaltig aufgerüstet. Es kommen die jungen Völker mit ihrem unverbrauchten biologischen Bemühen. Wir versuchen mit wissenschaftlichen Methoden wettzumachen, was uns vielleicht an Trainingszeit fehlt. Im Augenblick sind bedeutende ernährungswissenschaftliche Forschungen im Gang. All diese Dinge gehören nun mal dazu. Ich glaube, wir können mithalten. Ich weigere mich jedenfalls anzuerkennen, dass autoritäre Systeme mit ihren entsprechenden Möglichkeiten von vornherein überlegen sind. Zum Leistungssport gehören auch ein bisschen das Herz und all diese Dinge, die doch sonst unterdrückt werden, wenn man in der Unfreiheit lebt. Und bisher haben wir ja eigentlich doch auch immer ganz gut bestanden.

G.: Wie weit Herr Daume sind denn die Olympischen Spiele von einem friedlichen Wettkampf längst zu einem nationalistischen Ersatzkrieg geworden?

D.: Ja, es ist die Frage, ob es richtig war – sie wird im Internationalen Olympischen Komitee offen diskutiert – dass nach dem letzten Krieg die kommunistische Welt mit hineingelassen wurde. Ich persönlich bin der Meinung es ist richtig. Es sollte im Sport ein Instrument geben, bei dem die Jugend mit der ganzen Welt zusammen sein kann und besonders bei Olympischen Spiele ihre Kräfte messen kann. Man muss dabei gewisse Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen, eben insoweit als die andere Seite den Sport fälschlicherweise vielleicht für politisierbar hält und nun glaubt, mit den Erfolgen von Sportlern eine Propaganda, eine billige politische Propaganda machen zu können.

G.: Glauben Sie, dass davon die Öffentlichkeit in den westlichen Ländern ganz frei ist?

D.: Nein. Der Sport hat nun mal etwas Emotionelles, aber die Sportler selbst können doch, glaube ich, auch noch lächelnd hinnehmen, wenn andere mit Methoden gewinnen, die nicht unsere sind.

G.; Herr Daume, das letzte, die Frage der Emotionalisierung des Sportbetriebs. Sie sind in den dreißiger Jahren als junger Mann, schon der Ausbildung halber, weit herumgekommen. Sie waren in England, in Amerika, in Südafrika. Nach dem Krieg als Präsident des Sportbunds und des Nationalen Olympischen Komitee haben sie große Reisen gemacht. Versuchen Sie doch mal aufgrund dieser Erfahrungen, das deutsche Volk als Sportpublikum zu vergleichen mit anderen Völkern, etwa im Vergleich mit dem englischen Publikum. Haben die Deutschen am Rande des Sportfeldes besondere Vorzüge und besondere Nachteile?

D.: Nein, ich möchte sagen, die Deutschen sind in der ganzen Welt als gutes und faires Sportpublikum bekannt. Die Olympischen Spiele von Berlin gelten überall noch als ein ganz großes Erlebnis, trotz der Zeit des Dritten Reiches. Und ich möchte hoffen, dass diese Sympathie, die das sportliche Deutschland vielleicht mehr hat als das wirtschaftliche Deutschland, dass die uns auch so viel Vertrauen einbringt, eines Tages mal wieder Veranstalter von Olympischen Spielen zu sein.

G.: Gibt es bemerkenswerte, typische Unterschiede zwischen den Sportfunktionären in Deutschland und den Sportfunktionären in anderen Teilen der Welt?

D.: Der bedeutendste ist – ich sagte es schon – dass wir doch schon viel mehr ehrenamtliche Mitarbeiter haben als sonst üblich ist. Mit all den Schwächen, die das mit sich bringen mag. Aber im Großen und Ganzen sind die Sportler, auch die Funktionäre des Sports – um dieses Wort auch zu gebrauchen – doch eine große Familie, die sich gut versteht und besonders gilt das für die Aktiven.

G.: Herr Daume, was kostet sie eigentlich die Wahrnehmung ihrer ehrenamtlichen Pflichten?

D.: Ich will nicht hoffen, dass der Finanzminister mithört, aber ich bringe das Opfer gern, weil ich glaube, es ist für eine gute Sache, und es ist für eine großartige Jugend.

G.: Sie sind ein wohlhabender Mann. Lassen Sie uns es einmal andersrum anschauen. Manche Sportfunktionäre verdienen am Sport insofern, als sie durch die Begleitung zu internationalen Wettkämpfen, etwa Reisen mit einem Standard machen können, der ihnen sonst versagt bliebe. Und führt das nicht automatisch zu einem stetigen Wachstum des Funktionärsapparats, weil halt immer mehr Leute die Gelegenheit ganz gerne benutzen, auch mal ins Ausland zu fahren, beispielsweise nach Innsbruck?

D.: Das ist eine gewisse Gefahr und es gilt aufzupassen. Aber die Dinge liegen nun ja so, dass wir auf ehrenamtliche Mitarbeiter bei unserem System der Organisation angewiesen sind. Es kommen vielleicht auch hier und da Leute, die sonst im Leben versagt haben und die jetzt auf einmal, wie man so schön sagt, im Sport „aufgehen“, die drücken das allgemeine Niveau herunter und bewirken, dass andere, vielleicht bessere, die ja immer auch ein Geselligkeitsbedürfnis dabei befriedigen wollen, abgestoßen werden. Aber im Großen und Ganzen glaube ich doch, dass unsere Mitarbeiterschaft nicht diesen Typ darstellt. Es gibt sehr, sehr viele, es ist also absolut die Mehrzahl, die auch dem Sport ihre Opfer bringen.

G.: Erlauben Sie mir eine letzte Frage Herr Daume. Welcher Sportler ist ihr bewundertes Vorbild?

D.: Meinen Sie persönlich, einen aktiven Sportler?

G.: Wer immer? Es muss auch kein Sportler sein.

D.: Die Frage überrascht mich, wenn ich einen ganz außerhalb liegenden von Ihnen nicht erwarteten Namen nennen darf, möchte ich den Finnen Hakulinen nennen, der glaube ich bei vier Nachkriegs Winterspielen als Skilangläufer Medaillen gewonnen hat und jetzt in Innsbruck auch wieder dabei ist. Der ein einfacher Waldarbeiter ist, ein großartiger Kämpfer, der nie aufgegeben hat, wenn es für ihn noch so schwer und aussichtslos war und der dabei ein sehr geschätzter sportlicher Kamerad in der ganzen Welt ist. Ich sehe in ihm einen der ganz großen Sportler.

Letzte Bearbeitung: 14.1.2026